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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 343 | Fotografie und Macht Daniel Stahl: Nazi-Jagd

Daniel Stahl: Nazi-Jagd

Südamerikas Diktaturen und die Ahndung von NS-Verbrechen. Wallstein Verlag, Göttingen 2013. 430 Seiten, 34,90 Euro.

Nazis in Südamerika

Knapp 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und des Terrorregimes der Nationalsozialisten sind viele Fragen nach den Ursachen und Folgen dieser Katastrophen noch nicht beantwortet. Neue Forschungen und Publikationen setzen sich daher weiterhin mit dem Nationalsozialismus und seinen weltweiten Verwüstungen, mit der Ideologie der Weltherrschaft, des Rassismus und des Antisemitismus sowie der Ablehnung der Demokratie auseinander.

Die Tatsache, dass diese menschenverachtende Ideologie nicht auf Deutschland und Mitteleuropa begrenzt war, ist bekannt (siehe den Themenschwerpunkt über Kollaboration mit den Nazis in iz3w 312). Die Nachforschungen über die weltweite Verbreitung ihrer Epigonen sind jedoch keineswegs abgeschlossen – ganz abgesehen vom Weiterbestehen nationalsozialistischen Gedankengutes hier und heute.

In seiner wissenschaftlichen, unter der Leitung des bekannten Jenaer Historikers Norbert Frei entstandenen Forschungsarbeit Nazi-Jagd untersucht Daniel Stahl die Flucht nationalsozialistischer Verbrecher nach Südamerika. Dazu befasst er sich mit verbreiteten Annahmen und Vermutungen über die vielerorts vorbereitete und breit angelegte Flucht.

Der Suche und »Entführung« Adolf Eichmanns, der Verfolgung von Joseph Mengele, Walther Rauff, Klaus Barbie, Martin Bormann und vielen anderen wurde in deutschen und südamerikanischen Medien in 1970er und 80er Jahren zwar breiter Raum gewidmet. Verborgen blieben aber häufig die Hintergründe: In welchen – kriminellen – Bereichen die Justizflüchtigen sich in ihrer »neuen Heimat« betätigt hatten, wie sie ihre Kenntnisse und Erfahrungen als Schergen des »Dritten Reiches« in Geheimdiensten südamerikanischer Staaten und als Berater von Militärdiktaturen einbrachten, und wie sie von Gesinnungsgenossen geschützt wurden.

Die Regierungen Juan Domingo Peróns in Argentinien, Alfredo Stroessners in Paraguay, Hugo Banzers in Bolivien, Augusto Pinochets in Chile sowie der Generäle in Brasilien haben von den nationalsozialistischen Verbrechern profitiert. Sie haben sie willkommen geheißen und geschützt. Die Forschungsarbeit Stahls gelangt hierbei zu eindeutigen Nachweisen.

Stahls Recherchen in Deutschland und Frankreich, die Auswertung von Archiven und Dokumenten legen außerdem die Verhaltensweisen von Justiz, Behörden, Politikern, Ministerien und Verbänden vor allem in den ersten Jahren der Bundesrepublik offen. Häufig bestand keinerlei Interesse an Aufklärung und Aufarbeitung der im Nationalsozialismus begangenen Verbrechen. Es wurde abgewiegelt, Kriminelle als »Mitläufer« eingestuft und »entnazifiziert«, es wurde mit Verjährung argumentiert. Die Botschaften der Bundesrepublik betätigten sich nicht selten als »Bremser« bei Nachforschungen. Flüchtige Nazis wie Rauff, Kutschmann, Mengele und Wagner wurden »versehentlich« gewarnt. Sie konnten entkommen und verschwanden oder verstarben vor ihrer Festnahme. Nur in wenigen Fällen kam es zur Verhaftung und Verurteilung.

Stahl widmet denjenigen, die anders dachten und sich anders verhielten, die verdiente Aufmerksamkeit, etwa dem Frankfurter Staatsanwalt Fritz Bauer, dem Holocaust-Überlebenden Simon Wiesenthal sowie dem Ehepaar Beate und Serge Klarsfeld. Er legt deren unermüdliche Mitarbeit an der Aufklärung der Verbrechen sowohl im »Dritten Reich« als auch in Südamerika dar. Stahl will aber auch nachweisen, dass die Wahrheitsfindung keineswegs nur durch die genannten Prominenten erfolgte, sondern ebenso durch viele demokratisch und rechtstaatlich gesinnte Menschen in Verwaltungen, Ämtern, Behörden und auch Botschaften. Eine bedeutende Folge der Nazi-Jagd in Ländern Südamerikas war zudem die Stärkung von Menschenrechtsbewegungen gegen die Diktaturen in den eigenen Ländern.

Jürgen Stahn

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