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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 339 | Faschismus hat viele Gesichter Sonja Wegner: Zuflucht in einem fremden Land

Sonja Wegner: Zuflucht in einem fremden Land

Exil in Uruguay 1933-1945. Verlag Assoziation A, Hamburg 2013. 376 Seiten, 22 Euro.

Einen Beitrag zur Exilforschung liefert Sonja Wegner mit ihrer Arbeit zur Emigration von 10.000 Jüdinnen und Juden nach Uruguay zwischen 1933 und 1945. Wenig ist bisher bekannt über die Rolle des kleinsten Landes Südamerikas als Ort des Exils – und das, obwohl Uruguay im Verhältnis zu seiner Größe mehr politische Flüchtlinge aufnahm als Mexiko oder die USA.

Im ersten Teil des Buches beschreibt Wegner die allgemeine politische Ausgangslage im Dritten Reich und führt aus, auf welch unterschiedlichen Wegen die Verfolgten ins Exil aufbrachen. War es vor den Novemberpogromen noch möglich, »geregelt« ins Ausland zu gehen (wenn auch nur mit Hilfe der damit verbundenen wirtschaftlichen Ausplünderung der jüdischen Familien durch die so genannte Reichsfluchtsteuer), so wurde legales Auswandern ab dem 10. November 1938 quasi unmöglich. »Die gewaltsame Vertreibung der Juden aus Deutschland und Österreich verringerte überall die Einreisemöglichkeiten, noch nicht einmal vorübergehendes Exil wurde gewährt«, so Wegner.

Uruguay, häufig als Schweiz Südamerikas bezeichnet, gehörte zu den wenigen Ländern, die zu diesem Zeitpunkt noch Einreisegenehmigungen erteilten. 1938 verfügte das Land zudem über vergleichsweise demokratische Strukturen, die es den EmigrantInnen ermöglichten, auch im Exil weiterhin politisch aktiv sein zu können. Detailliert schildert die Autorin anhand einer Fülle von Biografien, wie unterschiedlich die Emigration der einzelnen Familien verlief. Dabei stützt sie sich auf Archivmaterial, vor allem aber konnte sie für ihre Dissertation 51 Interviews mit EmigrantInnen führen. Gerade diese Beschreibungen bringen den Lesenden nahe, wie Vertreibung, Exil und der Aufbau einer neuen Existenz in einem unbekannten Land aussahen und wie verschieden die Menschen mit dieser Situation umgingen.

»Meine Ankunft in Montevideo, direkt aus dem KZ Sachsenhausen, erfolgte am 10. Dezember 1938.« So beschreibt beispielsweise der Emigrant Rudolf Hirschfeld seine ersten Schritte in der neuen Heimat. Ausführlich dokumentiert Wegner die Lebensbedingungen der EmigrantInnen, ihre Bemühungen, beruflich voranzukommen und sich in dem bisher unbekannten Land zurechtzufinden. Doch nicht alle konnten Fuß fassen. Viele, gerade auch ältere ExilantInnen, hatten große Probleme, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, viele starben früh an den »Strapazen der erzwungenen Emigration«.

Im letzten Teil des Buches wendet sich Wegner der Frage zu, was nach 1945 mit den ExilantInnen aus Uruguay geschah. Viele unter ihnen, vor allem die politisch aktiven, wollten zurück, »doch Deutschland konnte oder wollte vielfach nicht. Im Osten herrschte gegenüber sogenannten West-Emigranten eine große Skepsis, im Westen schlug den Remigranten häufig Ablehnung entgegen.«

Zuflucht in einem fremden Land ist ein beeindruckendes Buch zur bisher wenig erforschten Bedeutung Uruguays als Land, das den Verfolgten des NS-Terrors rettendes Asyl bot. Aufgrund des umfangreichen einleitenden Teils zur Exilforschung sowie der Beschreibung der politischen Ausgangssituation ab 1933 ist das Buch auch lesenswert für all jene, die sich bisher wenig mit Exilforschung befasst haben.

Iris Erbach

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