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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 338 | Fairer Handel Editorial zum Themenschwerpunkt

Editorial zum Themenschwerpunkt

Kaufend schreiten wir voran

Als der Discounter Lidl 2006 faire Produkte einführte, war dies eine Lachnummer. Schon bald kursierten Witze wie: Wie ist es möglich, dass Lidl Produkte aus fairer Herstellung verkauft? Antwort: Die eigenen Angestellten dürfen die Waren nicht berühren.

Lidl war seinerzeit Inbegriff für schlechte Arbeitsbedingungen: Schikanen gegen die Angestellten oder Unterdrückung gewerkschaftlicher Organisierung sorgten zunehmend für schlechte Presse. So wurde eine Imagekampagne fällig, zu der auch gehörte, einige vom Label Fairtrade zertifizierte Produkte in die Regale zu stellen. Und schon konnte Lidl werben (wenn auch nicht mit Blick auf die eigenen Angestellten, die zu dieser Zeit im Visier geheimer Videoüberwachung waren): »Fair genießen«.

2012 reichte Transfair an Lidl den »Fairtrade-Award« nach. Die Organisation Femnet kritisierte das: »Wir finden es wichtig, dass man nicht Schönfärberei betreiben kann, indem man vielleicht 12 Produkte sozialverträglich herstellt und die restlichen 800 oder 1.000 Produkte sind es eben nicht.«

An den Lidl-Witz mussten wir denken, als kurz vor Redaktionsschluss die Werbebeilage »ALDI informiert…« ins Haus flatterte. Da wurde verkündet: »FAIRTRADE – Ehrlich. Menschlich. Kauf ich!«

Aldi? Als Marktführer für Lebensmittel kommt Aldi in Deutschland regelmäßig die Aufgabe zu, die Milchpreise informell festzulegen. In der Vergangenheit sorgten die niedrigen Festlegungen stets für Existenzsorgen bei den Milchbauern. Ein fairer Milchpreis ist laut dem Bund Deutscher Milchviehhalter weit vom Aldipreis entfernt. Nichtsdestotrotz bebildert Aldi mit einem Bruchteil seines Sortiments sechs Seiten seiner Werbebroschüre. Gezeigt werden glückliche ProduzentInnen und KonsumentInnen von Fairtrade-zertifizierten Produkten der Aldi-Süd-Eigenmarke »One World«.

Man kann sich den Aufschrei lebhaft vorstellen, den Aldi damit hervorruft: »Heuchelei! Mit dem ursprünglichen Fairen Handel hat das nichts mehr zu tun! Das ist Entpolitisierung!« Sogar viele Eine-Welt-Läden, die ursprünglich als einzige faire Produkte vertrieben, üben Selbstkritik – nicht zuletzt an der eigenen Entpolitisierung. »Früher« standen auch Bücher über den Welthandel in den Schaufenstern, heute nur noch Waren, heißt es da.

Die grundlegende Kritik an der mangelnden Reichweite des Fair Trade begleitet ihn seit seiner Entstehung. Kann Handel in der Konkurrenzgesellschaft überhaupt fair sein?, so die Gretchenfrage. Der Fokus auf kleinbäuerliche Produktion und die Freiwilligkeit des Preisaufschlages sorgen dafür, dass nur eine kleine Nische der Arbeitswelt berücksichtigt wird.

Die Hinwendung zu Lidl und Aldi ist immerhin ein entgegen gesetzter Schritt hin zum Massenmarkt, wenn auch kein überzeugender. Ebenfalls neu in der Welt des Fairen Handels ist die zunehmende Zertifizierung von Produkten aus der kapitalistischen Plantagenproduktion. Indem sie den Bereich der Kleinproduktion verlässt, ignoriert sie immerhin nicht weiter, dass Landwirtschaft heute technisiert und arbeitsteilig ist. Der Verbleib des Fairen Handels in der wohltätigen Nische ist sicher keine dauerhafte Alternative.

Bei aller Kritik am Fairen Handel muss eingeräumt werden, dass ihm einiges zu verdanken ist. Viele ProduzentInnen im globalen Süden, die es in diese Struktur hinein geschafft haben, leben in besseren Verhältnissen. Und die Kritik an der Ausbeutungsstruktur des Welthandels hat gerade durch den Fairen Handel einige Verbreitung erfahren. Der Aufklärungsarbeit ungezählter AktivistInnen in den Eine-Welt-Läden gebührt höchste Achtung. Außerdem findet man im uns nächstgelegenen Weltladen durchaus Literatur zur Welthandelskritik. Im Schaufenster steht die Ausgabe »Fair Trade« der Zeitschrift Peripherie: Kein Wohlfühlmagazin, sondern eine theoretisch-kritische Untersuchung des Ansatzes.

Bei Veranstaltungen etwa über die katastrophalen Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie wird schnell die Frage nach dem eigenen Konsumverhalten laut. Als ob irgendein/e Konsument/in ArbeiterInnen selbst ausbeuten würde... Die Sache ist doch deutlich komplizierter und viel vermittelter. Dennoch wird der Faire Handel und die Kaufentscheidung des Einzelnen oft als die Möglichkeit proklamiert, um die Welt besser zu machen. Hier ist der Faire Handel eine gängige Komplexitätsreduktion.

Die Probleme der kapitalistischen Vergesellschaftung lassen sich sicher nicht allein an der Ladenkasse beheben. Die Überproduktion auf dem Kaffeemarkt beispielsweise verlängert sich auch in den fairen Sektor hinein. Die Regulierung der Überproduktion bedürfte staatlichen Handelns, anders geht es derzeit nicht. Und auch das Problem, dass die überflüssigen Güter überflüssige Arbeit produzieren und dies im Kapitalismus den überflüssigen Menschen schafft: Das lässt sich nicht mit Preispolitik beheben. Bis zur Auflösung dieses Paradoxons werden wir allerdings noch einige Tassen Kaffee »fair genießen«.

die redaktion

 

Für die Förderung des Themenschwerpunktes bedanken wir uns sehr herzlich bei der Stiftung Umverteilen! und beim Agenda 21-Büro Freiburg

338 | Fairer Handel
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