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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 332 | Wem gehört die Stadt? Antirassismus: Ein Leben gegen die Apartheid

Antirassismus: Ein Leben gegen die Apartheid

von Hanno Plass

In London wurde der afrikanischen Revolutionärin Ruth First gedacht

Vor dreißig Jahren wurde die weiße Antiapartheid-Aktivistin und Sozialwissenschaftlerin Ruth First (1925-1982) durch den südafrikanischen Geheimdienst ermordet. Ein Symposium in London würdigte nun ihr Engagement für das Ende der rassistischen und kolonialen Unterdrückung in Afrika.

Die Bombe des südafrikanischen Geheimdienstes, die am 17. August 1982 an der mosambikanischen Universidade Eduardo Mondlane explodiert, tötet Ruth First sofort. Die Wucht der Explosion verletzt auch die anwesenden FreundInnen und KollegInnen. Ihrer Beisetzung wenige Tage später wohnen 3.000 Trauernde aus 67 Ländern bei, unzählige FreundInnen und GenossInnen senden Beileidsbekundungen.

Ruth First gehörte zu einer südafrikanischen Minderheit in der Minderheit: den weißen GegnerInnen der Apartheid. Nur wenige Privilegierte begehrten gegen das gewalttätige Unrecht der Apartheid auf, die seit 1948 ganz offiziell die schwarze, indische und gemischte Mehrheit zugunsten der weißen Minderheit unterdrückte. Diejenigen Weißen, die sich gegen die rassistische Diskriminierung wandten, waren oft selbst als Linke von politischer Verfolgung betroffen. Auch weil sie mehrheitlich jüdischer Herkunft waren, wurden sie der Illoyalität gegenüber dem südafrikanischen Staat verdächtigt.

Beides trifft auch auf Ruth First zu. Ihre Großeltern und Eltern fliehen um die Jahrhundertwende vor Armut und antisemitischer Gewalt aus dem Ansiedlungsrayon des russischen Kaiserreiches nach Südafrika. Dort wird politisches Engagement zum Zentrum ihres Lebens. Ruth First tut es ihren Eltern gleich, sie tritt mit 14 in den Junior Left Book Club ein, befreundet sich auf der Universität mit Nelson Mandela und gründet die Federation of Progressive Students. Sie wird Mitglied im Kommunistischen Jugendverband, da ihre Interessen immer über den Campus hinaus auf die gesellschaftliche Realität zielen. Kurz darauf wird sie Mitglied im Johannesburger Zweig der Kommunistischen Partei Südafrikas (CPSA, später SACP).

Angesichts der harschen Repressionen gegen den Minenarbeiterstreik von 1946 tritt Ruth First der Redaktion des Guardian bei, einer an der CPSA orientierten Zeitung, und gibt damit ihre berufliche Sicherheit auf. Zu dieser Zeit lernt sie ihren künftigen Ehemann und Mitstreiter Joe Slovo kennen, der als gerade demobilisierter britischer Soldat in den Kommunistischen Jugendverband eingetreten war und an der Witwatersrand-Universität Jura studiert. Im Zuge des CPSA-Verbots werden beide als KommunistInnen gebrandmarkt. Ihr Leben ist ausgefüllt von journalistischer Arbeit und politischer Aktivität – für den neu gegründeten Congress of Democrats, der Plattform der weißen Opposition, und für die Reaktivierung der KP.

