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Hefteditorial

Ni dieu ni maître

Über die Diskriminierung Gläubiger wurde in den letzten Jahren in hiesigen Medien viel berichtet. Anlässe gab es genug, etwa Christenverfolgungen im Irak, rassistische Ressentiments gegen Muslime in Europa oder Repression gegen buddhistische Mönche in Myanmar.

In jüngerer Zeit häufen sich Berichte über Angriffe auf AtheistInnen und Säkulare. Es drängt sich der Eindruck auf, als breche weltweit eine Welle religiöser Intoleranz über Nichtgläubige, ReligionskritikerInnen und andere »Gottlose« herein.

In der Türkei erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den Pianisten Fazil Say wegen »Störung des öffentlichen Friedens« und »Verunglimpfung der religiösen Werte des Volkes«. Der bekennende Atheist hatte über Twitter ein knapp tausend Jahre altes (!) Gedicht des persischen Poeten Omar Khayyam verbreitet, in dem der Prophet Mohammed so angesprochen wird: »Du sagt, du wirst jeden Gläubigen mit zwei Jungfrauen belohnen – ist das Paradies denn ein Bordell?« Say drohen bis zu 18 Monate Haft, er überlegt nun, nach Japan auszuwandern.

Popstar Lady Gaga musste ihr Konzert in der indonesischen Hauptstadt Jakarta absagen. Die »Islamische Verteidigerfront« hatte gedroht, ihren Auftritt zu verhindern. Die aus begründeter Sorge vor gewalttätigen Ausschreitungen erfolgte Absage interpretierten die militanten Muslime als »Sieg Allahs«. Auch in Seoul und Manila hatte es Versuche gegeben, Lady Gagas Konzerte zu verhindern – dort von Seiten konservativer ChristInnen. Sie konnten sich allerdings nicht durchsetzen.

Anders war es im Falle des feministischen Kollektivs Pussy Riot in Russland. Die mit Punk-Attitude auftretenden jungen Frauen hatten im Februar in der wichtigsten Kirche der Orthodoxen ein Gebet gegen Russlands Autokraten angestimmt: »Mutter Gottes, verjage Putin«. Die Kirche als Ort des Protestes war mit Bedacht gewählt: Die engen Verbindungen zwischen Orthodoxen und russischem Staat sind ein wichtiger Bestandteil der Herrschaftsbasis von Putin. Drei der Frauen sitzen nun in Haft, ihnen droht Gefängnis bis zu sieben Jahren. Dass Russland offiziell ein säkularer Staat ist, hilft ihnen nicht.

In Tunesien gingen Salafisten Mitte Juni mit massiver Gewalt gegen die Kunstausstellung »Frühling der Kunst« vor. Dort wurden unter anderem Bilder gezeigt, die von IslamistInnen als »unislamisch« und »blasphemisch« inkriminiert werden, wie etwa jenes Bild, auf dem Ameisen das Wort »Allah« bilden. Die Mauern des Museums wurden mit Parolen wie »Ungläubige haben hier keinen Platz« beschmiert. Das kampagnenartige Vorgehen ist kein Einzelfall: Seit der Revolution im Januar 2011 fühlen sich radikale IslamistInnen ermutigt, alle zu verfolgen, die sich nicht ihren rigiden Moralvorstellungen anschließen wollen. Der Staat, der großteils von den Islamisten der En Nahda-Partei regiert wird, verhält sich indifferent oder sogar wohlwollend gegenüber den selbsternannten Tugendwächtern. Umso emsiger verfolgt er Säkulare, etwa die Filmemacherin Nadia El Fani (siehe Interview auf S. 42).

Als besonders unerbittlich gegenüber anders Denkenden erweist sich erneut das Mullahregime im Iran. Mehrere Großayatollahs klagten den im deutschen Exil lebenden Rapper Shahin Najafi in einer Fatwa an, er habe sich der »Ketzerei« schuldig gemacht. Anlass war der Song »Naghi«, in dem Najafi mit ironischen Formulierungen die Bigotterie der Mullahs angreift. Das Youtube-Video zu diesem Song zeigt eine Karikatur, in der die Kuppel einer Moschee einer weiblichen Brust nachgebildet ist – ein drastischer Hinweis auf die Unterstützung der Prostitution durch muslimische Geistliche im Iran. Denn die von ihnen gegen Bezahlung geschlossenen »Kurzzeitehen« sind oft nichts anderes als eine verquaste Form der ‚Legalisierung’ von Prostitution.

Prompt wurde im Iran ein Kopfgeld von 100.000 Euro auf Najafi ausgesetzt. Auch wenn die Fatwa selbst nicht zu seiner Tötung aufruft, sind sich alle Fachleute einig, dass sein Leben in Gefahr ist. Die deutsche Bundesregierung verurteilt zwar die Drohungen gegen Najafi, die offensichtlich auch von einem Mitarbeiter des iranischen Generalkonsulats in München per Email verbreitet wurden. Doch sie übt sich einmal mehr in stiller Diplomatie gegenüber dem Mullahregime, statt sich in gebotener Deutlichkeit vor Najafi zu stellen.

Einer der erschreckend wenigen hiesigen Intellektuellen, die in dieser Situation die richtigen Worte finden, ist Günter Wallraff: »Es gibt zwei Wege, mit so einer Situation umzugehen: Man kann sich zurückziehen und sich raushalten. Aber damit ermutigt man diejenigen, die einen mit dem Tode bedrohen.« Wallraff entschied sich für den anderen Weg: Er bot Najafi Unterschlupf an. Bereits 1979 hatte Wallraff dem Schriftsteller Salman Rushdie Schutz gewährt, als dieser Opfer einer Todesfatwa von Khomeini war.

Was in allen genannten Fällen auffällt: Religionskritik vermischt sich fast immer mit Ablehnung der weltlichen Herrschaft. Sie richtet sich gegen die ganz profanen, unheiligen Allianzen jener weltlichen wie geistlichen Herren, die sich gegenseitig die Macht zusprechen. Nicht von ungefähr lautete eine der wichtigsten Parolen des antifeudalen Kampfes der AnarchistInnen »Ni dieu ni maître« (Kein Gott, kein Herr).

Religionsfreiheit ist selbstverständlich, sie gilt uneingeschränkt für alle Religionen. Sie beinhaltet aber auch die Freiheit, nicht zu glauben. Und sie endet dort, wo Gläubige die Freiheit der Anders- und der Nichtgläubigen einschränken oder gar gewalttätig zu unterdrücken suchen. Gegenüber jedweden Versuchen, partikulare religiöse Moralvorstellungen der Allgemeinheit aufzuoktroyieren und Religionskritik gewaltsam zu unterbinden, gibt es nur ein uneingeschränktes, unrelativiertes »Nein!«. Es auch aus dem Munde von Gläubigen zu hören, wünscht sich

 

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331 | Restitution geraubter Gebeine
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