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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 336 | das Ende der Armut Wer Armut definiert, hat Macht

Wer Armut definiert, hat Macht

von Reinhart Kößler

Die Vermessung der Armut dient auch der Kontrolle

Die Methoden zur Erhebung der Armut sind umkämpft. Wer sich durchsetzt, gewinnt an Definitionsmacht über andere. Und von den verfassten Armutsstatistiken hängt oftmals ab, wer Zugang zu Wohlfahrtshilfen erhält und wer nicht. Das zeigt: Den Armutsberichten ist ein Herrschaftsverhältnis eingeschrieben.

 

Moderne Zeiten sind unter anderem durch eine Umwertung von »Armut« gekennzeichnet. Arme sind nicht mehr Objekte guter Werke, die Wohlhabenden eine Gelegenheit zur Mildtätigkeit geben, sondern potenzielle Subjekte von Protest und Aufruhr, die »das Palladium des sittlichen Staats, das Eigentum« gefährden (Heinrich Heine). Es bedarf daher der ordnenden Kontrolle und des Wissens: Nicht zuletzt die Soziologie entstand im 19. Jahrhundert als Ordnungswissenschaft, die Rezepturen gegen das drohende Chaos hervorbringen sollte. Die Vermessung sozialer Wirklichkeit schien schon früh die Grundlagen technologischer Verfügung und Kontrolle zu versprechen. Gern wird darüber die Frage in den Hintergrund gedrängt, was die Zahlen eigentlich aussagen und wie sie zustande kommen.

Im Treibsand der Maßzahlen …

Die heute am weitesten verbreitete Maßzahl für Armut beträgt die Summe von zwei US-Dollar täglich pro Person; 1,25 Dollar bezeichnet extreme Armut (Poverty Datum Line). Diese Zahlen werden bereits nach Kaufkraftparitäten gewichtet, und dabei werden in gewissem Umfang auch nichtmonetäre Formen von Einkommen und Ressourcen einbezogen. Differenziertere Instrumente sollen komplexere Zusammenhänge erfassen. Ähnlich wie im Hinblick auf »Entwicklung« geht etwa das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) davon aus, dass auch Armut mehr als nur die monetäre Dimension aufweist. Der Human Poverty Index (HPI – Index für die menschliche Armut) sollte dementsprechend berücksichtigen, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Neugeborenes das 40. Lebensjahr erreicht. Weitere Indikatoren sind – wie auch der Index für menschliche Entwicklung (HDI) – die Analphabetenquote, die Verfügbarkeit sauberen Trinkwassers, der Anteil untergewichtiger Kinder und der Zugang zu Gesundheitsdiensten. Auf diesen letzten Indikator musste mangels ausreichender Daten verzichtet werden.

Damit ist bereits ein wesentliches Problem benannt, die Validität der Daten, mit denen Armut berechnet und damit gegebenenfalls auch ihr Rückgang messbar gemacht wird. Je differenzierter und komplexer die Indizes gestaltet werden, desto anspruchsvoller sind sie gegenüber den Methoden, mit denen die Daten erhoben werden, die ihnen zur Grundlage dienen. Diese Probleme sieht man den fertigen Zahlen nicht an, ebenso wenig der Rangposition, etwa wenn Land X gegenüber dem Vorjahr um drei Rangpositionen zurückgefallen sei oder sich um sechs verbessert habe.

Nichtsdestotrotz wird mit diesen Zahlen operiert. Der jüngst erschienene Bericht des UNDP über menschliche Entwicklung 2013 mit dem Titel »Der Aufstieg des Südens« schwelgt geradezu in der Perspektive einer weltweit aufsteigenden »Mittelklasse« und versichert, diese werde weiter zunehmen. Nun dürfte es sich bei »Mittelklasse« um die ideologisch am stärksten belastete, diffuseste Kategorie handeln, die in der Diskussion über Sozialstruktur zur Verfügung steht. Das wird deutlich, wenn indische StatistikerInnen hier alle diejenigen mit einrechnen, die mehr als 20 Rupien pro Tag (0,4 US-Dollar) verdienen, also sich großenteils gerade eben oberhalb der sehr niedrig angesetzten Armutsgrenze bewegen.

