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»Landwirtschaft 2013 heißt auch Melkroboter«

Interview mit Gertrud Selzer von der Aktion 3.Welt Saar

Die faire Milch zum fairen Kaffee

Die Aktion 3.Welt Saar engagiert sich mit »Erna goes fair« für eine faire Landwirtschaft weltweit. ERNA steht für Kampagne für ERnährungssicherheit und NAchhaltigkeit. Die Kampagne ist an den Demonstrationen in Berlin für eine andere Agrarpolitik anlässlich der Grünen Woche beteiligt. Im Rahmen von ERNA arbeitet die Aktion 3.Welt Saar im Trägerkreis von »Meine Landwirtschaft – unsere Wahl« mit.

 

iz3w: Wenn sich eine Organisation wie die Aktion 3.Welt Saar »für eine faire Landwirtschaft weltweit« engagiert, erwartet man einen Fokus auf Kleinbauern im globalen Süden. Was ist bei Erna goes fair anders?

Gertrud Selzer: Ich rede nicht von Kleinbauern, sondern von Bauern und Bäuerinnen. Der Begriff »Kleinbauer« ist für mich ein Klischee mit der Tendenz zur Respektlosigkeit. Bei ERNA goes fair kooperieren wir mit Bauern, NaturschützerInnenn und mit GewerkschaftlerInnen. Letzteres ist bundesweit einzigartig. Dabei soll vermittelt werden, dass Landwirtschaft im Jahr 2013 auch nach dem heutigen Stand der Technik stattfindet; also mit Computer und meinetwegen – aber nicht nur – mit Melkroboter. Es geht auch darum, nicht in das Klischeebild von Bauern zu verfallen, die morgens um fünf Uhr frohen Mutes mit Hacke und Spaten aufs Feld ziehen und mit jedem Regenwurm per du sind.

Warum beziehen Sie die Landwirtschaft vor Ort ein?

Weil Landwirtschaft alle etwas angeht. Die üblichen Trennungen taugen nichts und die Zusammenhänge liegen auf der Hand: In Paraguay wird die Landwirtschaft auf Sojaanbau zugerichtet, Bauern werden dabei vertrieben und manchmal sogar ermordet. Mit billig produziertem Soja wird in Deutschland auf Kosten von hiesigen Bauern eine Überproduktion von Milch geschaffen. Dies drückt hier den Preis und zwingt Bauern zur Produktion unter den realen Kosten. Die überschüssige Milch wird als Kondensmilch und Milchpulver unter anderem nach Westafrika exportiert. Das nötigt dort Bauern, die Milchwirtschaft aufzugeben. Letztlich sind sie sowohl in Paraguay, Deutschland oder dem Senegal die Gelackmeierten.

Sie kooperieren mit dem Bundesverband Deutscher Milchviehhalter und mit deutschen Landesverbänden der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. Ist das nicht ungewöhnlich?

Noch ungewöhnlicher ist die Kooperation mit dem DGB. Dass jetzt bereits zum vierten Mal Bauern mit Treckern an der 1. Mai Veranstaltung des DGB in Saarbrücken teilnehmen, vermittelt auch optisch etwas Neues. Bessere Löhne und Preise gibt es nicht durch ein freundliches »bitte, bitte«. Allerdings bleibt der Grundwiderspruch bestehen, weil Bauern Betriebsinhaber sind, also Arbeitgeber.

Was geschieht bei dieser Kooperation?

Zwischen NaturschützerInnen und LandwirtInnen zum Beispiel erfolgen gegenseitige Impulse. NaturschützerInnen erfahren etwas über die massiven ökonomischen Zwänge, unter denen Bauern stehen und diese bekommen Hinweise auf den auch ökonomischen Wert von Artenvielfalt auf dem Acker. Und beim Anbau von Leguminosen (einheimische Eiweißpflanzen wie Ackerbohnen und Futtererbsen) trifft man sich. Dieser Anbau reduziert die Sojaexporte aus dem globalen Süden und erhöht die Artenvielfalt auf dem Acker. Viele Beteiligten sind durchaus offen für internationalistische Sichtweisen, weil sie merken, dass dies etwas mit ihrem Alltag zu tun hat: Zum Beispiel beim Zugriff auf Saatgut, der auf internationaler Ebene durch Patentierungsversuche von Agrarunternehmen und auf nationaler Ebene durch Nachbaugebühren erschwert wird.

