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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 347 | Entgrenzte Herrschaft Daniela Gleizer: Unwelcome Exiles.

Daniela Gleizer: Unwelcome Exiles.

Mexico and the Jewish Refugees from Nazism, 1933-1945 (Jewish Latin America Vol. 4). Brill, Leiden/ Boston 2013. 334 Seiten, 139.- Euro.

Unwillkommen: Jüdische Flüchtlinge in Mexiko

»Es ist ratsam zu vermeiden, dass diese Individuen, die in unerwünschte ökonomische Aktivitäten engagiert sind, das Land mittels ihres unmäßigen, unorganisierten und betrügerischen Reichtums betreten. Wir haben keine Informationen über ihre Eigenschaften als verfolgtes Volk und sie würden eine Menge volkstümlicher Feindschaft hervorrufen, welche Mexikos Einhaltung internationaler Verpflichtungen durchkreuzen würde.« Mit diesen Worten brachte Innenminister Ignacio García Téllez Anfang 1939 seine Vorbehalte gegen die Einwanderung jüdischer Flüchtlinge nach Mexiko zum Ausdruck. Dabei hatte sich der Premierminister der jungen Republik, Lazáro Cárdenas, für die Aufnahme verfolgter Jüdinnen und Juden ausgesprochen. Und auch der stellvertretende Außenminister Ramón Beteta empfahl, die Immigration jüdischer Verfolgter zuzulassen. Auf der internationalen Bühne tat sich Mexiko lautstark und bisweilen allein gegen die Nazis auf – so etwa beim Protest im Völkerbund gegen den »Anschluss« Österreichs durch das Deutsche Reich 1938.

Die weltweit restriktiven Einwanderungsbestimmungen galten jedoch auch bei der Aufnahme jüdischer Flüchtlinge in Mexiko. Im Hinblick auf erwünschte Immigration sollte zudem auf die kulturelle Eigenart Mexikos Rücksicht genommen werden, auf die mestizaje. Insbesondere jüdische EinwandererInnen wurden als potentieller Störfaktor der kulturellen Mischung zwischen indigenem und spanischem Erbe gesehen, als nicht-assimilierbar, nicht zuletzt wegen ihrer konfessionellen Bindung. Hinzu kam besonders für die Zeit der 1930er und 40er Jahre, dass auch in Mexiko antisemitische und rassistische Organisationen sehr aktiv waren. Sie bedrohten nicht nur die kleine jüdische Minderheit im Land, sondern opponierten auch gegen den Reformkurs der Regierung Cárdenas.

Die innenpolitische Situation war zu dieser Zeit also spannungsreich. Genau für diese Jahre untersucht Daniela Gleizer, Professorin an der Universidad Autónoma Metropolitana in Mexiko Stadt, die Versuche der kulturell und politisch heterogenen jüdischen Minderheit Mexikos, Einwanderungserleichterungen für Jüdinnen und Juden aus Deutschland, Österreich und den besetzten Ländern zu erwirken. Große Anstrengungen waren dazu nötig, denn der von Gleizer untersuchte mexikanische Staat hatte generell restriktive, an finanzielle Mittel und selektive Einwanderungsquota gebundene Einwanderungsgesetze. Im Fall der jüdischen Flüchtlinge legte er sie so eng wie möglich aus.

In Mexikos Umgang mit dem Problem jüdischer Flüchtlinge, das seit der Konferenz von Evian 1938 international debattiert wurde, gab es einige skandalträchtige Episoden. So zum Beispiel den Versuch, bei einem Ansiedlungsprojekt für jüdische ImmigrantInnen mit verhundertfachten Gründstückspreisen private Kassen zu füllen, oder die Notwendigkeit, Grenzbeamte bestechen zu müssen, um von Bord angelandeter Schiffe gelassen zu werden. Die scharfe Trennung zwischen politisch und rassistisch Verfolgten und die Stigmatisierung als ökonomisch und kulturell Anpassungsunfähige gehört ebenso zu diesen Skandalen wie die Korruption in der französischen Botschaft.

Der Regierungsantritt von Cárdenas Nachfolger General Manuel Ávila Camacho Ende 1940 läutete einen Wechsel in der Innen- und Außenpolitik ein. Neben einer starken Orientierung an den USA und antifaschistischer Solidarität führte er zum Kriegseintritt Mexikos an der Seite der Alliierten. Erstmals wurde das eigenständige Verfolgungsschicksal der Jüdinnen und Juden Europas anerkannt. Dennoch bestimmten auch fortan die rigiden Einwanderungsbestimmungen und der Konflikt zwischen dem Präsidenten und dem Außenministerium auf der einen Seite und dem Innenministerium auf der anderen, wie viele jüdische Flüchtlinge ins Land gelassen wurden.

Innerhalb der generell restriktiven Politik gab es Ausnahmen, Gleizer streicht sie deutlich hervor. Augenfällig ist, dass es sich bei der Mehrzahl derjenigen, denen Asyl gewährt wurde, um prominente linke jüdische Flüchtlinge handelte. Die Gruppe um Paul Merker, Mitglied des ZK der KPD, kann als die bekannteste gelten. Wiederholt wurden verschiedene Projekte, die jüdischen Flüchtlingen den Zugang nach Mexiko eröffnen sollten, in Angriff genommen, scheiterten aber aus unterschiedlichen Gründen. Mal fand sich kein Geldgeber, mal war die innenpolitische Lage nicht günstig, mal verzögerte das Innenministerium die Visavergabe.

Die Notwendigkeit, jüdische Flüchtlinge aus Europa zu unterstützen, bewirkte eine Konsolidierung der nur rund 10.000 Personen umfassenden jüdischen Gemeinschaft Mexikos. War diese kleine Minderheit aschkenasischer, sephardischer und arabischsprechender Herkunft zuvor politisch, kulturell sowie ökonomisch stark differenziert, fand sie sich fortan im Comité Central Israelita de Mexico zusammen, der bis heute bestehenden Interessensvertretung der mexikanischen Jüdinnen und Juden. Hinsichtlich der Rekonstruktion von Entscheidungen und Einflussmöglichkeiten (die sehr gering waren) kann Gleizer nur Hinweise geben, vieles ist aus den überlieferten Dokumenten nicht ersichtlich. Eine jüdische Geschichte »von innen« steht also in diesem Fall noch aus. Dies, so schätzt es die Autorin ein, ist bedauerlich, da die kleine jüdische Gemeinde eine wesentliche Rolle bei der Organisierung der antifaschistischen Solidaritätsarbeit der mexikanischen Linken gespielt haben dürfte.

Was Gleizer jedoch gelungen ist: Sie hat den Mythos des liberalen, humanitären, aufnahmebereiten und solidarischen Mexikos zurechtgerückt. Von allen Staaten des lateinamerikanischen Kontinents hat Mexiko im Hinblick auf die Kapazitäten des Landes die wenigsten jüdischen Flüchtlinge aufgenommen. Es waren gerade einmal eintausendfünfhundert bis zweitausend.

 

Hanno Plass

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