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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 333 I Die Krise des Kapitalismus »Inside Occupy« - Bewegung in Zeiten der Krise

»Inside Occupy« - Bewegung in Zeiten der Krise

von Gerhard Hanloser

Der intellektuelle Aktivist David Graeber gilt bereits seit seinem Buch »Schulden« als Vordenker der Occupy-Bewegung. In »Inside Occupy« gibt er nun einen tiefen Einblick ins Innenleben einer Bewegung, die mit gängigen Analyserastern nur schwer zu fassen ist und die insbesondere auch die klassische marxistische Linke irritiert.

Schwierigkeiten bereitet so manchen BeobachterInnen die unverhofft aufgetretene Occupy Wall Street-Bewegung, die Mitte 2011 in New York ihren Ausgang nahm, sich binnen weniger Wochen auf 800 Städte ausbreitete und weltweit bis zu Oppositionsgruppen in China Unterstützung erfuhr. Die Parole »We are the 99%« und die Attacken auf die Macht der Banken verkörperten einen linken Populismus, kritisierten manche die Bewegung. Andere meinen, es handele sich lediglich um das Wiederauftauchen der »Antiglobalisierungsbewegung« genannten Protestbewegung ab 1999, die im Zuge des »War against Terror« marginalisiert wurde. Folgt den Protesten gegen die Macht der Konzerne und die Gipfel der Staatschefs nun also ein Protest gegen die Macht der Banken und der sie begünstigenden Staaten? Dass all diese Vermutungen den Kern der Occupy-Bewegung nicht treffen, macht der gleichermaßen erhellende wie gut zu lesende Bericht von David Graeber Inside Occupy deutlich.

Der 51-jährige US-amerikanische Autor legte bereits mit »Schulden. Die ersten 5000 Jahre« ein libertäres, mit reichhaltigem ethnologischen Material angefülltes Standardwerk vor. Mit ihm verfolgt er nicht nur den politischen Zweck eines umfassenden Schuldenerlasses, sondern er entmystifiziert den sich als Tauschgesellschaft präsentierenden Kapitalismus als Herrschaftssystem. Graeber stellt vormoderne und außereuropäische Gesellschaften dar, in denen wirtschaftlicher Austausch in andere soziale Praxen eingebettet war. Damit kann er eine soziale Phantasie befeuern, die kapitalistische Abhängigkeits- wie Herrschaftsverhältnisse gleichermaßen ablehnt und die Menschen zu vielseitigen und freien Bindungen motiviert, jenseits von Verdinglichung und künstlichen Trennungen.

Die Party ist vorbei

Graeber ist Ethnologe am Goldsmiths College der University of London und versteht sich selbst als Teil der neuen mobilen Linken. In der Occupy Wall Street-Bewegung (OWS) und bei der Besetzung des Zuccotti-Parks nahe des Finanzdistrikts von Manhattan spielte Graeber selbst eine bedeutende Rolle, weswegen seine Beobachtungen auch aufmerksamen BeobachterInnen sozialer Bewegungen Neues präsentiert.

Denn Graeber verschweigt natürlich nicht die etwaigen Kontinuitäten zu den Mobilisierungen aus den Jahren 1999 bis 2001, die mit den Städtenamen Seattle, Prag, Göteborg und Genua verbunden sind. Er macht jedoch in zuweilen poetisch anmutender Sprache auf die deutlichen Unterschiede aufmerksam. So »verstanden sich die Mobilisierungen von 1999 bis 2001 im Wesentlichen als 'Karnevals gegen den Kapitalismus', 'Festivals des Widerstands' mit ihren dramatischen Auftritten des Schwarzen Blocks. Entsprechend erinnern wir uns an diese Ereignisse, wenn überhaupt, mehr ihrer riesigen Puppen wegen, der Clowns und Blaskapellen, der heidnischen Priesterinnen, der radikalen Cheerleader und der 'rosa Blocks' in Ballettröckchen, die die Polizisten mit Staubwedeln kitzelten – mit einem Wort: wegen der operettenhaften römischen Heerscharen, die in aufblasbaren Rüstungen durch Barrikaden stolperten. [...] Im Vergleich zur gegenwärtigen Mobilisierungsrunde ging es damals also sowohl militanter als auch schrulliger zu. OWS ist dahingegen keine Party, es ist eine Gemeinschaft. Und es geht weniger, wenigstens nicht primär, um Spaß als um soziales Engagement.«

