Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 337 | Arabische Frauenbewegungen Editorial zum Themenschwerpunkt

Editorial zum Themenschwerpunkt

Frauenbewegungen in der arabischen Welt

»Obwohl ich das bin, was man eine arabische Frau nennt, bin ich und sind viele andere Frauen wie ich nicht verschleiert, gefügig, ungebildet, unterdrückt und schon gar nicht unterwürfig. [...] Zwar bin ich das, was man eine arabische Frau nennt, doch sehe ich und sehen viele arabische Frauen wie ich fast genau so aus wie ... Sie!«

So leitet die libanesische Schriftstellerin Joumana Haddad ihre »Bekenntnisse einer zornigen arabischen Frau« ein (siehe auch Seite 36/37). Noch vor einer Kritik an Patriarchat und Sexismus muss sie erst mit westlichen Mythen über 'die' arabische Frau aufräumen. Exotischer Bauchtanz und Haremsfantasien auf der einen Seite, Kopftuch, Zwangsehe und Unmündigkeit auf der anderen – wen wundert’s angesichts derart wirkungsmächtiger Klischees, dass sich arabische Feministinnen lange Zeit am (post-)kolonialen Blick abarbeiten mussten. Doch wie Hannah Wettig im Einleitungsartikel zu diesem Schwerpunkt zeigt, findet derzeit ein Perspektivenwechsel statt. Nach den Umbrüchen des Arabischen Frühlings wird Okzidentalismus zur Nebensache. Im Hier und Jetzt müssen Frauen in den arabischen Ländern vehement ihre Rechte verteidigen oder einfordern.

Sie können dabei auf eine lange Tradition feministischer Kämpfe und Debatten zurückgreifen, die man hierzulande kaum wahrnimmt. Bereits im 19. Jahrhundert wurden reformerische Ideen und Schriften um den Status der Frau verbreitet. Und anders als von vielen Medien dargestellt, sind Frauen nicht erst mit der Arabellion 'plötzlich' auf der Straße erschienen. Ihre aktive Beteiligung an den antikolonialen Bewegungen war schon in den 1930er und 40er Jahren begleitet von den Forderungen nach rechtlicher Gleichstellung. Nach der Unabhängigkeit folgten Kämpfe um den Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt, der in den sozialistischen Ländern der Arabischen Welt dank eines Staatsfeminismus rechtlich garantiert wurde.

In Anbetracht so mancher Erfolge der arabischen Frauenbewegungen macht der Verlust des Status Quo umso wütender. Die nun an die Macht gekommenen IslamistInnen drohen eine radikale Geschlechtersegregation mit festen Rollenzuschreibungen zu etablieren. Hemmungslos debattiert man über Beschneidung von Frauen und stellt Feministinnen wie die 19-jährige Femen-Aktivistin Amina in Tunesien unter absurde Anklagen mit drakonischen Strafandrohungen. Wegen »Sittlichkeitsvergehen und Beteiligung an einer kriminellen Verschwörung« könnte sie zu 18 Jahren Haft verurteilt werden. Und während die PolitikerInnen 'moderat-islamistischer' Parteien Grundrechte abschaffen wollen, was in Tunesien gerade noch verhindert werden konnte, wird auf der Straße die Aggression und Gewalt gegen Frauen ganz offen ausgeübt, wie Hoda Salah im Interview von Ägypten erzählt.

Liegt das Problem also in der Religion begründet? Renate Kreile betont, dass es bei der Frage nach der Stellung der Frau nicht um den Wortlaut von Koran oder Sunna geht, sondern um soziale, politische und ökonomische Strukturen. Das Soziale bestimmt, welche Interpretationen des Islam entwickelt und gelebt werden. So ist in den letzten Jahren auch eine akademische Strömung entstanden, die Feminismus und Islam explizit verbunden sehen will, wie Zarah Ali darlegt. Das Konzept des so genannten islamischen Feminismus wird jedoch von vielen säkularen AktivistInnen der arabischen Länder scharf kritisiert. Die Gründe ihrer Kritik nennt Hannes Bode.

'Die' arabische Frauenbewegung ist lebendig und damit auch heterogen und widersprüchlich. Deshalb fällt es schwer, die unterschiedlichen Länder der arabischen Welt auf einen Nenner zu bringen. Deutlich zeigt sich dies im Vergleich Tunesiens mit Saudi Arabien. Während sich tunesische Frauen, bestens ausgebildet und fest im Berufsleben stehend, am Mittelmeer im Bikini sonnen, ist es für die voll verschleierten Aktivistinnen in Saudi Arabien bereits ein Erfolg, eine Viertelstunde lang heimlich mit dem Auto zu fahren, wie Julia Gerlach berichtet. Gerade wegen ihrer Vielschichtigkeit lohnt ein Blick auf ‚die’ arabischen Länder und ihre Frauenbewegungen. Denn der nächste Frühling könnte ein feministischer sein, wünscht sich…

die redaktion

 

Wir danken der Rosa Luxemburg Stiftung und der Gerda Weiler Stiftung e.V. für feministische Frauenforschung für die Förderung des Themenschwerpunktes.

rlssignetneuschrift.gif



LogoGerdaWeilerStiftung.jpg

337 | Arabische Frauenbewegungen
Cover Vergrößern
Südnordfunk zum Thema

Zur Südnordfunk-Sendung

Frauen in der Arabellion

islamfeminismus.png