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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 334 | Antiziganismus Ein kategorischer Imperativ

Ein kategorischer Imperativ

Das iranische Regime und das Versagen vieler Linker

von Stephan Grigat

 

Das Kapital ist blind und scharfsichtig zugleich: scharfsichtig ist es hinsichtlich internationaler Anlage- und Verwertungsmöglichkeiten; blind hinsichtlich des Wohlergehens von Menschen. Lassen sich mit Folter, Krieg und Verelendung Profite erzielen, wird in Folter, Krieg und Verelendung investiert. Versprechen Rechtsstaatlichkeit, Ausweitung individueller Gestaltungsmöglichkeiten und Stärkung der Kaufkraft der abhängig Beschäftigten die besseren Renditen – auch gut.

Insofern sind die Geschäfte mit Iran, die insbesondere die EU-Staaten und die Schweiz in den letzten 30 Jahren getätigt haben und trotz aller bisherigen Sanktionsbeschlüsse auf einem etwas niedrigerem Niveau bis heute weiterhin treiben, nur folgerichtig. Die Frage ist allerdings, warum diese Geschäfte staatliche Unterstützung genossen haben und mit Einschränkungen auch weiterhin genießen. Zwar ist es die vorrangige Aufgabe des bürgerlichen Staates, die Verwertungsbedingungen des Kapitals zu garantieren und wo möglich zu verbessern, dennoch existiert in der Politik stets eine Art überschießendes Moment. Staatlicher Politik kann es nicht gleichgültig sein, mit wem und in welchem Umfang Außenhandelsbeziehungen gepflegt werden. Dementsprechend sind in den USA oder Israel, die als ‚großer und kleiner Satan’ ganz oben auf der Abschussliste des iranischen Regimes stehen, Geschäfte im großen Stil mit dem Iran staatlicherseits schon lange untersagt.

Gegen derartige Geschäfte und ihre staatliche Unterstützung müssten Linke und Antifaschisten gerade in Deutschland, Österreich und der Schweiz vorgehen, also in jenen Ländern, die besonders intensive wirtschaftliche und politische Beziehungen zum iranischen Regime unterhalten haben. Doch der überwiegende Teil der Linken reagiert

auf das iranische Regime weiterhin mit Indifferenz, Desinteresse, Relativierungen oder gar mit antiimperialistischen Reflexen, die sie an die Seite der iranischen Machthaber treiben.

Kapital und Staat folgen zwar ihrer eigenen Logik von Verwertung und Herrschaft. Aber die jeweils unterschiedlichen Ergebnisse dieser Logik können auch einer staatskritischen und emanzipativ-antikapitalistischen Linken nicht egal sein. So wichtig eine allgemeine Kritik an Staat und Kapital ist, so entscheidend ist doch der Unterschied, ob Konzerne Geschäfte mit Island und Irland, mit Italien und Indien treiben oder aber mit dem heutigen Iran. Für dessen Regierung bedeutet jeder Geschäftserfolg einen weiteren Fortschritt in ihrem Djihad gegen Emanzipation und Aufklärung. Hier geht es nicht um den Vollzug des gewöhnlichen Prozesses der Kapitalakkumulation, sondern um die Bereitstellung ökonomischer Ressourcen zur Finanzierung eines politischen Programms, das nicht nur zehntausenden Iranern und Iranerinnen das Leben gekostet und Millionen ins Exil getrieben hat. Es muss vor dem Hintergrund des Strebens nach der Atombombe in Kombination mit der Ideologie des iranischen Regimes als ein Programm der Vernichtung verstanden werden.

Wenn Linke den kategorischen Imperativ Adornos erst nehmen, dass es im Stande der Unfreiheit darum geht, »Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe«, müssen sie alles dafür tun, dass dieses Regime an der Umsetzung seiner mörderischen Ideologie gehindert und letztlich gestürzt wird.