Graeber ergänzt dies noch dahingehend, dass sich bei den Aktionen gegen das WTO-Treffen in Seattle 1999 im Grunde nur zwei Perspektiven eröffneten: Mittelschichtsorientierte Fair-Trade-Praktiken versus militanter Aktionismus, um die potentiell revolutionären Elemente zusammen zu führen. OWS ist demgegenüber sozial um einiges breiter angelegt. Angestoßen wurde die Bewegung von einem Bündnis zwischen Kindern von Geistesarbeitern und talentierten Kindern der unteren Schichten, die sich eine bürgerliche Bildung erarbeitet haben. Doch dieser Mobilisierungskern blieb nicht lange alleine: »War die Menge in den ersten Tagen fast blütenweiß gewesen, begann sie bald bunter zu werden, zu den Teenagern in Dreadlocks gesellten sich afroamerikanische Rentner und Latino-Veteranen, die in Afghanistan oder im Irak gewesen waren«.

Die Bewegung selbst findet auch in einem gänzlich anderen globalen Rahmen statt. Sie ist nicht mehr eine oft noch verzweifelt vorgetragene Gegenthese zu der Behauptung, das Ende der Geschichte sei nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus gekommen. Sondern sie taucht in einem Moment auf, in dem wieder die Straße und die Menge Politik zu machen beginnt. Graeber erwähnt die Platzbesetzungen in Ägypten, in Athen, Barcelona und Madrid, die der US-amerikanischen Bewegung vorausgingen.

Abkehr von der Politik

Zwei Gründe scheinen für Graeber im Zentrum der auslösenden Faktoren von OWS zu stehen. Zum einen das Scheitern von Präsident Barack Obama und zum anderen die tiefe Krise in den USA. Obama war in den Augen der jungen Generation ein echter Hoffnungsträger, doch er versagte grandios. In den Augen vieler junger AmerikanerInnen ist er nach wie vor kein Verräter, sondern ein echter Demokrat links von der Mitte. Doch die offensichtliche Unfähigkeit Obamas, wirklich etwas zum Positiven zu verändern, bestärkt viele junge AmerikanerInnen in ihrer Abkehr vom US-Parlamentarismus und von freien Wahlen, aber auch vom Glauben, Forderungen an Politiker könnten irgendetwas bezwecken.

Auf der Webseite »Wearethe99percent« finden sich Steckbrief-ähnliche Selbsterklärungen von Menschen, die allesamt die Occupy-Bewegung mittragen. Die häufigsten darin auftauchenden Worte sind »Job« und »Schulden«. Wiederholt machen vornehmlich junge Frauen, oft allein erziehend, darauf aufmerksam, dass sie gerne voller Engagement in einem sozialen Beruf arbeiten würden, dass sie innerhalb der gebotenen kürzesten Zeit ihre Berufsausbildung mit allerhand Verschuldung gestemmt hätten und nun nicht mal in der Lage sind, für sich und ihre Kinder aufzukommen. Es sind Menschen, die jahrelang im Sinne des gesellschaftlichen Wertekanons alles richtig gemacht haben und voller optimistischer Zukunftspläne waren, denen die krisenhafte US-Ökonomie allerdings keine Chance offeriert. Sie erkennen sich nun gegenseitig in den Protesten der »99%« wieder.

