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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 337 | Arabische Frauenbewegungen Empowerment und Ausschluss - Islamistische Frauen und die Politik der Frömmigkeit in Ägypten

Empowerment und Ausschluss - Islamistische Frauen und die Politik der Frömmigkeit in Ägypten

von Renate Kreile

Der Erfolg der Muslimbruderschaft und der Salafisten bei den ägyptischen Parlamentswahlen 2011/12 gefährdet bisherige Rechte von Frauen. Vor allem ihr Platz im öffentlichen Raum und ihre Stellung im Personenstandsrecht werden zur Disposition gestellt. Gleichwohl haben Millionen von Frauen ihre Stimme den islamistischen Parteien gegeben und zahllose Aktivistinnen engagieren sich seit langem in islamistischen Bewegungen.

„Nicht die Religion ist der Schlüssel zum Verständnis der Gesellschaft, sondern die Gesellschaft ist der Schlüssel zum Verständnis der Religion.“, schrieb der libanesische Soziologe Halim Barakat. Die Frage ist demnach nicht, was in den religiösen Quellen steht, sondern welche sozialen und politischen Faktoren und Interessenlagen dazu führen, dass verschiedene AkteurInnen die religiösen Texte unterschiedlich interpretieren. Somit ist auch die Auffassung, „der Islam“ sei für die Stellung der Frauen in den arabischen Gesellschaften verantwortlich, ein essentialistisches Missverständnis.

Die wirtschaftliche Öffnung Ägyptens seit den 1970er Jahren führte zu einer gesellschaftlichen Krisenentwicklung. Unter dem Druck von neoliberaler Globalisierung und Strukturanpassung wurde wohlfahrtsstaatliches Engagement minimiert. Die Kluft zwischen Arm und Reich stieg dramatisch.

Besonders betroffen waren junge Angehörige der unteren Mittelschicht, die sich mit dem Abschied vom nasseristischen Sozialvertrag um ihre Hoffnungen auf sozialen Aufstieg durch Bildung betrogen sahen. Leidtragende des Wettbewerbs waren insbesondere Frauen, die gerade erst die Eintrittskarte erhalten oder erkämpft hatten. Da viele junge Frauen über qualifizierte Abschlüsse verfügen, verschärft sich die Konkurrenzangst auch unter gebildeten Männern und macht sie anfällig für konservative und islamistische Geschlechterdiskurse, die Frauen vorrangig auf ihre häusliche Rolle festlegen wollen. „Zurück in die Küche!“ riefen zahlreiche Männer den Demonstrantinnen am Internationalen Frauentag 2011 in Kairo zu. Angesichts der katastrophalen Lage auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt rücken Heirat und Familiengründung oft in weite Ferne.

Als Antwort auf die soziale Krise versprachen die Islamisten eine „gerechte islamische Ordnung“ mit dem umfassenden wie deutungsoffenen Krisenrezept „Der Islam ist die Lösung“. Sie füllten mit ihren Wohltätigkeitsorganisationen das wohlfahrtsstaatliche Vakuum, das im Zuge der neoliberalen Transformation entstanden war. Klassenübergreifend konnten sie eine breite Massenbasis gewinnen, nicht zuletzt unter Frauen. Naguib bemerkt zur Flexibilität und Attraktivität des Konzepts: „‚Islam‘ wird zur Lösung für alle Probleme: für die Ungerechtigkeit und Ausbeutung, die die Arbeiter und die Armen erleiden, für die nationale Erniedrigung und persönliche Entfremdung, die die gebildete Mittelschicht erlebt, für die Rechtlosigkeit und Unordnung, die die Reichen fürchten und sogar für die Herabsetzung und Belästigung, die junge Frauen bei der Arbeit oder auf der Straße erleiden.“ (Naguib 2009)

 

Politik der Frömmigkeit

Im Zuge des ‚islamischen Erwachens’, das weithin als Bruch mit der augenfälligen Verwestlichung und als Entscheidung für einen kulturell authentischen ‚way of life’ erlebt wurde,  manifestierten sich sozial, alters- und genderspezifisch verschiedene Formen eines religiösen Lebensstiles, dem vielfältige Motivationen und Bedürfnisse zugrunde lagen. Zahllose Frauen aus den oberen Mittelschichten und den Eliten des privaten Sektors begeisterten sich für den charismatischen TV-Prediger Amr Khaled, der die Kultivierung eines muslimischen Selbst predigte, spirituelle Lebenshilfe bot und Wege wies, Erfolg, Konsum und Religion zu verbinden. In Einklang mit dem konservativ orthodoxen Geschlechterdiskurs empfahl er Frauen den Hijab, denn eine Frau könne leicht hundert Männer verführen, während hundert Männer keine einzige Frau verführen könnten.