 

Eliminatorischer Antizionismus

Im Iran herrscht nicht irgendeine Diktatur und es handelt sich auch nicht einfach um eine autoritär verfasste kapitalistische Gesellschaft. In der »Islamischen Republik« herrscht seit 1979 ein Regime, das sowohl nach außen als auch nach innen massiven Terror ausübt und seine religiös-ideologischen globalen Herrschaftsambitionen untermauert.1 Das Regime arbeitet, nach allem was bekannt ist,2 an der Entwicklung nuklearer Waffen, die für Israel eine existenzielle Bedrohung darstellen und auch Europa erreichen könnten. Gewerkschaften sind im Iran verboten und Arbeitskämpfe werden ebenso brutal niedergeschlagen wie die Protestbewegungen der Studierenden. Die systematische Verfolgung von religiösen Minderheiten wie den Bahá'í, die Hinrichtungen von Homosexuellen sowie die allgegenwärtige Repression gegen Frauen, die sich dem islamischen Sittenkodex nicht unterwerfen wollen, sind Wesenselemente dieses Regimes. Das Gleiche gilt für die regelmäßigen Vernichtungsdrohungen gegenüber Israel und die Leugnung oder Relativierung der Shoah.3

Was dieses Regime von anderen islamisch geprägten Despotien unterscheidet, ist die Kombination aus einer messianistisch-apokalyptischen islamischen Ideologie, Antisemitismus und dem Streben nach der Technologie der Massenvernichtung. Trotz aller gravierenden Unterschiede hinsichtlich des historischen Kontexts, der ökonomischen und politischen Struktur sowie der militärischen Schlagkraft, ähnelt die Feindbestimmung dieses Regimes mit seinem Hass auf Kommunismus und Materialismus, Liberalität und westlicher »Plutokratie«, Emanzipation und Zionismus jener des Nationalsozialismus.

Der iranischen Diktatur geht es hinsichtlich des Nahost-Konflikts nicht um eine Verbesserung der Situation der palästinensischen Bevölkerung und einen wie auch immer gearteten Kompromiss, sondern erklärtermaßen um die Vernichtung Israels. Diese Position ist weder neu, noch auf den Präsidenten Ahmadinejad beschränkt. Die Zerstörung Israels ist seit 1979 offizielle Politik der »Islamischen Republik«. Sie wird von den Anhängern Ahmadinejads ebenso propagiert wie von Konservativen und den im Westen als ‚Pragmatiker’ oder ‚Reformer’ gehandelten Mullahs und Ajatollahs.

Zu den Klassikern aus dem Repertoire der Verharmlosung des iranischen Regimes gehört die Behauptung, der iranische Präsident habe doch gar nicht zur Vernichtung Israels aufgerufen, es handele sich lediglich um einen »Übersetzungsfehler«. Ahmadinejad hat allerdings selbst auf seiner englischsprachigen Homepage www.president.ir Auszüge aus der entsprechenden Rede mit der umstrittenen Formulierung »wipe Israel off the map« veröffentlicht. Es gibt zahlreiche weitere Reden des iranischen Präsidenten und einer ganzen Reihe anderer Vertreter des Regimes, die genau in die gleiche Richtung zielen.

Im Iran ist es kein Staatsgeheimnis, dass das Regime einen jüdischen Staat im Nahen Osten nie und nimmer akzeptieren wird. Die Parole »Tod Israel« gehört seit 1979 zum Kernbestand der islamistischen staatlichen Propaganda und prangt bei Militärparaden auf den Raketen, die schon heute Tel Aviv erreichen können. Ende Mai 2012 wurde das nochmals in aller Deutlichkeit vom iranischen Regime klargestellt: Laut einer im Original auf Englisch verbreiteten Meldung von Fars News, einer vom Regime kontrollierten und den Revolutionswächtern nahestehenden Nachrichtenagentur, hat der Generalstabschef der iranischen Armee, Hassan Firouzabadi, »the full annihilation of the Zionist regime of Israel« abermals als Ziel der »Islamischen Republik« proklamiert. Der Oberste Geistliche Führer Ali Khamenei hat, ebenfalls laut Fars News, das »zionistische Regime« zum wiederholten Male als »cancerous tumor that should be cut and will be cut« bezeichnet.4 Im August 2012 verkündete ein Abgeordneter der Hisbollah, der ehemalige General Walid Sakariya, im Fernsehsender Al Manar zum Atomprogramm seiner iranischen Verbündeten: »This nuclear weapon is meant […] to finish off the Zionist enterprise.«

Wahied Wahdat-Hagh hat die Programmatik des iranischen Regimes angesichts solcher Äußerungen als »eliminatorischen Antizionismus« beschrieben.5 Vor diesem Hintergrund ist es alles andere als verwunderlich, dass sich insbesondere die internationale Neonazi-Szene begeistert vom iranischen Regime zeigt.6 Eine ganze Reihe antizionistischer Linker lässt sich selbst davon nicht abhalten, sich ebenfalls schützend vor das iranische Regime zu stellen und im schlimmsten Fall Irans »Recht« auf Nuklearwaffen zu verteidigen – wie einige trotzkistische Gruppen.7

