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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 341 | Asyl & Politik The Saddam Tapes und Saddam Hussein’s Ba’th Party

The Saddam Tapes und Saddam Hussein’s Ba’th Party

Kevin M. Woods/ David D. Palkki/ Mark E. Stout (Hg.): The Saddam Tapes. The Inner Workings of a Tyrant’s Regime, 1978 – 2001. Cambridge University Press 2011. 392 Seiten, 30,49 Euro.

Joseph Sassoon: Saddam Hussein’s Ba’th Party. Inside an Authoritarian Regime. Cambridge University Press 2011. 336 Seiten, 20,95 Euro

 

Moralisches Koma im Irak

 

Unter dem Eindruck der ersten Berichte von Überlebenden aus den NS-Konzentrationslagern bemerkte der in die USA emigrierte Soziologe Leo Löwenthal im Jahr 1945 in seinem Aufsatz »Individuum und Terror«, dass der Mensch unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen erstarrt und abstumpft, »nicht nur in der Beziehung zum Nächsten, sondern auch im Verhältnis zu sich selbst. Die Furcht verbietet ihm spontane und kognitive Reaktionen. Der Akt des Denkens selbst wird zur Dummheit: Er ist lebensgefährlich. Es wäre dumm, nicht dumm zu sein, und als Folge erfaßt allgemeine Verdummung die terrorisierte Bevölkerung. Die Menschen verfallen in einen Zustand der Erstarrung, der einem moralischen Koma gleichkommt.«

Nach dem Lesen der Studie The Saddam Tapes. The Inner Workings of a Tyrant’s Regime 1978-2001 lässt sich diese Feststellung Löwenthals wohl insofern modifizieren, als dass die Verdummung nicht nur die unterworfene Bevölkerung erfasst, sondern sich bis in die höchsten Entscheidungsgremien fortzusetzen scheint. Grundlage der Studie sind transkribierte Mitschnitte und Protokolle aus dem Revolutionären Kommandorat (RKR), dem höchsten legislativen und exekutiven Organ des baathistischen Irak. Bei der Lektüre der Dokumente, die den Koalitionstruppen nach dem Regimewechsel im Irak 2003 in die Hände gefallen sind, wird eine intellektuelle Armseligkeit deutlich, die verbunden ist mit einer kaum zu ertragenden Unterwürfigkeit von Saddams engsten Beratern und ergänzt wird durch die absurdesten Verschwörungstheorien. All das macht ratlos, wie dieses System über Jahrzehnte bestehen konnte.

Aufgrund der Materialfülle mussten sich die Herausgeber auf eine Auswahl beschränken, die jedoch einen guten Überblick zu den wesentlichen Ereignissen der Herrschaft Saddam Husseins bietet. Dabei stehen zwangsläufig außenpolitische Fragestellungen im Zentrum, wie die Beziehungen zu den arabischen Staaten oder die Kriege mit dem Iran von 1980-1988 und der internationalen Koalition nach der Besatzung Kuwaits 1991. Ebenso werden in einem instruktiven Kapitel die Debatten über den Einsatz von chemischen Waffen während des Krieges mit dem persischen Nachbarn dokumentiert. Dabei wird deutlich, dass Saddam in einigen Fällen die Anwendung persönlich angeordnet hat. Der Einsatz der Massenvernichtungswaffen im Rahmen der »Anfal-Kampagne« gegen die irakischen Kurden bleibt indes eine Leerstelle. Dies ist jedoch nicht den Herausgebern anzulasten, sondern der Tatsache geschuldet, dass das Regime 2003 die Dokumente zu diesen und anderen Maßnahmen vor den anrückenden Koalitionstruppen vernichtete.

