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Bolivien: Bühnen der Veränderung

Ulrich Brand / Isabella Radhuber / Almut Schilling-Vacaflor (Hg.): Plurinationale Demokratie in Bolivien. Gesellschaftliche und staatliche Transformationen. Westfälisches Dampfboot, Münster 2012. 388 Seiten, 34,90 Euro. Simon Ramirez-Voltaire: Symbolische Dimensionen von Partizipation. Aushandlungen von lokalpolitischen Gemeinwesen und Institutionen im Kontext der bolivianischen Dezentralisierung. Edition tranvía, Berlin 2012. 420 Seiten, 32 Euro.

Der Sammelband Plurinationale Demokratie in Bolivien verfolgt das Anliegen, bolivianische Debatten und Analysen über den »proceso de cambio« auch auf Deutsch zugänglich zu machen. Verschiedene bolivianische AutorInnen analysieren in historischen und aktuellen Beiträgen die Voraussetzungen, Bedingungen und Ausgestaltungen des Transformationsprozesses, der durch das »Öffnen politischer Horizonte« mit den indigenen Märschen ab 1990 und dem »Wasserkrieg« 2000 ermöglicht wurde. Insbesondere seit dem Amtsantritt von Präsident Evo Morales gibt es zwar eine Vielzahl an deutschsprachigen Publikationen über Bolivien, aber selten kommen bolivianische AutorInnen selbst zu Wort. Anders im vorliegenden Buch, das zudem eine Fülle an theoretischen Zugängen bietet, in dessen Zentrum die Dekolonisierung des Staates, der Gesellschaft und der Wissensproduktion stehen. So werden indigene Gesellschafts- und Geschichtskonzepte als wesentlicher Teil der Theorieproduktion einbezogen und die globalen postkolonialen Strukturen als Basis des liberalen Kapitalismus ins Zentrum der Analysen gerückt.

Inwieweit eine Dekolonisierung des Staates auch eine Neukonzeption von Geschlechterverhältnissen umfasst, wäre ein weiteres wichtiges Thema, das hier erst in Ansätzen Erwähnung findet. Plurinationale Demokratie wird theoretisch gefasst, aber eine Auseinandersetzung darüber, inwieweit diese rhetorisch von der Regierung übernommenen Konzepte auch in die Realität umgesetzt werden, konnte in diese Publikation noch nicht einbezogen werden, denn die Beiträge stammen aus den ersten Jahren der Regierung Morales. Ulrich Brand sieht in den bolivianischen Mobilisierungen die wichtige Erfahrung, »dass eine progressive Regierung noch keinen progressiv orientierten Staatsapparat macht«. Es ist also noch ein langer Weg bis zur Verwirklichung des plurinationalen Staates. Es bleibt zu hoffen, dass es bald ein Nachfolgewerk gibt, in dem die bisherigen Fort- oder Rückschritte bei der Dekolonisierung kritisch analysiert werden.

Einen anderen Ansatz wählt Simon Ramirez-Voltaire in seiner Dissertation Symbolische Dimensionen von Partizipation. Nicht die »Neugründung Boliviens«, sondern die Kontinuitäten lokaler Organisierungsformen seit der Revolution 1952 und den Dezentralisierungs-Reformen von 1994 bilden den Ausgangspunkt für die Analyse, welche für das Verständnis der heutigen Situation in Bolivien von großer Bedeutung seien. Im Zentrum steht die Beschäftigung »mit der symbolischen Konstruktion von politischen Gemeinwesen im Kontext der Dezentralisierung«. Mit dem Gesetz zur Volksbeteiligung von 1994 wurden lokale Institutionen geschaffen, die der politischen Beteiligung der Bevölkerung einen Rahmen geben und diese letztlich in die staatlichen Strukturen integrieren sollten. Ramirez-Voltaire argumentiert, dass diese lokalen Institutionen bis heute fortdauern und die Basis für die aktuellen Aushandlungsprozesse im Rahmen der plurinationalen Verfassung von 2009 bilden. Denn die Legitimationskrise des Staates von 1952 wurde durch dieses Gesetz nicht überwunden, sondern verstärkte die beiden zentralen historischen Konfliktachsen: zwischen Staat und lokalen Organisationsformen sowie Staat und Departamentos, die anders als die Gemeinden durch dieses Gesetz keine Stärkung erfuhren.

Das Buch liest sich sehr viel leichter, als sein sperriger Titel es vermuten lässt. Insbesondere die qualitative Forschung in zwei bolivianischen Gemeinwesen macht die Prozesse »von unten« verständlich und veranschaulicht die »beiden Bolivien«: Einerseits die Gemeinde Tiquipaya in Cochabamba, die von den Strukturen der LandarbeiterInnengewerkschaft geprägt und wo die Unterstützung für die Regierungspartei MAS sehr hoch ist, andererseits die Cívico-Strukturen im konservativen Santa Cruz, die auf der Abgrenzung vom »andinen Nationalstaat Bolivien« und der »protonationalen Erzählung« über die »Camba-Nation« basieren. Dabei wird deutlich, wie auch die Kategorien Geschlecht und Ethnizität Teil von Aushandlungsprozessen und Interessenskämpfen sind. Ramirez-Voltaire wendet sich gegen einen »methodologischen Essenzialismus« und schlägt stattdessen das Konzept einer »politischen Ethnizität« im Sinne einer »flexiblen symbolischen Position« vor. Bei aller Relevanz dieser Reflexion ist es schade, dass dieses auf europäischen TheoretikerInnen basierende Verständnis von Ethnizität nicht mit diesbezüglichen Ansätzen bolivianischer AutorInnen kontrastiert wurde. Dazu könnte beispielsweise der Beitrag von Silvia Rivera Cusicanqui in Brand et al. herangezogen werden, der Ethnizität aus feministischen Perspektiven analysiert.

Beide Bücher beschäftigen sich mit aktuellen Themen, die nicht nur für Bolivien bedeutsam sind: Universalismus versus Partikularismus, politische und gesellschaftliche Partizipation aller Bevölkerungsteile, gesellschaftliche Alternativen, Ethnisierungsprozesse etc. Sie ergänzen sich in ihrer Herangehensweise und bieten auch für Nicht-Bolivien-SpezialistInnen genügend Hintergrundinformationen, um die derzeitigen Prozesse und theoretischen Vorschläge nachvollziehen zu können. Dabei bleiben notgedrungen auch Lücken für zukünftige Publikationen, wie etwa der verstärkte Einbezug von afrobolivianischen Perspektiven oder von indigenen AutorInnen (wie immerhin teilweise im Sammelband umgesetzt). Letzteres wäre ganz im Sinne der Aufforderung von Vega Camacho, »den Staat aus der Perspektive derer zu denken, die bisher nicht Teil von ihm waren«.

Alicia Allgäuer

338 | Fairer Handel
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