 

Islamistische Racket-Herrschaft

Der Außenpolitik des iranischen Regimes, die durch eine Gleichzeitigkeit von Pragmatismus und Vernichtungswahn gekennzeichnet ist, entspricht im Innern die Organisation in Form von konkurrierenden Banden. Gerhard Scheit hat die »Islamische Republik« mit Bezug auf die Racket-Theorie Max Horkheimers und die staatstheoretischen Überlegungen in Franz Neumanns Studie Behemoth als einen Unstaat analysiert. Die islamistische Revolution von 1979 ist so gesehen »das Gegenteil der bürgerlichen Revolution, die einmal in Frankreich triumphiert hat.«8

Das iranische Regime ist seit der Machtübernahme Khomeinis von einem permanenten Konkurrenzkampf verfeindeter Rackets charakterisiert, wobei der über ihnen allen thronende Oberste Geistliche Führer als vermittelnde Instanz agiert. So gesehen ist auch die iranische Verfassung nicht als Recht im bürgerlichen Sinne zu begreifen: »Das ganze komplizierte Verfassungsgebäude soll bloß Räume bereitstellen, worin diese Rackets, die per definitionem den Ausnahmezustand bevorzugen, ihre disparaten Aktivitäten koordinieren können.«9 Seit 1979 wurden im Iran Parallelinstitutionen zu den staatlichen Organen geschaffen. Der Einfluss der ordentlichen Gerichtshöfe ist durch zahlreiche ‚Sondergerichte’ eingeschränkt. Neben den auch in anderen Staaten üblichen Militärgerichten existieren zudem so genannte Revolutionsgerichte, der Gerichtshof für die Gerechtigkeit der Bürokratie, das Sondergericht für den Klerus, Pressegerichte etc.10

Neben der regulären Armee wurden als revolutionäre Streitmacht die Pasdaran (Revolutionswächter) etabliert, die heute eines der einflussreichsten Rackets im Machtgefüge des Regimes darstellen. Die Pasdaran sind nicht nur die militärische Eliteeinheit des Regimes und kontrollieren das Atom- und Raketenprogramm, sie bilden auch eines der wichtigsten Wirtschaftskonglomerate im Iran, das seinen Mitgliedern enorme ökonomische und soziale Vorteile verschafft. Schon seit mehreren Jahren setzen die Pasdaran ihre militärische Macht ein, um entscheidende Wirtschaftszweige unter ihre Kontrolle zu bringen, insbesondere im Bereich des Außenhandels.

Ähnlich wie der Nationalsozialismus, aber doch in anderer Weise, ist der islamische Unstaat im Iran kapitalistisch und antikapitalistisch zugleich: »Seine Stellung zum Privateigentum an Produktionsmitteln ist insofern verändert, als es dieses Privateigentum in Gestalt industrialisierter Produktionsverhältnisse nur in geringem Maß gibt. Das allgemeine Gesetz und der Vertrag sind auch hier verschwunden, an deren Stelle willkürliche Maßnahmen der Rackets getreten.«11 Ein zentraler Unterschied zum Nationalsozialismus besteht jedoch im Verhältnis zur Arbeit. Die Zugehörigkeit zur islamistischen Gemeinschaft hat mit dem Einsatz der Ware Arbeitskraft, anders als in Nazi-Deutschland, fast nichts mehr zu tun: »In solcher Gemeinschaft fühlt sich auch gebraucht und nicht überflüssig, wer keinerlei Aussicht mehr auf einen Arbeitsplatz hat und sich diesen selbst von der umma nicht erwartet. Was den einzelnen außerhalb der Rackets bedroht und der Überflüssigkeit preisgibt, projiziert er auf den totalen Feind, das Gegen-Volk.«12

Diese Projektionen kulminieren in einem Vernichtungswunsch, bei dem selbst die eigene Aufopferung mit einkalkuliert und in der Märtyrerideologie und dem Messianismus der iranischen Islamisten geradezu beschworen wird.13 In diesem durchaus selbstmörderischen Wunsch nach der tatsächlichen Vernichtung des jüdischen Staates »trifft sich die islamistische Gemeinschaft dann doch auch im Hinblick auf das Kapitalverhältnis mit der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft. […] Das Individuum muss jederzeit bereit sein, den von ihm dargebotenen Gebrauchswert, die Arbeitskraft, auszulöschen – als Opfer, das für Nation und umma zu bringen ist im Kampf mit jenem Gegen-Volk.«14

 

Was tun?

