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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 334 | Antiziganismus "Es hat mir den Kopf geöffnet"

"Es hat mir den Kopf geöffnet"

Interview mit Pti Luc über afrikanische Comics

iz3w: Du warst häufig mit dem Motorrad in Afrika unterwegs. Beruflich oder einfach nur, um Urlaub zu machen?

Pti’ Luc: Wer in diesem Metier arbeitet, hat keinen Urlaub. Doch ab und an muss man die eigene Vorstellungskraft auffrischen. Ich habe immer davon geträumt, zu reisen und Comics zu machen. Seit Mitte der Neunziger Jahre habe ich praktisch jedes Jahr größere Reisen unternommen, von 1997 an war ich so gut wie jedes Jahr in Afrika. Ein paar Mal auf Einladung von kulturellen Einrichtungen, ansonsten auf eigene Faust mit dem Motorrad.

 

Hast du immer und überall einen Skizzenblock in der Tasche?

Ich zeichne, fotografiere und schreibe. Vor allem schreibe ich. Erst nur für mich, doch seit dem Jahr 2000 verschicke ich Rundmails an alle, die mir nahe sind. 2005 habe ich daraus einen Blog gemacht. Freunde, die bei Motorradzeitschriften arbeiten, stellten ihn auf ihre Webseite.

 

Kam es eher zufällig zu den Begegnungen mit afrikanischen Künstlern, oder waren die Treffen geplant?

Erst luden mich Kulturzentren ein, dann stellte ich über französische Kultureinrichtungen zu jedem Land, das ich durchquert habe, vorab Kontakte her. Manchmal stieß ich auf Institutsleiter, die Comics lieben und sich freuten, mich zu empfangen, oder die Workshops und Werkstattgespräche organisierten. Auf so einer Motorradfahrt hat man ja Pannen… Manchmal gab ich auch im Tausch für die Pannenhilfe einen Workshop.

Dem Literatur-Verlag Albin Michel aus Paris schlug ich vor, eine Reihe mit afrikanischen Comics zu veröffentlichen. Ich ging einfach hin und zeigte den Verlagsleuten alle meine Dossiers mit den afrikanischen Zeichnern. Ein paar von ihnen konnten daraufhin erste Bücher bei dem Verlag veröffentlichen.

 

Um was ging es in den Workshops?

Um Seitenaufteilung, Kadrierung, die Gesamtkomposition einer Comicseite, die Verteilung der Sprechblasen, und die Arbeit an der Story. Es gibt außergewöhnliche Zeichner, aber oft fehlt das Gespür für die Erzähltechnik. Viele zeichnen Geschichten, wie sie gerade kommen, ohne einen richtigen Anfang oder Schluss. Oft sind die Zeichnungen sehr schön, mit alltäglichen Szenen, oft mit einer Kombination aus traditionellem afrikanischem und europäischem Zeichenstil. Ich habe vor allem bei den »Scénarios«, beim Storytelling, Hilfestellung angeboten, aber ich will nicht den Zeichenstil der Künstler anrühren oder ändern.

 

Comics, so hört man oft, spielen in Afrika keine so große Rolle wie etwa in Frankreich oder Belgien. Wo liegen denn eigentlich die Zentren des afrikanischen Comicschaffens?

Es gibt afrikanische Länder mit einer langen Comic-Tradition. Das hat mit der Kolonialvergangenheit zu tun. Etwa der belgische Kongo, der zu Zaire und dann zur so genannten Demokratischen Republik Kongo wurde. Dort findet man ungeheuer gute Zeichner, die mit den klassischen belgischen Comics aufgewachsen sind. Im westlichen Afrika erschien bis 1998 das Magazin Kouakou [herausgegeben vom französischen Verlag Segedo im Auftrag mehrerer NGOs, mit Geschichten französischer und afrikanischer Künstler, A. d. Red]. Viele junge Leute kamen durch diese Zeitschrift auf die Idee, selbst Comics zu zeichnen. Die Künstler teilen sich durch eigene Comics mit, ohne sich vorstellen zu können, dass ihr Schaffen in Europa ein richtiges Business ist und hier einige Comicautoren ziemlich gut von ihrer Arbeit leben können.

Andererseits glauben manche afrikanische Zeichner, wenn sie vom europäischen Comicmarkt hören, sie könnten da Karriere machen. Allerdings haben viele einen zeichnerischen Stil, der zu ihrem Land passt, auf dem Weltmarkt aber nicht unbedingt funktioniert. Natürlich gibt es ein paar, die es schaffen, wie auch in der Malerei, in der Musik, aber ihre künstlerische Ausdrucksform wird dafür kommerzialisiert. Einige wenige schaffen das, viele hoffen darauf. Das ist die Lotterie des künstlerischen Gewerbes!

 

Wo in Afrika gibt es denn einen Markt für Comics, Verlage und Vertriebsstrukturen?