Graeber sieht in OWS die verborgene Geschichte der Demokratie, die in den USA stets an den Rändern und in den unteren Klassen ihre Heimat hatte, wieder auftauchen. Er macht seine LeserInnen mit den konkreten Methoden der Urteils- und Entscheidungsfindung auf den Plätzen vertraut. So wird

im besten Fall per Konsens- und nicht per Mehrheitsprinzip entschieden. Wichtig sind ausgeklügelte Moderations- und Verständigungsformen, die so egalitär und vertikal wie möglich ausgelegt sein sollen. Graeber spricht sich allerdings gegen eine zu starke Formalisierung aus und macht aus seinem Abscheu gegenüber einem oft feministisch begründeten Mittelschichtshabitus des betonten Zuhörens und der gewaltfreien Kommunikation kein Geheimnis. Denn: »Wut und Frustration zu zeigen ist nicht weniger wichtig (und legitim) als Humor und Liebe«.

In Graeber spricht ein Intellektueller mit Bewegungserfahrung – das gibt es nicht oft, deswegen sind auch seine Darstellungen der Probleme, denen eine soziale Bewegung gegenübersteht, von einigem Interesse für zukünftige »politics of street«. Der »aufgeschlossene Anarchist«, wie er sich selbst bezeichnet, rät zur Verweigerung jeglichen Kontakts mit der Polizei, weil AnsprechpartnerInnen und RepräsentantInnen sehr leicht gezwungen werden, einer Logik zu folgen, die vollständig außerhalb der Bewegungslogik liegt. Er rät zur Marginalisierung von Prominenten und Volksrednern, denn »Volksreden zu halten wirkt ansteckend, und sich vor Ansteckung zu schützen war anfangs sehr schwer.« Er macht auch auf die im Kern korrumpierende Wirkung von professionellen BewegungspolitikerInnen aufmerksam, die OWS in Form der bezahlten erfahrenen Vollzeitangestellten von MoveOn mit allerhand gutem Willen und Dominanzansprüchen bedrängten. Nicht zuletzt weist Graeber auch auf die schwierigen Folgen von Geldspenden hin, die zuweilen für Streit auf den Plätzen gesorgt haben.

Vernünftig radikal sein

»Es gibt Zeiten«, schreibt Graeber, »in denen die radikale Position einfach die einzig vernünftige ist«. Er zeigt sich damit als Teil einer subversiven, anarchistisch inspirierten historischen Unterströmung der Linken, die die US-Geschichte von Anfang an durchzog und die immer wieder in der Lage ist, an die Oberfläche durchzudringen. Ist Occupy wieder abgetaucht? Aus dem medialen Scheinwerferlicht verschwunden, arbeiten die Occupy-Mobilisierungen inzwischen stärker »community-based«, beispielsweise bei der Verhinderung von Zwangsräumungen in der Nachbarschaft (zur konkreten Entwicklung von Occupy siehe iz3w 331). Einige BeobachterInnen sprechen schon von einem »Scheitern der Bewegung«, weil sie sich nicht zu einem revolutionären Aufbruch und Bruch verdichten konnte.

Eine solche Wahrnehmung würde Graeber vermutlich absurd erscheinen. Ein Blick in sein Buch »Schulden« verrät die soziale Bewegungsgrammatik, der er folgt. Demnach existieren in Gesellschaften mal stärker, mal schwächer ausgeprägt drei Formen von Verhaltensweisen, die sich als kommunistisch, hierarchisch oder der Tauschlogik verpflichtet definieren lassen. Kommunistische Verhaltensweisen orientieren sich an der Aussage »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen«. Dieses kommunistische Prinzip lässt sich für Graeber am ehesten in kleinen, übersichtlichen Gemeinschaften und in direkten persönlichen Begegnungen realisieren. Da Occupy dieses Prinzip gestärkt und die anderen zurückgedrängt hat, ist nichts verloren.

Eine solche Sichtweise kann, ja muss man als beschränkten mikropolitischen Verhaltenskommunismus kritisieren. Doch er hinterlässt immerhin praktische Spuren – was man von sozial ungedeckten, leeren großen Gesten wie »Für den Kommunismus« nicht behaupten kann.

 

David Graeber: Inside Occupy. Campus Verlag, Frankfurt/New York 2012. 200 Seiten, 14,99 Euro.

Gerhard Hanloser schrieb zuletzt im Sammelband »Occupy Anarchy« (Münster 2012).

333 I Die Krise des Kapitalismus
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