Historisch wie aktuell ist die Sichtbarkeit von Frauen im öffentlichen Raum symbolisch aufgeladen und entlang der Konfliktlinien Authentizität, Modernisierung und Verwestlichung identitätspolitisch umkämpft. Zahlreiche Frauen verhüllen sich, um ein aktives öffentliches Leben mit Respektabilität und ihrem Verständnis religiöser Vorschriften in Einklang zu bringen. Indem sie ihre Sittsamkeit und sexuelle Unverfügbarkeit außerhalb der Ehe deutlich machen, vermögen sie ihr Ansehen und ihre Heiratschancen zu wahren. Da Frömmigkeit als ‚heimliche’, aber wertvolle Ressource auf dem hoch kompetitiven Heiratsmarkt gilt, entscheiden sich gläubige Frauen angesichts der flächendeckenden Verbreitung des Hijab oftmals für striktere Formen der Verschleierung wie den Niqab, um so einen moralischen Distinktionsgewinn gegenüber der Masse der Kopftuch tragenden Frauen zu erzielen.

Unter dem Einfluss einer finanzstarken islamischen Medienindustrie entfaltete sich seit den 1990er Jahren eine Frauen-Moscheebewegung, die privilegierte wie unterprivilegierte Frauen ansprach. Die Aktivistinnen, die sich in Moscheen zu religiösen Bildungs-, und Diskussionsveranstaltungen zusammenfanden, bemühten sich um Praxen der Selbst-Vervollkommnung mit der erklärten Absicht, Gott näher zu kommen. Sie engagierten sich sozial-karitativ für die städtischen und ländlichen Armen und gewannen Selbstbewusstsein und Gestaltungsmacht. Bisweilen stellten sie dabei männliche Privilegien infrage, etwa indem Frauen als Predigerinnen fungierten, die religiöse Quellen eigenständig interpretierten und andere Frauen im Gebet leiteten. Wenngleich die Unterordnung gegenüber den Ehemännern in der Regel als ‚göttlich geboten’ akzeptiert wird, widersetzen sich manche Frauen ‚aus Liebe zu Gott’ resolut, wenn ihre Männer zum Beispiel die Vollverschleierung als Zeichen von ‚Rückständigkeit’ ablehnen.

Viele Frauen der Moschee-Bewegung vermochten ihr Leben durch ihr Engagement ‚auf dem Weg Gottes’ zu transformieren und Empowerment und inneren Frieden zu erreichen. Gleichzeitig trugen sie durch ihre islamische ‚Pädagogik’ und Überzeugungsarbeit dazu bei, die Handlungsspielräume von Frauen einzuschränken, die nicht gemäß der propagierten konservativ islamischen Werte und Verhaltensweisen leben wollen. Da die Frömmigkeitsbewegung in soziale und politische Machtstrukturen eingebettet ist, besteht die Gefahr, dass „autoritative Urteile hinsichtlich Non-Konformität zum Ausschluss aus der Gemeinschaft führen oder in extremen Fällen dazu verwendet werden, Gewalt zu rechtfertigen.“ (Ismail 2007)

 

Einsatz der Muslimschwestern

Während die Frauen der Moscheebewegung ein eher unpolitisches Selbstverständnis zum Ausdruck brachten, haben die Muslimschwestern als weibliche Unterorganisation der Muslimbruderschaft durch ihren unermüdlichen Einsatz für Wohltätigkeit und Bildung maßgeblichen Anteil am politischen Erfolg der Organisation. „Die meisten Schwestern sind beruflich qualifiziert, sehr aktiv, sehr dynamisch, sehr stark, aber sie haben kein feministisches Bewusstsein“, meint Oumayma Abu Bakr, Professorin an der University of Cairo. Sie propagieren eine komplementäre Rollenverteilung mit gleichwertigen, aber ‚wesensgemäß’ unterschiedlichen Aufgaben für Frauen und Männer und die Vorrangstellung des Mannes in der Familie als konstitutive Elemente der ‚göttlichen Ordnung’. Liberale ‚westliche’ feministische Konzepte werden als individualistisch und zerstörerisch für die Familie abgelehnt. Junge Muslimschwestern schätzen die moralischen Grenzen, die für ihr Verhalten gelten. Die Lehren des Islam gäben ihnen das Gefühl, kostbar zu sein. „Eine Frau ist etwas ganz Besonderes im Islam, ihr Körper und ihr Herz ist nur für einen Mann, und sie ist keine Ware. Deshalb müssen wir uns schützen“, so eine junge Muslimschwester an der Ain-Shams Universität in Kairo.

Im Schutz und unter der Kontrolle der islamistischen Brüder eröffnen sich für viele Frauen neue Handlungsoptionen und Zugänge zum öffentlichen Raum, moralisch abgesichert durch den Schleier, der gleichsam eine mobile Form der Geschlechtertrennung darstellt. Allerdings kritisieren islamistische Aktivistinnen auch patriarchale Strukturen und deren religiöse Legitimation und engagieren sich für „frauenfreundlichere“ Lesarten der islamischen Quellen. Sie vertreten den Standpunkt, dass die Interpretationen des Textes mit der Zeit gehen müssen.