Da die Armutsforschung eines der ersten Betätigungsfelder der empirischen Sozialforschung war, reichen auch die Debatten über die Definition und damit auch das Messen der Armut gut anderthalb Jahrhunderte zurück. Dabei zeigte und zeigt sich immer wieder die Schwierigkeit, die auch in aktuellen Datensammlungen präsent ist: Objektive Maßzahlen lassen sich nicht konstruieren. Wo die »Poverty Datum Line«, die Armutsgrenze, verläuft und wie viele Menschen unterhalb dieser Grenzziehung verortet werden, war und ist daher immer auch eine politische Frage.

 

… die Wirklichkeit zurechtlegen

So tobte vor 30 bis 40 Jahren in Südafrika eine heftige Debatte eben darüber, ob die schwarze Mehrheit mit einer entsprechenden Festsetzung der Armutsgrenze großenteils aus der Armut hinausdefiniert oder aber, ob durch eine »realistische« Darstellung des Ausmaßes der Armut die Verantwortung des Apartheidsregimes für die schlechten Lebensumstände der übergroßen Mehrheit herausgestellt werden sollte. Noch komplexer erscheint die Sache, wenn Lebensstandards etwa durch Warenkörbe erfasst werden sollen. Zugrunde liegen Annahmen darüber, was unter bestimmten Umständen lebensnotwendig sei und was nicht.

Das verweist auf den Umstand, dass solche Maßzahlen wie etwa auch die »relative Armut«, definiert als die Hälfte des nationalen Durchschnittseinkommens oder weniger, stark von der Grundgesamtheit abhängen, innerhalb derer sie erhoben werden. Diese Bezugsgrößen sind in aller Regel die Nationalstaaten. Dabei wird sogleich deutlich: Absolute Maßzahlen wie etwa die kaufkraftbereinigten Linien von einem, zwei oder 1,25 Dollar mögen zwar global einheitliche Vorgaben vermitteln. Dennoch sagt das nicht alles, weil Armut eben auch eine wesentliche relative Dimension besitzt: Die Verteilung innerhalb der Staaten ist wichtig, denn gesellschaftliche Ungleichheit artikuliert sich klarer und ist spürbarer in (relativer) räumlicher Nähe als über Tausende von Kilometern Entfernung hinweg. Gerade die großen, als Schwellenländer gehandelten Staaten China, Indien und Brasilien weisen sehr krasse regionale Ungleichheiten auf.

Dabei variieren aufgrund unterschiedlicher Erhebungsmethoden allein für Indien selbst die regierungsamtlichen Zahlen in geradezu spektakulärer Weise. Ein Index setzt die Armutsgrenze mit 20 Rupien pro Tag an; selbst bei diesem Wert wurden für das Finanzjahr 2004/05 rund 77 Prozent der Bevölkerung als arm (poor and vulnerable) klassifiziert, das waren 836 Millionen Menschen bei einer Bevölkerungszahl von 1,2 Milliarden. Zugleich sind diese Zahlen umstritten. Die indische Planungskommission gab für 1999/2000 die Armutsquote mit 26,1 Prozent und für 2004/05 mit nur 21,8 Prozent an. Andererseits kam die Weltbank mit neueren, die Währungsparität berücksichtigenden Studien auf 39 Prozent. In Indien wie zweifellos auch in China kommen teils extreme regionale Unterschiede hinzu, die durch nationale Kennzahlen eher verschleiert werden.

Die – meist sehr schlechten – Rangpositionen von 54 afrikanischen Staaten werden deutlich relativiert, wenn bedacht wird, dass die Erfolgsmeldungen Chinas, Brasiliens und in geringerem Maße Indiens zwar steigende ökonomische Macht und Einfluss signalisieren, zugleich aber verdecken, dass hier vermutlich mehr Arme leben als Menschen auf dem gesamten afrikanischen Kontinent.