Eigentlich nirgendwo. Die Leute machen ihre eigenen Comics und verkaufen sie auf der Straße, zum Beispiel in Kinshasa. Sie produzieren sozusagen eigene kleine Künstlereditionen, ganz anders als in Europa. In Algerien zum Beispiel ist die fehlende Vermarktungsstruktur ein großes Problem. Auf dem Comicfestival von Algier gibt es mehr und mehr talentierte Zeichner, aber es gibt in Algerien kaum Buchhandlungen. Es existiert ein intellektuelles Milieu, doch man findet höchstens zwei, drei Buchhandlungen in einer großen Stadt, und es gibt nur zwei, drei wirklich große Städte.

 

Welche afrikanischen Zeichner werden im Westen wahrgenommen und veröffentlicht?

Barly Baruti aus dem Kongo war der erste Zeichner, der dank des Institut Français aus Kinshasa in Frankreich publiziert wurde. Er brachte später mehrere Arbeiten beim Verlag Glénat unter, allerdings nach Geschichten des französischen Comicautors Frank Giroud. Es gibt hier in Frankreich eigentlich sehr wenige afrikanische Comics, die von Afrika erzählen und von afrikanischen Autoren geschrieben sind. Hector Sonon aus Cotonou [Bénin] hat gerade ein Buch für den Casterman Verlag gezeichnet, aber wieder nach einer Geschichte eines französischen Texters. Dabei hätte der wirklich selbst etwas zu erzählen! Auch das ist eine Art von Kolonialismus.

Ähnlich ergeht es Thembo Kash aus Kinshasa. Er hat bei dem belgischen Comic-Verlag Joker veröffentlicht. Auch »Aya de Yopougon«1 ist zur Hälfte ein französischer Comic. Es gibt meines Wissens nach keinen Comic, der wirklich zu hundert Prozent afrikanisch ist und bei uns publiziert werden würde, schade... Doch eine Zeit lang gab es eine ganze Generation von Comic-Künstlern aus Madagaskar, wo Comics eine lange Tradition und einen außergewöhnlichen Stil haben. Das alles ist verschwunden. Das einzige, wo wirklich was läuft, was wirklich die Spur hält, das ist Gbich!, eine Satirezeitschrift aus Abidjan. Und das trotz der politischen Situation und trotz des Bürgerkriegs in der Elfenbeinküste. Ein politisches Satireblatt, vielleicht vergleichbar mit Charlie Hebdo in Frankreich, ganz ohne Subventionen, und trotzdem vermutlich das einzige Magazin, bei dem ein ganzes Team von Zeichnern und Autoren von ihrer Arbeit leben kann. Allerdings ist Gbich! eben eher politische Satire als Comic. Das hat Zukunft: Satire-Zeitschriften auf billigem Papier. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es dort in naher Zukunft einen Markt für gebundene, farbig gedruckte Comicalben geben wird.

 

Ich habe hier bei uns ein paar beeindruckende Comics aus der Elfenbeinküste gefunden...

Es gibt eine Menge Zeichner, die qualitativ sehr gute Sachen machen, aber nur die Leute bei Gbich! können wirklich davon leben. In Kamerun wird versucht, Zeitschriften ins Leben zu rufen, doch die sind von Europa subventioniert. In Gabun ist das ähnlich. Der Gabuner Pahé zeichnet Geschichten über sein eigenes Leben, er hat einen Verleger in der Schweiz gefunden [La vie de Pahé und Dipoula, erschienen bei Editions Paquet in Genf, A. d. Red]. Die Zeichnerin Joëlle Ebongue aus Kamerun lebt zur Zeit in Belgien, sie betreibt dort einen Blog. In Kamerun selbst gibt es keinen Verlag für Comics.

Selbst wenn es afrikanische Comicverlage gäbe: Die Vertriebswege fehlen. Gbich! kann sich halten, weil es in Westafrika funktionierende Straßen gibt, Langstrecken-Busverbindungen, Busbahnhöfe, Kioske. So kann man Gbich! überall finden. Doch in Zentralafrika würde der Vertrieb nicht klappen, es gibt keine fortlaufenden Straßen, niemand durchquert mal eben so Kongo-Kinshasa oder Kongo-Brazzaville.

 

Gibt es Comics für Kinder?

Die werden meistens vom Ausland finanziert, didaktische Heftchen, die in Dörfern verteilt werden, Aufklärung über Krankheiten, über Aids, solches Zeug. Das ist nicht unbedingt schlecht gemacht, und einige Zeichner leben davon. Sie haben sich von der Vorstellung verabschiedet, Autorencomics zu machen, und arbeiten stattdessen mit NGOs zusammen.

 

Haben die Begegnungen mit afrikanischen Zeichnern deine eigenen Comics beeinflusst?

Nein, nicht direkt. Aber es hat mir den Kopf, den Geist geöffnet.

 

Anmerkung

1             Eine sehr erfolgreiche französische Comicserie über ein Mädchen aus der Elfenbeinküste. Die Reihe hat viele internationale Auszeichnungen gewonnen, eine Verfilmung ist derzeit in Vorbereitung. Die Autorin Marguerite Abouet ist in der Elfenbeinküste geboren, während der Zeichner aus Frankreich stammt.

 

 

Das Interview führte und übersetzte Alexander Sancho-Rauschel.

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