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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 343 | Fotografie und Macht Dominik Müller: Indien. Die größte Demokratie der Welt?

Dominik Müller: Indien. Die größte Demokratie der Welt?

Marktmacht, Hindunationalismus, Widerstand. Verlag Assoziation A, Berlin/Hamburg 2014. 192 Seiten, 16 Euro.

Völlig überbewertet

814 Millionen Wahlberechtigte, die im April und Mai 2014 in einer fairen und freien Wahl ihre bisherige Regierung abwählten und auf eine neue setzen: Diese beeindruckenden Fakten sind der Grund für die derzeit erneut viel zu hörende Rede von Indien als »größter Demokratie der Welt«. Doch ein zweiter Blick offenbart: Mit Demokratie, die über einen bloßen partiellen Elitenaustausch hinausgeht, ist es auch in Indien nicht weit her.

Als 2004 Manmohan Singh von der Kongress-Partei seinen hindunationalistischen Vorgänger Atal Behari Vajpayee als Premierminister ablöste, versprach er: »Wir werden der Welt und unserem Volk ein Modell der Entwicklung vorlegen, das den Armen und Unterdrückten neue Möglichkeiten der Teilnahme eröffnet.« Während seiner in diesen Tagen zu Ende gehenden Amtszeit erlebte Indien ein beispielloses Wirtschaftswachstum, von 2006 auf 2013 verdoppelte sich das Bruttoinlandprodukt. Statistisch gesehen hat nun jeder Mensch in Indien ein jährliches Pro-Kopf-Einkommen von umgerechnet 1.400 Euro.

Doch die versprochene Teilhabe der Armen am wesentlich von ihnen erwirtschafteten Reichtum bleibt weitgehend aus. Das ist eine der Grundthesen von Dominik Müllers Buch Indien. Die größte Demokratie der Welt?, dessen Titel nicht von ungefähr mit einem Fragezeichen endet. Die präsentierten Fakten sind ernüchternd: 800 Millionen InderInnen gelten als arm, ein Drittel der Bevölkerung als chronisch unterernährt. Die Bedeutung der durchaus vorhandenen Mittelschicht mit ihren 200 bis 300 Millionen Angehörigen werde auch »in der internationalen Wahrnehmung völlig überbewertet«, urteilt Müller. Von internationalen Konzernen, auch deutschen, wird die Kaufkraft der Mittelschicht und der kleinen Schicht der Superreichen allerdings sehr geschätzt.

Müller berichtet in anschaulichen Kapiteln und Episoden über die Lebensrealitäten der Mehrheit. Besonderes Augenmerk legt er auf den ländlichen Raum, denn mehr als die Hälfte der InderInnen lebt von der Landwirtschaft. Müller kritisiert die bereits vor Jahrzehnten mit der »Grünen Revolution« begonnene Industrialisierung der Landwirtschaft, die den Agrarkonzernen diene, nicht aber den Bäuerinnen und Bauern.

Viele der von Müller geschilderten Probleme und Entwicklungen sind seit Jahren bekannt. Da ist etwa die Atomindustrie, die Indien als Markt entdeckt hat und gewaltige ökologische Desaster provoziert. Da ist die Freihandelspolitik, die vor allem multinationalen Unternehmen nutzt. Und da ist der aggressive Hindunationalismus, der sich gegen die muslimische Minderheit richtet, aber auch einen religiösen Beitrag zur Aufrechterhaltung antidemokratischer Klassen- und Kastenherrschaft leistet.

All diese Missstände werden in Indien selbst von einer großen kritischen Öffentlichkeit beklagt. Doch auch wenn die Presse relativ frei und die Zivilgesellschaft aktiv ist, so sind politische Alternativen zur Durchkapitalisierung der Ökonomie und zum (Hindu-)Nationalismus allenfalls punktuell durchsetzbar. Mit diesem Problem stehen Indiens emanzipatorische Kräfte freilich nicht alleine da, denkt man etwa an die Türkei.

Müllers kenntnisreiches Buch arbeitet die indischen Spezifika fehlgeleiteter Entwicklung nach schlechtem westlichem Vorbild heraus. Dass der Autor einen (wohlgemerkt sehr gehaltvollen) journalistischen Zugang wählt und keinen wissenschaftlichen, ist ein Vorzug. Er äußert sich in großer Aktualität und einer anschaulichen, auf eigener Beobachtung beruhenden Schreibe. Nicht zuletzt bekommt der O-Ton aus Indien den notwendigen prominenten Platz.

Christian Stock

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