 

Nationalstaat als Bezugsgröße

Keine noch so eingängige und berechtigte Kritik am methodologischen Nationalismus kann vorerst etwas daran ändern, dass die Bezugsgrößen der Datenerhebung in erster Linie Nationalstaaten sind – bei Spezialstudien auch kleinere regionale Zusammenhänge innerhalb solcher Staaten. Ferner werden auch die Staaten selbst auf einer Skala von Armut verortet und eingestuft. Gerade dies ist keineswegs eine zweckfreie intellektuelle Übung, sondern die Einstufung entscheidet wesentlich über den Zugang zu einer Reihe von Fördermaßnahmen, die vor allem Regierungen von Ländern zu erwarten haben, die als Least Developed Country (LLDC) oder Less Developed Country (LDC) eingestuft sind. Die Einstufung eines Landes in den Berichten von Weltbank und UNDP wird zwar als Erfolgskriterium gewertet, doch zugleich gibt es handfeste Gründe, lieber in einer niederen Kategorie zu bleiben.

Dies wird aktuell einmal wieder deutlich an der Vehemenz, mit der sich die Regierung Namibias gegen die Einstufung des Landes als Lower Middle Income Country (Land mit mittlerem Einkommen im unteren Bereich mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen zwischen 1.026 und 4.035 Dollar pro Person) zur Wehr setzt anstatt als LDC zu gelten. Tatsächlich verdecken im Falle Namibias die Durchschnittszahlen die durch die extreme soziale Ungleichheit mit bedingte Armut: Nach wie vor sind vorwiegend Schwarze von Armut getroffen sowie Regionen, die während der Kolonialzeit von der Siedlerökonomie ausschließlich als Arbeitskraftreservoire genutzt wurden. Es zeigt sich, dass die Einstufung als »arm« zumindest in solchen Fällen auch Gratifikationen bereithält, die man nicht zu unrecht als Entwicklungs-Renten bezeichnet hat.

 

Vermessene Annahmen

Doch noch aus einem anderen Grund ist die Aussagekraft der Messzahlen begrenzt. Die Pro-Kopf-Zahlen können nicht die Verhältnisse abbilden, in denen die Einzelnen tatsächlich leben. In diesen Zahlen kommen keine Herrschaftsverhältnisse zum Ausdruck, etwa die unterschiedliche Zuteilung von Nahrungsmitteln im Familienverband nach Geschlecht und Alter oder auch der ungleiche Zugang zu Bildungschancen für Mädchen und Jungen, soweit solche Chancen vorhanden sind. Der numerische Indikator ebnet dies alles ebenso ein wie die Formen der Reziprozität und Kooperation, mit denen Risiken und Notsituationen teilweise aufgefangen werden können. Umgekehrt verschärft dann die Vereinzelung, etwa im Rahmen von Urbanisierungsprozessen oder als Folge der HIV/AIDS-Pandemie, die numerisch zum Ausdruck gebrachten Notlagen.

Natürlich wäre es falsch, wegen der Unzulänglichkeit der Vermessung über Armut nicht zu sprechen. Beim Umgang mit dem abstrakten Zahlenmaterial wäre vielmehr stets im Auge zu behalten, dass es aus einer Wirklichkeit abgezogen wurde, die mit Zahlen in keiner Weise erfasst werden kann. Nicht zuletzt enthalten Zahlenoperationen das Risiko, Menschen als Handelnde mit ihren eigenen Strategien und ihrem aus ihrer individuellen und kollektiven Erfahrung gewonnenen Wissen in den Hintergrund treten zu lassen und sie im schlimmsten Fall zu Objekten von »Maßnahmen« zu machen, die selbstverständlich nur zu ihrem Besten erdacht wurden.

 

Reinhart Kößler ist Mitarbeiter am Arnold-Bergsträsser-Institut in Freiburg.

336 | das Ende der Armut
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