Wie kann solch einem Regime adäquat begegnet werden? Laut Kapitel VII, Artikel 41 der UN-Charta wäre schon seit Jahren angesichts der Missachtung der Sicherheitsratsbeschlüsse zum sofortigen Ende der Urananreicherung seitens des iranischen Regimes vieles möglich: »die vollständige […] Unterbrechung der Wirtschaftsbeziehungen, […] des Eisenbahn-, See- und Luftverkehrs, […] der Abbruch der diplomatischen Beziehungen.« Natürlich wäre im Einzelnen zu diskutieren, welche dieser Maßnahmen Sinn machen und wie auch scharfe Sanktionen sich möglichst direkt gegen das Regime richten können, ohne die Bevölkerung in Mitleidenschaft zu ziehen. Das Frappierende ist aber, dass solche Maßnahmen in den bisherigen Diskussionen über ein sinnvolles Vorgehen gegenüber den Machthabern in Teheran kaum auftauchen. Und gerade in linken Diskussionen wird die Sinnhaftigkeit von Sanktionen generell in Frage gestellt.

Selbstverständlich werden Sanktionen immer auch die iranische Bevölkerung bis zu einem gewissen Grad treffen. Erstens aber fordert niemand Sanktionen für Nahrungsmittel, Medikamente etc., sondern es geht in erster Linie um Sanktionen gegen den Erdgas- und Erdölexport und gegen Finanztransaktionen, die den Lebensnerv des Regimes darstellen. Und es geht um Sanktionen gegen den Import von Hochtechnologieprodukten, die insbesondere von deutschen Mittelstandsbetrieben geliefert werden. Zweitens hat die iranische Bevölkerung in den letzten Jahren bewiesen, dass sie für die Sanktionen mehrheitlich nicht ‚den Westen’ verantwortlich macht, sondern die aggressive Politik des eigenen Regimes. Drittens: Alles, was dem Regime finanzielle Mittel raubt, nützt der iranischen Opposition. Und viertens: Sind scharfe Sanktionen nicht in jedem Fall die bessere Alternative gegenüber einer militärischen Auseinandersetzung mit dem iranischen Regime (das bereits seit über 30 Jahren Krieg gegen die eigene Bevölkerung führt)? Warum werden sie insbesondere von jenen Linken abgelehnt, die jedes militärische Vorgehen gegen das iranische Antisemiten-Regime ablehnen?15

Es gibt keine Garantie, dass die dringend notwendigen crippling sanctions, die noch deutlich über die bisherigen, durch zahlreiche Ausnahmeregelungen wieder konterkarierten Beschlüsse hinaus gehen müssten, überhaupt noch rechtzeitig und in den entscheidenden Ländern verabschiedet werden. Auch ist fraglich, ob sie hinsichtlich des Nuklearprogramms die gewünschte Wirkung zeigen. Aber allein die deutliche Schwächung des Regimes, die durch ein Handelsembargo mit humanitären Ausnahmeregelungen in jedem Fall erreicht würde, verdeutlicht dessen Notwendigkeit.

Deutlich schärfere Sanktionen dürften freilich nicht als Beitrag verstanden werden, das Regime zu weiteren Verhandlungen zu überreden und ihm dadurch womöglich einen Weg aus der Krise zu weisen. Sie müssten als entscheidender Beitrag zu seiner Schwächung konzipiert sein, um dieses Regime perspektivisch in den Orkus der Weltgeschichte zu befördern. Sanktionen können angesichts des Charakters des Regimes auch nicht darauf vertrauen, dass sich Ali Khamenei oder die Pasdaran vor ihren Folgen dermaßen fürchten, dass sie von sich aus von der militärischen Aufrüstung und Eskalation ablassen, sondern sie müssten darauf abzielen, es dem Regime zu verunmöglichen, seine Projekte weiter voranzutreiben – sei es das Atomprogramm oder die Unterdrückung der iranischen Bevölkerung.

Solange neue Sanktionen das Regime nicht an die Grenze seiner Überlebensfähigkeit führen, kann Teheran weiterhin versuchen, mit einem Zickzackkurs auf die bisherigen Verhandlungsaufforderungen und Sanktionsdrohungen zu reagieren. Das Regime in Teheran könnte versuchen, die bewährte Strategie des hinhaltenden Taktierens der letzten zehn Jahre fortzusetzen. Diese soll es den iranischen Machthabern ermöglichen, weiter ungestört Uran anzureichern, Sprengköpfe zu entwickeln und Zündvorrichtungen zu bauen.

