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Mbembe, Achille: Kritik der schwarzen Vernunft

Achille Mbembe: Kritik der schwarzen Vernunft. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2014. 332 Seiten, 28.- Euro.

»Frei, sich selbst zu erfinden«

Achille Mbembe gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Philosophen des afrikanischen Kontinents. Kritik der schwarzen Vernunft ist das erste Werk des gebürtigen Kameruners, das in deutscher Sprache erscheint. Der im englisch- und französischsprachigen Ausland viel gefragte kosmopolitische Denker erfährt damit erstmals auch in der deutschen Medienlandschaft größere Aufmerksamkeit.

»Kritik der schwarzen Vernunft« verspricht laut Klappentext, die parallele Entstehung von Rassismus und globalem Kapitalismus darzulegen – zwei Elemente, die sich gegenseitig bedingten. Wer jedoch eine systematische Analyse der Entwicklung des Kapitalismus und seiner rassistischen Grundlagen erwartet, wird enttäuscht. Mbembe nimmt dieses Thema zwar auf, im Kern dreht sich sein Buch jedoch um einen anderen Gegenstand: die Identität der Menschen afrikanischer Herkunft. Denn Mbembe will aufzeigen, wie die Figur des »Negers« kreiert wurde und welche realen Auswirkungen dies hatte. Er benutzt das Wort ohne Anführungszeichen und in einer solchen Frequenz, dass man vor dem Hintergrund der in Deutschland hoch sensibel geführten Debatte um das N-Wort zunächst nervös wird. Doch bald wird klar, »Neger« ist für Mbembe Produkt eines europäischen Diskurses des Phantasierens und Fabulierens: »Der Neger existiert nicht als solcher. Er wird beständig produziert. Den Neger produzieren heißt […] einen Ausbeutungskörper produzieren, […] der ganz dem Willen eines Herrn unterworfen ist und dem man ein Höchstmaß an Rentabilität abzupressen versucht.«

Das Phantasma »Neger«, diese »Kruste aus Dummheiten«, ist für Mbembe eine historische Form des Menschseins. Ausführlich stellt er dar, wie dieses Konstrukt durch Wissenschaft, Kultur und Schulbildung erschaffen wurde und wie es von den Körpern Besitz nahm: »Ein Krebsgeschwür – eine schwärende Wunde, die an dem davon Befallenen nagt, ihn verschlingt und schließlich zerstört«. Mbembe scheut keine harten Worte. Nicht nur deshalb ist die Lektüre seiner »Kritik der schwarzen Vernunft« eine Herausforderung. Der Autor entwickelt seine Gedanken über so große Spannen, dass man sich beim Lesen oft verliert. Seine Aussagen sind mal direkt, mal kryptisch, oft zweideutig, so dass die Essenz des Buches mühsam zusammengesucht werden muss. Sein Schreiben ist gespickt von Metaphern, Dramaturgie und Technifizierung.

Über die Erfassung der Realität schreibt Mbembe: »Die Begegnung mit dem Realen kann immer nur fragmentarisch, zerstückelt, vorübergehend sein […]. Außerdem gibt es kein Reales, […] das nicht zugleich Spektakel, Theater und Dramaturgie wäre«. Genau dies spiegelt sich auch in seinem Schreibstil wieder. Doch so schwer zugänglich er stellenweise ist, er ermöglicht die Entstehung von Bildern und Gefühlen. Mbembe lässt einen die Gewalt des Rassismus förmlich spüren und körperliche Abscheu dafür empfinden. Das große Verbrechen, das die Erfindung des »Negers« bedeutet, wird überaus deutlich.

Dass diese Erfindung es ermöglichte, aus einem Mensch eine Ware zu machen, die bis zur Erschöpfung entwertet werden konnte und die in der Plantagenwirtschaft eine der »effizientesten Formen der Akkumulation von Reichtum« war, ist Teil von Mbembes Analyse. Ebenso, dass nicht nur der globale Kapitalismus, sondern auch das moderne Demokratieverständnis parallel zum Rassendenken entstanden ist. Doch Mbembe zielt auf einen anderen Punkt. Ihm geht es darum, wie dieses »beschädigte Leben«, das »vom Brenneisen der Entfremdung gezeichnete Menschsein« zu einer neuen Identität gelangen kann. Wie kann die Frage »Wer bin ich?« neu beantwortet werden?

Keine adäquate Antwort auf diese Frage haben laut Mbembe die Denker des Panafrikanismus und der Négritude gegeben. Diese Bewegungen hätten sich erfolgreich gegen die zugeschriebene Minderwertigkeit afrikanischer Menschen gewehrt und ermöglicht, dass deren Menschsein nicht mehr in Frage gestellt würde. Dennoch hätten sie die Ideologie der kulturellen Differenzen und damit das Prinzip der Rassen weitergetragen. Denn die Idee der Rasse wurde auch auf dem afrikanischen Kontinent konstituierendes Element der Idee der postkolonialen Nation und der staatsbürgerlichen Gemeinschaft. Während die europäische Produktion des »Neger« die eine Seite der »schwarzen Vernunft« darstellt, ist die Umkehrung dieses Bildes durch den Panafrikanismus und die Négritude ihre andere Seite. Beides ist für Mbembe kritikwürdig.

Eine Lösung der Identitätsfrage ist für ihn nur in der Überwindung von Abschließungen und Hierarchisierungen zu finden, die so vehement das Rassendenken bestimmen, sowie in einer Kritik der auf »Unterschiede zielenden Ideologien«. Mit dem »Status des Opfers« müsse genauso Schluss gemacht werden wie mit der »Leugnung der Verantwortung« für die Geschichte. AfrikanerIn zu sein hieße dann ein freier Mensch zu sein, »frei, sich selbst zu erfinden«. Gelinge es nicht, eine Politik zu entwickeln, die sich durch eine »Sorge um das Offene«, das Gemeinsame kennzeichne, drohe ein »Schwarzwerden der Welt«: Die Figur des »Negers« breite sich bereits heute auf die gesamte subalterne Menschheit aus. Mbembes Kritik ist grundlegend und seine Thesen herausfordernd. Auf weitere Werke dieses Philosophen kann man gespannt sein.

Patricia Reineck

 

Achille Mbembe: Kritik der schwarzen Vernunft. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2014. 332 Seiten, 28.- Euro.

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