Die unermüdlichen Anstrengungen Ruth Firsts gegen die Apartheid, ihre Verfechter und Profiteure werden fortan von der Polizei verfolgt: Die CPSA und der Congress of Democrats werden verboten und 156 AktivistInnen wegen Hochverrats angeklagt (1956-1961). Nach dem Massaker von Sharpeville 1960, bei dem die Polizei 69 schwarze DemonstrantInnen erschießt, verhängt die Apartheidregierung den Ausnahmezustand. 1963 wird die Führung des militanten Arms von SACP und ANC (Umkhonto We Sizwe; Speer der Nation) verhaftet. FreundInnen wie Hilda und Lionel Bernstein, die mit viel Glück freigesprochen werden, gehen nach England. Denis Goldberg, Nelson Mandela, Ahmed Kathadra und andere ereilt das Urteil zu lebenslanger Haft. Nach 117 quälenden Tagen in Polizeigewahrsam entschließen sich Ruth First und ihre Eltern, Südafrika zu verlassen. Ihr Ehemann Joe ist ohnehin schon untergetaucht und außer Landes.

In England verschafft ihr der ebenfalls geflohene Aktivist Ronald Segal, inzwischen Herausgeber der African Library bei Penguin Books, die Möglichkeit zu publizieren. Ihre beiden Bücher über das von Südafrika verwaltete Namibia und ihre Erfahrungen während der Haft werden zum Erfolg. Sie beginnt über die Anti-Apartheidsbewegung und den ANC zu schreiben und wird prominente Aktivistin in Großbritannien. Zwischen 1964 und 1968 bereist Ruth First die neu entstandenen afrikanischen Staaten und analysiert sie in ihrer Studie »The Barrel of a Gun«. Auch wenn ihr Lebensmittelpunkt in London ist, arbeitet sie ab 1973 an der Universität Durham. Zwar findet sie dort Zugang zu feministischen Theorien und gründet das Review of African Political Economy mit, aber die Stadt im Norden Englands deprimiert sie, denn die Wege zu den FreundInnen sind lang. Daher nimmt sie erleichtert Gastaufenthalte in Dar es Salaam und Maputo wahr. Dort, im gerade von Portugal unabhängig gewordenen Mosambik, blüht sie auf. An der Universidade arbeitet sie in einer Gruppe marxistischer AkademikerInnen und wird Forschungsdirektorin am Centro de Estudos Africanos. In dieser wichtigen Position bildet sie mosambikanische Kader aus, und die Studien des Centros über die Tee- und Baumwollindustrie sowie über WanderarbeiterInnen fließen in die Politik der jungen Regierung ein. Wohl auch wegen dieser synthetisierenden Position von engagierter Wissenschaftlerin und internationalistischer Sozialistin rückt Ruth First ins Fadenkreuz des südafrikanischen Geheimdienstes.

Es war ihr alter Weggefährte Albie Sachs, der das emotionsreiche Londoner Symposium aus Anlass des dreißigjährigen Todestages eröffnete. Neben der Würdigung ihres Aktivismus, ihres bahnbrechenden investigativen Journalismus und ihrer akademischen Verdienste wurde die Forderung laut, weder Ruth First selbst noch ihr Engagement für eine sozialistische Zukunft in Vergessenheit geraten zu lassen. Dass diese Perspektive nicht nebulös blieb, dafür sorgte die von Gillian Slovo im Geiste ihrer Mutter erhobene Forderung, die derzeit vom ANC vorgesehene Einschränkung des »Freedom of Information Bill« zu verhindern. Dieses Gesetz sieht vor, die Informationsfreiheit in einem sehr vage gehaltenen »nationalen Interesse« massiv einzuschränken. KritikerInnen sehen die Korruptionsvorwürfe gegen Jacob Zumas Regierung als wirklichen Grund für die Gesetzesvorlage.

Dass man sich aber nicht auf die legislative Auseinandersetzung beschränken darf, dafür ist Ruth First ein prägnantes Vorbild. »The Struggle continues«, wurde in London mehrfach postuliert. Dies trifft das Selbstverständnis von Ruth First recht gut.

 

Mehr Infos: www.ruthfirstpapers.co.uk
Ruth First: Voices of Liberation. Zusammengestellt und eingeleitet von Don Pinnock. Kapstadt 2012

Hanno Plass ist Historiker und forscht am Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung über die Exilerfahrungen südafrikanischer Jüdinnen und Juden in England.

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