 

Solidarität – mit wem?

Seit über 30 Jahren wird im Iran offiziell die Vernichtung Israels proklamiert. Man braucht sich nicht über die Widersprüche der israelischen Gesellschaft hinwegtäuschen oder sich hinsichtlich des konkreten Agierens der israelischen Staatsgewalt blind machen, um die Solidarität mit diesem Land für eine politisch-moralische Verpflichtung und zwingende Notwendigkeit zu halten. Sie ist zugleich die bestmögliche Distanzierung vom iranischen Regime. Dessen Antisemitismus entspringt ebenso wie der Hass auf Homosexuelle und emanzipierte Frauen jenem anti-westlichen, anti-liberalen und anti-kommunistischem Furor, der das islamische Regime in Teheran wesentlich kennzeichnet. Es darf unter den Gegnern des iranischen Regimes daher keine Neutralität hinsichtlich der Vernichtungsdrohungen gegenüber Israel geben. Deshalb ist der Kampf für die Freiheit der Menschen im Iran nicht vom Kampf gegen Antisemitismus und Antizionismus zu trennen.

Nach anfänglicher Skepsis gegenüber der heterogenen Protestbewegung im Iran hat sich diese Einschätzung auch in Israel durchgesetzt. Israelische Gesandte versuchen seit Jahren, Europa, die USA, Russland und China von der Notwendigkeit scharfer Sanktionen gegen das Regime zu überzeugen, um ein militärisches Vorgehen, das auch für Israel selbst ausgesprochen riskant wäre, möglichst zu vermeiden. Israelische Politiker bis hin zum Premierminister haben den Westen auch wiederholt aufgefordert, die iranische Freiheitsbewegung zu unterstützen, und iranische Oppositionelle wurden vom israelischen Präsidenten offiziell empfangen. In Israel ist es Konsens, dass Militärschläge gegen die iranischen Nuklearanlagen eine sehr schlechte und riskante Option sind. Aber sie sind eine Option. Wie umfassend das Bewusstsein über die iranische Bedrohung und notwendige Gegenmaßnahmen in der israelischen Gesellschaft ist, die sich ansonsten auf so gut wie gar nichts einigen kann, demonstriert ein Linksliberaler wie der ehemalige Meretz-Vorsitzende Yossi Beilin. Ähnlich wie Vertreter und Vertreterinnen anderer Parteien hat er klargestellt: »Die Militäroption ist der letzte Ausweg, man sollte sie nicht vom Tisch nehmen.«

 

Emanzipation ist universal

Die Linke sollte an vorderster Front gegen das Regime im Iran kämpfen. Und wenn die westliche Staatenwelt etwas gegen dieses Regime unternimmt, sollte die Linke sich nicht in einem schlechten antiimperialistischen Reflex dagegen stellen, sondern ein solches Vorgehen begrüßen und unterstützen – ohne sich auch nur eine Sekunde lang Illusionen über die Verfasstheit und die Interessen dieser westlichen Staaten hinzugeben.

Ein Sturz des Regimes im Iran hätte keineswegs nur nationale oder regionale Auswirkungen. Es ist zu hoffen, dass er der Startschuss sein wird, um dem globalen Vormarsch des Djihadismus Einhalt zu gebieten. Ein Sturz des Regimes würde die iranische Bevölkerung nicht nur von der Tyrannei der Scharia befreien und Möglichkeiten eröffnen, jene Stillstellung des geschichtlichen Prozesses zu überwinden, den die »Islamische Republik« dem Land für drei Dekaden beschert hat. Ein Ende des Regimes würde auch seinen Verbündeten wie Hisbollah und Islamic Djihad einen wichtigen Förderer und Kooperationspartner nehmen und schon dadurch neue Möglichkeiten für eine Entspannung der Situation im Nahen Osten eröffnen. Der Sturz des Regimes würde jene Parole wieder in Erinnerung rufen, unter der 1979 zehntausende iranische Frauen tagelang gegen die Einführung der Zwangsverschleierung demonstriert haben: »Emanzipation ist nicht westlich, Emanzipation ist nicht östlich, sondern universal!«

 

Anmerkungen

1             Zum Nachweis des Weltherrschaftsanspruchs des djihadistischen Islams und der iranischen Ajatollahs bedarf es keiner ideologiekritischen Finesse. Ein Blick in Khomeinis Schriften reicht vollkommen aus – beispielsweise in: Das islamische Regiment, eine Sammlung von Vorlesungen aus dem Jahr 1970. Siehe Ajatollah Chomeini: Der islamische Staat. In: Islamkundliche Materialien 9, Berlin/Freiburg im Breisgau 1983.