Themenübergreifend lässt sich jedoch konstatieren, dass Saddam und seine engsten Vertrauten eine paranoide Sicht auf die Welt teilten. Es verging so gut wie keine Debatte, in der nicht über Hintergrundmächte, Komplotte und Verschwörungen gegen den Irak räsoniert wurde. So trug etwa im Jahr 2001 ein Geheimdienstchef Saddam vor, dass die unter Kindern beliebte Fantasiefigur Pokemon ein zionistisches Komplott gegen den Irak und die arabische Nation darstelle, da es Hebräisch für »Ich bin Jude« sei. So irrwitzig und lächerlich dies erscheinen mag, ist dies doch ein deutlicher Anhaltspunkt dafür, dass entgegen der ständig wiederholten Beteuerungen von hiesigen Nahost-Experten Verschwörungstheorien und Antisemitismus keineswegs von den Regierungen der Region als Instrumente der Ablenkung vom eigenen Versagen benutzt werden, sondern dass diese pathologische Sicht auf die Welt noch in den höchsten Gremien geteilt wurde.

Während sich diese Studie vor allem dem innersten Zirkel des Regimes widmet, analysiert der britische Historiker Joseph Sassoon in seinem Buch Saddam Hussein’s Ba’th Party auf Grundlage des gleichen Materials den Herrschaftsapparat des Baath-Regimes. Dabei beschreibt er detailliert das politische System unter Saddam. Er arbeitet heraus, dass ein solches Regime seine Stabilität nicht ausschließlich auf Angst und Gewalt gründen kann, sondern in gleichem Maße auf Partizipation angewiesen ist, die sich aus der Gewährung materieller Vorteile und auch ideologischer Überzeugung relevanter Teile der Gesellschaft speist.

Dennoch war es insbesondere die Durchdringung aller gesellschaftlicher Milieus und Institutionen durch die Baath-Partei, die dem Irak unter Saddam zu Recht den Namen »Republik der Angst« gab. Sasson führt dazu aus: »In systems as the Ba´th in Iraq, almost every citizen was forced to be watchdog and informer for the Regime, because not reporting a ‘suspicious’ act by anyone, including a family member, was considered to be a crime.« Ausführlich beschreibt Sassoon das System auf lokaler und regionaler Ebene und erlaubt damit einen Einblick in die Anatomie und Funktionsweise der Baath-Partei, die für das Verständnis relevanter erscheint, als die alleinige Betrachtung des RKR.

Eine Schwäche der Studie ist allerdings, dass der Autor keinen eigenen Begriff dieser Herrschaft entwickelt oder zumindest eine einführende Definition anbietet. Zwar ist es richtig, die Herrschaft des Baath als »totalitär« zu bezeichnen, jedoch wird im Laufe der Lektüre immer unklarer,
was der Autor damit eigentlich meint, vergleicht er doch den Irak unter Saddam Hussein mit NS-Deutschland, dem Stalinismus, dem italienischen Faschismus, den Roten Khmer, der chinesischen KP und dem rumänischen Ceausescu-Regime. Nun lassen sich auf einer deskriptiven Ebene zwischen allen diesen genannten Beispielen Übereinstimmungen finden, aber auch vollkommen gegenläufige Tendenzen. So ist beispielsweise auf Grundlage des ausgewerteten Materials deutlich festzustellen, dass der Irak alles andere als eine Führerdiktatur war, sondern in vielerlei Hinsicht gerade dem polykratischen Charakter des Nationalsozialismus ähnelte. Saddam selbst bemerkte demgegenüber, dass er das Land nach seiner Machtübernahme in einen »stalinistischen Staat« verwandeln wollte.

Irritierend ist überdies, dass der Autor zwar viele Staaten und Ideologien zum Vergleich heranzieht, aber gerade die naheliegenden Herrschaftssysteme der Region – zu denken wäre vor allem an das ebenfalls baathistische Syrien – gerade nicht berücksichtigt. Dabei wäre zu vermuten, dass gerade im regionalen Kontext und Vergleich viele Dinge zu erhellen wären. Trotz dieser Lücke bietet das Buch einen guten Einblick in die Funktionsweise des Baath-Regimes. Es bleibt zu hoffen, dass aus dem sichergestellten Material noch weitere Studien erstellt werden, die zum besseren Verständnis dieser spezifischen Herrschaftsform beitragen.

von Remko Leemhuis

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