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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 343 | Fotografie und Macht Perry Anderson: Die indische Ideologie

Perry Anderson: Die indische Ideologie

Aus dem Englischen von Joachim Kalka. Berenberg-Verlag, Berlin 2014. 208 Seiten, 22 Euro.

Leere Versprechungen

»Indien – die größte Demokratie der Welt« – das ist eine weit verbreitete Binsenweisheit über den größten Staat auf dem indischen Subkontinent. Das neue Buch des linken britischen Historikers Perry Anderson stellt sie in Frage. Er beginnt mit der Unabhängigkeit Indiens: Erstens ist die auch von den Vätern der Unabhängigkeit – Jawaharlal Nehru und Gandhi – propagierte ursprüngliche Einheit Indiens eine von den Briten geschaffene. Und zweitens mag es zwar oberflächlich betrachtet gerechtfertigt sein, von Demokratie zu sprechen, immerhin finden seit 1947 regelmäßig Wahlen statt. Doch tief verwurzelt ist die Demokratie in Indien nicht, meint Anderson. Dafür genüge ein Blick auf die Zustände in die als militärische Notstandsgebiete deklarierten Bundesstaaten wie Jammu & Kaschmir. Dort werde jede politische Regung mit »Waffengewalt niedergeschlagen«.

Die Situation in Kaschmir ist jedoch nur das extremste Beispiel für die in Indien überall anhaltenden Menschenrechtsverletzungen, die sich vor allem gegen sogenannte Kastenlose und religiöse Minderheiten richten, ganz besonders gegen Muslime. Mittlerweile hat die Diskriminierung der muslimischen Minderheit – immerhin 150 Millionen der 1,2 Milliarden InderInnen – auch im Rest Indiens dramatisch zugenommen. Davon zeugen nicht nur die Pogrome gegen sie, die seit den 1980er Jahren kontinuierlich zunehmen. Laut offiziellen Regierungsangaben sind sie in Armee, Polizei und Verwaltung völlig unterrepräsentiert, sie sind ärmer und schlechter gebildet. Für Anderson gibt es keinen Zweifel: »Muslime sind Bürger zweiter Klasse«.

Die Ausgrenzung religiöser Minderheiten gehört vor allem zum politischen Repertoire der hindunationalistischen BJP. Die Indische Volkspartei hat bei den jüngsten Wahlen gerade die korrupte Kongresspartei abgelöst. Erstaunlich: Bis Anfang der 1990er Jahre – dem Zeitpunkt der Marktöffnung Indiens – spielten die Hindunationalisten in der Parteipolitik keine nennenswerte Rolle. Anderson verweist in seinem Buch zu Recht auf die sozioökonomischen Rahmenbedingungen, die sich seitdem verändert haben. In den 90er Jahren hätten sich die Bedingungen für den Aufstieg der Hindunationalisten auskristallisiert. »Die sozialen Versprechungen der Kongresspartei waren verblasst, in den Medien war nur noch von ‚Märkten‘ und ‚Profiten‘ die Rede, traditionelle Erwartungen und Mäßigungen zerbröckelten. Diese Auswüchse anomischer Modernisierung riefen einen klassischen religiösen Kompensationsversuch hervor.«

»Indien den Hindus« lautet die Parole, die seitdem enorm an Einfluss gewonnen hat. Nach der Lesart Andersons trug allerdings auch die Politik der bekanntesten Wortführer des indischen Unabhängigkeitskampfes – Nehru und Gandhi – Mitverantwortung für den heute mehrheitsfähigen Hindunationalismus. Vor allem Gandhi hatte diese Parole nur oberflächlich kritisiert und bisweilen sogar für sich instrumentalisiert, analysiert Anderson. »Wie sollte ein solcher Erneuerer hinduistischer Traditionsansprüche die Muslime in einen gemeinsamen nationalen Kampf mit einbeziehen?«, fragt er seine LeserInnen.

Viele Freunde hat sich Anderson, dessen akribisch recherchiertes Buch bereits vor zwei Jahren auf Englisch erschien, in Indien nicht gemacht. Es gilt bis heute als Sakrileg, die Säulenheiligen der indischen Nation zu kritisieren. Und wer gar die territoriale Integrität Indiens in Frage stellt, indem er sich für ein Unabhängigkeitsreferendum in Kaschmir ausspricht, macht sich in fast allen politischen Milieus Indiens zur Persona non grata – von den rechten Hindunationalisten bis hin zur Kongress-Partei.

Dominik Müller

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