Gleichzeitig dekonstruieren islamistische Intellektuelle westliche Denkmodelle. Heba Ra’uf , Professorin für Politikwissenschaft und langjähriges Mitglied der Muslimbruderschaft, kritisiert die Dichotomie von öffentlich-politisch und privat und fordert Frauenrechte in einer islamischen Moderne ein. Anknüpfend an das Konzept „Das Private ist politisch“ betont sie die zentrale Rolle der Familie als Mikrokosmos, deren ethische Prinzipien wie Solidarität und konsensuelle Entscheidungsfindung (shura) die Grundlage für Gesellschaft und Politik sein sollten. Den Vorrang des Mannes in der Familie stellt sie nicht grundsätzlich in Frage, aber: „Man kann in einer Familie im Islam nicht ein totalitäres patriarchales System haben. Die Familie sollte durch Shura geführt werden. […] Wir haben ein Familienoberhaupt, aber er ist wie der Kalif und sollte frei gewählt werden. Wenn er ungerecht ist, sollte ihm das Recht entzogen werden, das Oberhaupt der Familie zu sein.“ (Ra'uf Ezzat 1994)

Die Ausstrahlungskraft der islamistischen Aktivistinnen mag darin begründet liegen, dass sie Gestaltungsmöglichkeiten im Rahmen der familiären und religiösen Gemeinschaften ausweiten. Auf deren Rückhalt gleichsam als Zufluchtsort in einer ‚herzlosen Welt’ können und wollen die meisten Frauen kaum verzichten. Insbesondere arme Frauen verfügen nicht über das soziale und kulturelle Kapital, um eigenständig und ohne wohlfahrtsstaatliche Unterstützung in der neoliberalen Risikogesellschaft erfolgreich zu bestehen. Sie sind bestrebt, ihre praktischen Genderinteressen zu verwirklichen, indem sie ihr moralisches Kapital innerhalb der Gemeinschaften maximieren. Dabei müssen sie sich mit patriarchalen Verhaltensnormen arrangieren, die sie allerdings fortlaufend mit verhandeln. Somit wird auch in den Armenvierteln Kairos oder den Dörfern Oberägyptens ein „organischer Feminismus“ des Alltags praktiziert.

 

Renate Kreile ist Professorin für Politikwissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.

 

Literatur

Abdellatif, Omayma /Ottaway, Marina (2007): Women in Middle East Movements: Toward an Islamist Model of Women’s Activism. Carnegie Papers No. 2

Abu-Lughod, Lila (2010): The Active Social Life of "Muslim Women's Rights": A Plea for Ethnography, Not Polemic, with Cases from Egypt and Palestine. In: Journal of Middle East Women's Studies, Volume 6, Number 1

Bayat, Asef (2002): Piety, Privilege and Egyptian Youth. ISIM Newsletter 10

Hafez, Sherine (2011): An Islam of Her Own. Reconsidering Religion and Secularism in Women’s Islamic Movements, New York and London

Ismail, Salwa (2007): Islamism, Re-Islamization and the Fashioning of Muslim Selves: Refiguring the Public Sphere. In: Muslim World Journal of Human Rights, Vol. 4, Issue 1

Khalaf, Roula (2012): The Muslim sisterhood. In: Financial Times vom 2. 11. 2012

Koning, Anouk de (2009): Global Dreams. Class, Gender, and Public Space in Cosmopolitan Cairo, Cairo and New York

Kreile, Renate (2009): Transformation und Gender im Nahen Osten. In: Beck, M./ Harders, C./ Jünemann, A./ Stetter, S. (Hrsg.): Der Nahe Osten im Umbruch, Wiesbaden

Lasch, Christopher (1995): Haven in a Heartless World: Family Besieged, New York

McLarney, Ellen (2010): The private is political: Women and family in intellectual Islam. In: Feminist Theory 11 (2), 129-148

Mahmood, Saba (2005): Politics of Piety. The Islamic Revival and the Feminist Subject, Princeton and Oxford

Naguib, Sameh (2009): Islamism(s) old and new. In: El-Mahdi, R./ Marfleet, P. (ed.): Egypt. The Moment of Change, London, New York

Patel, David S. (2012): Concealing to reveal: the changing informational role of Islamic dress. In: Rationality and Society, Vol. 24, no. 3, 295-323

Ra’uf Ezzat, Heba (1994): An Islamic Women’s Liberation Movement? In: Middle East Report 191

Sholkamy, Hania (2011): From Tahrir square to my kitchen. Online: http://www.opendemocracy.net/print/58502 (8.03.2011)

Singerman, Diane (2007): The Economic Imperatives of Marriage. Middle East Youth Initiative Working Paper, Number 6, September

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