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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 327 | Der Grüne Kapitalismus kommt Marie-Hélène Gutberlet, Sissy Helff (Hg.): Die Kunst der Migration.

Marie-Hélène Gutberlet, Sissy Helff (Hg.): Die Kunst der Migration.

Aktuelle Positionen zum europäisch-afrikanischen Diskurs. Material – Gestaltung – Kritik

Migration als gestaltete Wahrnehmung

Der dicht kompilierte Sammelband Die Kunst der Migration fragt nach einer Ästhetik der Migration, bei der die Sicht der AkteurInnen im Mittelpunkt steht. Er verschiebt so die Perspektive von einem Schreiben über die Migration hin zu einem Umgang mit dem Gegenstand des Interesses: MigrantInnen als Subjekt, AgentIn und DialogpartnerIn. Er vereint dafür heterogene Ansätze, die aber nicht zufällig erscheinen, sondern auf die Bandbreite der multiplen Formen von Migration und der Zugänge zu ihr verweisen. Unterschiedliche Wissenschaftsdisziplinen, die von Kulturanthropologie bis zu transkultureller Literatur- und Filmwissenschaft reichen, sind begleitet von autobiographischen Positionen, künstlerischen Arbeiten und konzeptuellen Überlegungen. Wenngleich in der reduzierten Form schwarz-weißer Reproduktionen, durchzieht den Band eine Bildebene, die mit den Texten verschränkt ist, ohne diese jedoch einfach zu illustrieren.

Die einseitige Bewegungsrichtung von Süd nach Nord, die in der eurozentrischen Migrationsforschung vorwiegt, wird in den Beiträgen ebenso in Frage gestellt, wie diese an einer Sprache arbeiten, die nicht den kontrollierenden und klassifizierenden Blick auf Migration reproduziert. So beginnt die Filmwissenschaftlerin und Mitherausgeberin Marie-Hélène Gutberlet ihren Beitrag »Ortswechsel« zu transsaharischen und transmediterranen Reisen in zeitgenössischen Filmen mit einer Reflexion ihrer eigenen transnationalen Bewegungsbiographie und ihrer Einschreibung in ein hierarchisiertes und durch Privilegien und Benachteilungen gekennzeichnetes globales Bewegungsregime.

Intermediale Analysen (wie Dirk Naguschewskis literatur- und filmbasierte Studie) sind ebenso Teil des Bandes wie die Einbeziehung der Verhandlungen von rassifizierten Subjektpositionen im Cyberspace (Sissy Helff), politischer Kartographien in Videospielen (Soenke Zehle) und architekturtheoretischer Überlegungen (Kerstin Pinther). Vor allem im Abschnitt »mobile Narrative« erhalten Analysen von Sprache als Medium und Konfliktfeld der Migration viel Aufmerksamkeit. Einen Schwerpunkt bilden dabei die um Wilfried N’Sondés Roman »Le cœur des enfants léopards« angelegten Beiträge, die literaturwissenschaftliche Analyse, Autorenporträt und Interview verbinden.

An seinen stärksten Stellen gelingt es dem Band, die multiplen Perspektiven ineinander zu verschränken: So etwa wenn die Filmemacherin und Theoretikerin Brigitta Kuster und der Video-und Radiomacher Moise Merlin Mabouna mit ihren jeweiligen Zugängen über ihr gemeinsames Projekt sprechen, das von Gutberlet schließlich aus einer Rezeptionsperspektive beschrieben wird. Letztere thematisiert eine weitere Migrationsdimension, die entsteht, wenn die Installation selbst an einem anderen Ort ausgestellt wird und dieser die Auseinandersetzung mit neu entstehenden Bedeutungsebenen herausfordert. In diesen Verschränkungen werden die Subjektivitäten sichtbar, die sich in der und im Verhältnis zur Migration artikulieren.

Lotte Arndt

327 | Der Grüne Kapitalismus kommt
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