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Hefteditorial

Mit Themen schwer punkten

»Wie kommt ihr eigentlich auf eure Ideen für Themenschwerpunkte? Und wie geratet ihr dann an die AutorInnen und die Artikel?« Diese Fragen hören wir oft, von LeserInnen, PraktikantInnen und anderen Neugierigen. In der Regel geben wir nur zögerlich Antwort. Wir lassen uns doch nicht einfach so in die Karten gucken und geben alle Geheimnisse der hart erarbeiteten Redaktionsroutine preis! Nachher kupfert die Konkurrenz noch bei uns ab! Und unsere AutorInnenkartei wird nicht mal Wikileaks je zu Gesicht bekommen, geschweige denn die NSA!

Spaß beiseite, in Wirklichkeit ist die Themenfindung ein eher unspektakulärer Vorgang, der mehr mit fleißiger Recherche, kollektivem Nachdenken und geduldigem Diskutieren zu tun hat denn mit Geistesblitzen, genialen Eingebungen und bewusstseinserweiternden Drogen. Alljährlich im Herbst treffen wir uns in unserem Hinterhofhaus zum Planungstag. Erst wird lecker gefrühstückt, dann geht’s ans Eingemachte: Aus vielen attraktiven Themenvorschlägen sechs auszuwählen, die im kommenden Jahr auch tatsächlich realisiert werden (können). Ein Abstimmungsverfahren mit einem Punktesystem ähnlich wie beim European Song Contest sorgt dann für die Hitparade der attraktivsten Themen.

Prominenter Stichwortgeber bei der Themenwahl sind die bereits erschienenen Artikel unserer AutorInnen. Ein spannender Beitrag liefert nicht ja nur Antworten, sondern wirft Fragen auf, die nach vertiefter Beschäftigung in einem Themenschwerpunkt verlangen. Natürlich setzen auch alle Redaktionsmitglieder eigene Akzente bei der Themenfindung. Jede/r von uns hat individuelle Interessengebiete, die immer wieder variiert werden wollen: Stadt, Armut, Feminismus, Nation, Postkolonialismus und vieles mehr.

Wer beim Planungstag mit einem Themenvorschlag aufwartet, muss aber bei den anderen Redaktionsmitgliedern schon ordentlich Werbung machen, sonst gibt es nicht genug Punkte. Unvergessen ist jener Schwerpunkt zu einem Thema, das andere Zeitschriften schon für einen Artikel zu abseitig fänden: Die Rückgabe von Schädeln und Gebeinen, die in Kolonien geraubt worden waren. Zunächst war die Redaktionsmehrheit skeptisch, ob das irgendjemanden außerhalb der eingeschworenen Szene von KolonialhistorikerInnen interessieren würde. Doch dann stellte der Vorschlagende die politische Brisanz des Themas heraus, beklagte geschickt die Ignoranz der linken Medien, und schwupps hatte er die nötigen Punkte beisammen. Das Ergebnis ist in iz3w 331 nachzulesen.

Ein solches Erfolgserlebnis blieb dem Vorschlagenden des Themenschwerpunkts »Transport und Logistik« beim jüngsten Planungstag verwehrt. Dabei hatte er in einem ausführlichen Positionspapier mit dutzenden guten Argumenten dafür geworben, wie spannend Transportwesen und Logistik sind. Es seien die Leitbranchen der komplexen, verwobenen Weltwirtschaft schlechthin, ein Spiegelbild der Globalisierung und einer der größten Arbeitgeber weltweit. Die Branche ist ein gigantisches Versuchsfeld von Ausbeutung und sozialen Kämpfen in den transnationalen failed zones der Arbeitswelt, brachte der wackere Redakteur vor. Die Arbeitsbedingungen seien prekär, denn sie entzögen sich staatlicher und tariflicher Regulierung.

Nun, der Tag des Themenschwerpunkts »Transport und Logistik« wird kommen… aber gegen andere, im Trend liegende Themen wie »Türkei« war diesmal nicht anzukommen. In fast jedem zweiten Heft hatten wir zuletzt einen Artikel über die Entwicklungen in der Türkei zwischen reaktionärer Islamisierung und progressiven Protest. Die Texte ergaben aber immer neue Fragen, und somit schaffte es die Türkei aus dem Stand in die Top Six.

Ein alter Bekannter war hingegen der Themenvorschlag »Behinderung und Dritte Welt«. Ein Nischenthema, denkt man. Doch schon ein Blick in den Weltbehindertenbericht 2011 korrigiert diese Einschätzung. Die Zahl der Menschen mit Behinderung weltweit liegt bei über einer Milliarde. Behinderung ist oft eine Folge von (Bürger)Kriegen, von Armut und mangelhafter sozialer und medizinischer Infrastruktur. Höchste Zeit, eine grundlegendere Auseinandersetzung mit Behindertenfeindlichkeit zu führen, und dabei die Selbstorganisierung der Betroffenen und die neuen Sichtweisen nicht auszublenden, die sich in Ansätzen wie Inklusion oder Disability Studies zeigen.

Ab und zu wollen wir auch mal was »Schönes« machen – im nächsten Jahr ist daher ein Themenschwerpunkt zu Fotografie vorgesehen. Andere Themen sind eher furchtbar und man schreckt vor der Auseinandersetzung zurück. Doch genau deshalb wird es einen Schwerpunkt zu Folter und staatlicher Gewalt geben. Weitere für 2014 geplante Themen sind Asylpolitik (in Kooperation mit der Hinterland-Redaktion), Uranabbau & Atomwirtschaft sowie Ausbeutung der Meere. Last but not least wollen wir aktuelle Themen und Reihen wie »Die Dritte Welt im Ersten Weltkrieg« nicht vernachlässigen.

So, der kleine Einblick in unsere Binnenstruktur endet hier. Wer geglaubt hatte, wir geben tatsächlich preis, wie wir unsere AutorInnen finden, wird enttäuscht sein. Vielleicht ist es ja eher so, dass die AutorInnen uns finden? Darüber freuen würde sich jedenfalls

die redaktion

 

PS:

Unsere Ideen reichen für weitaus mehr als nur sechs Hefte im Jahr. Doch selbst dafür ist das Geld knapp. Nur dank der finanziellen Unterstützung von hunderten SpenderInnen sind wir in der Lage, die vielfältigen Aktivitäten des iz3w weiterzuführen, ohne uns von Staat, Stiftungen oder Kirchen abhängig zu machen. Daher bitten wir auch in diesem Jahr herzlich um eine steuerabzugsfähige Spende auf unser Konto 7913387600 bei der GLS Bank (BLZ 43060967). Bitte Adresse im Betreff angeben, dann schicken wir Ende Januar Bescheinigung und Jahresbericht zu.

339 | Faschismus hat viele Gesichter
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