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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 327 | Der Grüne Kapitalismus kommt Mechthild von Vacano: ReiseReflexionen – SelbstBilder.

Mechthild von Vacano: ReiseReflexionen – SelbstBilder.

Eine rassismuskritische Studie über Ethnotourismus in Tana Toraja, Indonesien. Berlin: regiospectra Verlag 2010, 132 Seiten, ISBN 978-3-940132-17-8, Preis 19,90 Euro.

Büffelopfer für Ethno- TouristInnen

Wenn weiße deutsche TouristInnen auf ihrer ethnotouristischen Erlebnisreise in die indonesische Provinz Tana Toraja an einer Beerdigung teilnehmen; wenn sie sich durch die zeremonielle Übergabe von Geschenken von ‘Fremden’ in ‘Gäste’ transformieren; wenn sie das ‘perfekte Foto’ der ‘traditionellen Tänze’ schießen; und wenn sie schließlich mit Gänsehaut dem ‘animistischen Büffelopfer’ beiwohnen – wie stark verhandeln sie darin nicht nur ihre Bilder der ‘anderen’ Kultur, sondern auch ihre eigenen Identitäten? Welche Rolle spielt hierbei die Interaktion mit anderen TouristInnen und mit den »TouratInnen« (so lautet der Alternativvorschlag für die passive Bezeichnung »Bereiste«). Und wie stark verbleiben sie dabei ihren exotistisch und rassistisch vorgeprägten Bilderwelten verhaftet, allen Idealen des interkulturellen Austausches zum Trotz?

In einer Kombination aus kritisch-ethnologischen Perspektiven und Kritischer Weißseins-Forschung untersucht Mechthild von Vacano die im »backpackernahen Individualtourismus« verhandelten Selbstbilder – eine Forschungsperspektive, die diese gerade auch in ihren Widersprüchen und Brüchen erfassbar macht. Die touristischen Selbstwahrnehmungen werden exemplarisch anhand des Beerdigungsbesuchs analysiert, bei dem die touristische Differenzerfahrung in der Erfahrung des Tieropfers kulminiert. Ergänzt wird dies durch eine Analyse dreier Diskursfelder: Körperkonstruktionen, Kulturdiskurse und ökonomische Verhältnisse. Die Autorin schließt ihr Fazit mit einem Plädoyer für selbst-kritisches Reisen, das jenseits moralischer Verzichtslogiken für ein Verständnis von Tourismus als Bestandteil globaler Machtstrukturen plädiert und für einen verantwortlichen Umgang mit den eigenen Privilegien eintritt.

Dieses geduldige Aushalten von Widersprüchen und Anerkennen der eigenen Verstrickungen, die diese »Ethnographie ‘des Eigenen’« auszeichnet, schlägt sich angenehm im Verhältnis zu den InterviewpartnerInnen nieder. Bei aller analytischen Schärfe gibt die Autorin an keiner Stelle der Versuchung nach, sich in einer distanzierenden Kritik auf die ‘sichere Seite’ jenseits rassistischer Wahrnehmungsstrukturen zu retten. Mindestens ebenso wichtig ist die durchgehende Sensibilität für Subjekt- und Objekt-Positionen, die sich etwa in der Entscheidung niederschlägt, der Analyse touristischer Selbstbilder ethnologische Ausführungen zum Tourismus der Region und den im Ethnotourismus besonders fokussierten Toraja-Kultur voranzustellen. Dies konterkariert die Bilder von den passiv ‘Bereisten’, die lediglich als Projektionsfläche weißer Selbstbilder dienen. Die wechselseitige kritische Bezugnahme klassisch-ethnologischer und rassismus-theoretischer Ansätze macht das Buch akademisch und politisch besonders interessant.

Hervorzuheben ist die (Selbst-)Verständlichkeit, mit der Fragen der kritischen Weißseinsforschung wie etwa »umgekehrter Rassimus«, die soziale Konstruiertheit von »Hautfarben« oder das Thema »Selbstpositionierung« in das analytische Instrumentarium eingeführt werden. Insofern gelingt dem Buch der Brückenschlag zwischen einer verständlichen Einführung in zentrale Fragestellungen der kritischen Tourismus-, Rassismus- und Weißseinsforschung und einem interessanten Debattenbeitrag. Ein spannender Beitrag für die politische Arbeit, akademische Forschung oder die nächste Urlaubsreise.

Anna Weicker

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327 | Der Grüne Kapitalismus kommt
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