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Hefteditorial

»Nicht über uns ohne uns!«

Im Themenschwerpunkt der iz3w 331 über die »Restitution geraubter Gebeine« hatten wir über die historische Schädelsammlung der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität berichtet. Dort lagerten bis vor kurzem auch Gebeine von Menschen aus der ehemaligen Kolonie »Deutsch-Südwestafrika«, dem heutigen Namibia. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ließ sich die Universität zu Forschungszwecken mit solchen Schädeln aus den Kolonien beliefern. Manche der Toten waren möglicherweise Opfer des Völkermordes, in den die Unterdrückung des antikolonialen Widerstandes gemündet war. Andere Gebeine wurden durch Grabraub erworben – etwa durch den Freiburger Anthropologen Eugen Fischer. Mit dem »schönen Hottentottenmaterial« sollte die angebliche Überlegenheit der Deutschen ‚wissenschaftlich’ belegt werden.

Am 4. März gab die Universität Freiburg im Rahmen einer feierlichen Übergabezeremonie 14 Schädel an eine namibische Delegation unter der Leitung des Kulturministers Jerry Ekandjo zurück. Tags darauf reiste die Delegation zur Berliner Charité weiter, wo eine zweite Übergabe von Schädeln stattfand. Anschließend flog die Delegation zurück nach Namibia. Dort hatte die von der ehemaligen Befreiungsorganisation SWAPO gebildete Regierung einen Empfang vorbereitet, um den missbrauchten Gebeinen eine ehrenvolle Rückführung zu bereiten – auch kolonialgeschichtlich eine wichtige Geste.

Am Beginn der Delegationsreise stand die Rückgabezeremonie der Uni Freiburg. Rektor Hans-Jochen Schiewer sagte bei diesem Anlass: »Der unrechtmäßige Erwerb menschlicher Überreste gehört zu den dunklen Kapiteln in der Geschichte der europäischen Wissenschaft und auch unserer Universität.« Und er entschuldigte sich dafür: »Als Rektor dieser Universität bedauere ich zutiefst, was unter dem Deckmantel der Wissenschaft getan wurde.« Die Hochschule verweist auf ihre aufwändige Provenienzforschung, aufgrund derer die 14 Schädel ermittelt wurden, sowie auf ein dreijähriges Folge-Forschungsprojekt.

Am Ende der Reise stand ein Empfang der namibischen Delegation im Windhoeker Parlamentsgarten. Dort erinnerte Staatspräsident Hifikepunye Pohamba an den grausigen Kontext des deutschen Kolonialismus: an den »Völkermord der Deutschen im brutalen Kolonialkrieg« von 1903 bis 1908.

Die Reise der namibischen Delegation hätte ein Meilenstein in der Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte werden können, die Zeichen dafür standen nicht schlecht. Doch sie wurde zu einer verkorksten Mission. In Freiburg fand die Rückgabezeremonie in einem nichtöffentlichen »geschlossenen Rahmen« statt, wie das Projekt freiburg-postkolonial bedauerte. Der namibische Kulturminister Ekandjo sah sich in Freiburg (man muss leider sagen: wie gewohnt) keinem gleichrangigen deutschen Regierungsvertreter gegenüber. Dies ist eine protokollarische Missachtung internationaler Gepflogenheiten – als ob der Minister für einen Schwarzwaldurlaub angereist wäre!

In Berlin war die dortige Zeremonie mit noch schärferer Kritik konfrontiert. Der »Zentralrat der Afrikanischen Gemeinde« und das Bündnis »Völkermord verjährt nicht!« wandten sich energisch gegen den vorgesehenen Ausschluss betroffener afrikanischer Menschen und ihrer Vertretungen bei der Zeremonie. Erst nach Vorort-Protesten wurden alle Interessierten kurzfristig doch noch eingelassen.

Gründlich misslungen war auch die Ankunftsfeierlichkeit in Windhoek. Die meisten traditionellen Autoritäten der betroffenen Volksgruppen und VertreterInnen von Opferverbänden boykottierten das Ereignis. Sie mobilisierten zu einer Alternativfeier in Swakopmund, weil sie sich von der eilig angesetzten Rückholungsaktion der namibischen Regierung völlig überfahren sahen. Einer der Slogans in Swakopmund lautete daher: »Not about us without us!«

Alles in allem ist der Grund für die verkorksten Ereignisse in Freiburg, Berlin und Windhoek im Umgang Deutschlands mit dem von Präsident Pohamba angesprochenen »brutalen Kolonialkrieg« der Deutschen zu finden. Bis heute weigert sich die Bundesregierung, für den damit verbundenen Genozid angemessen Verantwortung zu übernehmen – also eine ausdrückliche Entschuldigung auszusprechen und konkrete Schritte zur symbolischen und materiellen Entschädigung anzubieten.

 

Solange die postkoloniale Erinnerungspolitik gegenüber Namibia von dieser Ignoranz bestimmt wird, ist es müßig, nach weiteren Gründen für das permanente Misslingen der damit verbundenen Einzelereignisse zu suchen. Noch so gründliche und gut gemeinte Forschungsprojekte in Deutschland zu den geraubten Schädeln aus Kolonien (von denen es noch weitere gibt) können dieses politische Missverhältnis nicht korrigieren.

Warum ist die Beziehung Deutschlands zur namibischen Kolonialgeschichte so ignorant? An einem geringen Ausmaß historischer Schuld kann es nicht liegen. Sind es wirklich nur die Euros, die eine postkoloniale Entschädigungspolitik kosten könnte? Oder handelt es sich um eine Schuldabwehr, wie sie auch bei anderen im Namen des deutschen Staates begangenen Verbrechen gegen die Menschheit wohlbekannt ist? Das fragt sich

die redaktion

342 | Protestbewegung in der Türkei
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