2             Vgl. beispielsweise Emanuele Ottolenghi: Under a Mushroom Cloud. Europe, Iran and the Bomb. London 2009.

3             Die Holocaustleugner-Konferenz im Dezember 2006 in Teheran, zu der sich das internationale Who is Who der Holocaustleugner einfand, wurde vom damaligen Außenminister des Iran, Manuscher Mottaki, feierlich eröffnet. Für einen Überblick siehe Wahied Wahdat-Hagh: Iran: Islamist Holocaust Denial. http://antisemitism.org.il/article/71621/iran-islamist-holocaust-denial, 16.4.2012

4             http://english.farsnews.com/newstext.php?nn= 9102112759, 20.5.2012 (Zugriff: 29.8.2012).

5             Wahied Wahdat-Hagh: Die Herrschaft des politischen Islam im Iran. Ein Überblick zu Struktur und Ideologie der khomeinistischen Diktatur. In: Stephan Grigat/ Simone Dinah Hartmann (Hg.): Der Iran. Analyse einer islamischen Diktatur und ihrer europäischen Förderer. Innsbruck/Wien/Bozen 2008, S. 44ff.

6             Vgl. u.a. Stephan Grigat: Mein Feind und Freund. Rechte Parteien in Europa entdecken das iranische Regime als Partner. In: DIE ZEIT, 29.3.2012, Nr. 14

7             Michael Pröbsting: Zu den Waffen! USA und Israel drohen mit neuen Krieg gegen den Iran, http://www.arbeiterinnenstandpunkt.net/ (Zugriff: 27. 8. 2007). In einem neueren Text heißt es: »Für den militärischen Sieg des Iran!« http://www.rkob.net/international/nordafrika-und-der-arabische-raum/kein-angriff-auf-iran/, 9.11.2011

8             Gerhard Scheit: Der neue Vernichtungswahn und seine internationalen Voraussetzungen. Wodurch sich Ahmadinejads Islamische Republik von Hitlerdeutschland unterscheidet. In: Grigat/Hartmann: Der Iran, S. 60.

9             Ebd., S. 63.

10          Vgl. Wahied Wahdat-Hagh: Die Islamische Republik Iran. Die Herrschaft des politischen Islam als eine Spielart des Totalitarismus. Münster 2003.

11          Scheit, S. 68.

12          Ebd., S. 70.

13          Vgl. Matthias Küntzel: Deutschland, Iran und die Bombe. Eine Entgegnung – auch auf Günter Grass. Berlin 2012, S. 21-33; Wahied Wahdat-Hagh: Der islamistische Totalitarismus. Über Antisemitismus, Anti-Bahá‘ísmus, Christenverfolgung und geschlechtsspezifische Apartheid in der »Islamischen Republik Iran«. Frankfurt am Main 2012, S. 49-75. Wahdat-Haghs Arbeiten gehören zu den wichtigsten deutschsprachigen Analysen der iranischen Herrschaftsstruktur und der islamistischen Ideologie. Seine Charakterisierung des »khomeinistischen Islamismus« als einen »pseudoreligiösen Totalitarismus« und des Islamismus insgesamt als »dritte Spielart totalitärer Herrschaft« birgt allerdings zahlreiche Probleme.

14          Scheit, S. 70.

15          Siehe beispielsweise die Petition »Friedens- statt Kriegspolitik im Irankonflikt. Sanktionen und Kriegsdrohungen sofort beenden. Eine Erklärung aus der Friedensbewegung und der Friedensforschung« vom Februar 2012, die von prominenten linken Akademikern unterzeichnet wurde. www.koop-frieden.de/dokumente/iran-erklaerung.pdf

 

 

Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der Universität Wien, Mitbegründer des Bündnisses STOP THE BOMB und Mitherausgeber des Buches »Iran im Weltsystem« (Studienverlag 2010). Eine Langfassung dieses Beitrags erscheint im März 2013 in der Zeitschrift »Zwischenwelt«.

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