Sie wollen Zusammenhänge zwischen Nord und Süd aufzeigen. Welche sind das konkret?

Allein Deutschland verbraucht 2,8 Millionen Hektar Fläche außerhalb Europas für den Futtermittelanbau; meist für Soja. Gleichzeitig liegt hier die Züchtung von Leguminosen-Saatgut, also Futtererbsen und Ackerbohnen, brach. Bauern, die auf einheimische Eiweißpflanzen umsteigen wollen, können dies nur mit erheblichen Unsicherheiten leisten. Die Bedeutung des Sojaanbaus in Paraguay hat man letztes Jahr gesehen, als der von den Sojabaronen mit unterstützte Staatsstreich über die Bühne ging. Präsident Fernando Lugo wurde gestürzt, weil er Landbesetzungen nicht militärisch genug bekämpfte und Gensoja nicht Tor und Tür öffnete.

Gleichzeitig legen wir Wert auf persönlichen Austausch. Mit der Bauernaktivistin Esther Leiva aus Paraguay hatten wir mehrere Hofbesichtigungen in Rheinland Pfalz und im Saarland und Begegnungen mit ParlamentarierInnen. Mit dem Hauptdarsteller des Films »Raising Resistance«, Geronimo Arevalos, hatten wir Gespräche mit hiesigen Milchbauern eingefädelt.

Was haben Sie bei dem Projekt gelernt?

In einem seiner ersten Filme »Im Lauf der Zeit« lässt Wim Wenders seinen Hauptdarsteller sagen: »Es muss alles anders werden.« Dazu gehört auch das Klischee über vermeintlich dumme Bauern und Bäuerinnen. Auch wir mussten im Detail lernen, welche hochkomplexen Betriebsabläufe dort stattfinden. Fasziniert bin ich von der Offenheit auf Seite der Bauern gegenüber der ihnen bis dato eher fremden Welt der Gewerkschaften und des Naturschutzes.

Was ist dabei für den Fairen Handel interessant?

Der Faire Handel hätte hier seine Chance, die eigene Distanz zu Gewerkschaften und seine Entpolitisierung zu überwinden. Gerechtigkeit ist unteilbar. Was nützt der schönste Faire Handel, wenn dabei die offensichtlichen Zusammenhänge zwischen Sojaanbau in der Dritten Welt und der Marginalisierung von Bauern in Deutschland ausgeblendet werden. Da bin ich wenig optimistisch, da sich etliche AkteurInnen des Fairen Handels in einer gut honorierten Nische eingenistet haben. Der Bezug zu sozialen Kämpfen hier, zu Gewerkschaften oder überhaupt zu Politik stört dabei.

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft hat auch mit Erwerbsloseninitiativen kooperiert. Ein Milchbauer sagte, dass faire Lebensmittelpreise nur möglich sind, wenn sie bezahlt werden können. Dafür müssten Niedriglöhne und der niedrige Hartz-IV-Satz abgeschafft werden. Was sagt das Fair-Trade-Aktiven?

Der Faire Handel kolportiert eine fast schon idyllisch anmutende Welt von armen kleinen Bauern, die weit weg leben und die durch »unser« gönnerhaftes Wirken den morgigen Tag überleben. Es stellt sich schon die Frage, ob »die Bauern« in der Dritten Welt uns brauchen – oder »wir« sie, um uns an der eigenen Hilfstätigkeit zu laben.

 

Gertrud Selzer ist Mitbegründerin der Aktion 3.Welt Saar und Mitarbeiterin bei ERNA goes fair (www.erna.a3wsaar.de).

Das Interview führte Winfried Rust.

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