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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 341 | Asyl & Politik Neva Löw: Wir leben hier und wir bleiben hier!

Neva Löw: Wir leben hier und wir bleiben hier!

Die Sans Papiers im Kampf um ihre Rechte. Westfälisches Dampfboot, Münster 2013. 159 Seiten, 19,80 Euro.

Sans Papiers in Frankreich

Im Frühjahr 2012 ist eine neue Ära migrantischer Kämpfe angebrochen. Um gegen ihre Entrechtung zu protestieren, haben sich Geflüchtete unter anderem in Deutschland, Österreich, Schweden und nicht zuletzt Frankreich organisiert. Dort hat der Kampf um Rechte mit Platz- und Kirchenbesetzungen, Protestmärschen und Streiks eine lange Tradition. Diese greift Neva Löw in ihrem Buch Wir leben hier und wir bleiben hier! auf.

Löw untersucht zwei Bewegungen von illegalisierten MigrantInnen: Zum einen die »Sans Papiers Bewegung von Saint Bernard« von 1996, zum anderen die neuere »Streikbewegung der Sans Papiers« aus den Jahren 2008 bis 2010. Dabei geht sie der Frage nach, »welche Kampfformen Sans Papiers anwenden können und welche ihnen in einem spezifischen Migrationsregime nahegelegt werden«.

Neben Begriffen der Staats- und Ideologietheorie von Althusser und Poulantzas greift Löw auf das Konzept des Migrationsregimes zurück: »Mittels der Annahme, dass Migrationsregime die Verstetigung von Verhältnissen und das Ergebnis von Kämpfen sind, stehen die Widerstandsformen der Migrant_innen im Zentrum meiner Darstellungen«. Dies gelingt Löw insbesondere in ihrer Analyse des französischen Migrationsregimes. Hier zeichnet sie anschaulich den Wandel der Kräfteverhältnisse in Frankreich nach, in dem sich Verschiebungen im »Block an der Macht«, die Transformation der Staatsapparate und neue Formen von sozialen Kämpfen wechselseitig bedingen. Interessant ist die veränderte Haltung französischer Gewerkschaften gegenüber migrantischen ArbeiterInnen und die Vereinnahmung von deren Protesten durch sozialdemokratisch geprägte Organisationen, die erst Mitte der 1990er Jahre aufgebrochen werden konnte.

Die anschließende Analyse der Kämpfe von Sans Papiers in Frankreich fokussiert Strategien und Taktiken, die Bündnisarbeit und die »Ideologie« der Bewegung. Die Untersuchung der »Bewegung von Saint Bernard« stützt sich auf Studien von Thierry Blin, Madjiguène Cissé und Barbara Laubenthal. Löw erarbeitet entsprechend ihrer theoretischen Konzepte aber eine spezifische Perspektive. Diese ermöglicht einen spannenden Überblick der Kämpfe von Sans Papiers im Kontext des damaligen Migrationsregimes. Hier erkennt man viele Widersprüche und Aktionsformen, die auch in den aktuellen Kämpfen von Geflüchteten eine Bedeutung haben.

Die größte Stärke des Buches ist die Analyse der neueren Streikbewegung der Sans Papiers, zu der noch keine umfassendere deutschsprachige Publikation erschienen ist. Während sich die »Bewegung von Saint Bernard« vor allem auf einen humanitären Diskurs bezogen hat, stehen die ab 2006 zunehmenden Streiks der Sans Papiers im Kontext von Arbeitskämpfen. Hier wäre es erfreulich gewesen, wenn den Perspektiven der streikenden Sans Papiers mehr Platz eingeräumt worden wäre; die Studie fokussiert vor allem die gewerkschaftliche Organisierung des Streiks. Auf die stärker selbstorganisierten Sans-Papiers-Kollektive – die unter anderem auch ein Gewerkschaftsgebäude besetzt haben – wird weniger eingegangen.

»Wir leben hier und wir bleiben hier!« liefert einen wichtigen Beitrag zur kritischen Migrationsregimeforschung und ist für alle interessant, die sich bei den aktuellen Flüchtlingsprotesten mit engagieren.

von Helge Schwiertz

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