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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 350 | Anti-Rassismus im Süden Auernheimer, G.: Dimensionen der Globalisierung

Auernheimer, G.: Dimensionen der Globalisierung

Georg Auernheimer: Dimensionen der Globalisierung. Eine Einführung. Wochenschau Verlag, Schwalbach/Ts. 2015. 319 Seiten, 12,80 Euro.

Ungedeckter Scheck auf die Zukunft

Der Begriff Globalisierung steht für eine verwirrend unübersichtliche Thematik, die alle Lebensbereiche mehr oder weniger tangiert. Georg Auernheimers Bestandsaufnahme der vielfältigen Aspekte der Globalisierung und der damit verbundenen Politiken verschafft aber auch wirtschaftswissenschaftlich ungeschulten LeserInnen einen Einstieg in diese Thematik. Sein Buch ist zudem eine Orientierungshilfe zur politischen Meinungsbildung in der kontroversen Debatte über Alternativen bei der politischen Regulierung des Globalisierungsprozesses.

Nach einer kursorischen Rekonstruktion der Geschichte der Globalisierung, beginnend mit dem Zeitalter der bürgerlichen Aufklärung, des Merkantilismus und der Kolonialisierung, konstatiert der Autor in den letzten Jahrzehnten eine neue, »systemische« Qualität, die die Globalisierung unter der Ägide des multinational agierenden Kapitals und der Deutungshoheit der neoliberalen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Doktrin angenommen hat. Der Bogen wird gespannt von der spektakulären Zunahme transnationaler Wertschöpfung in Form von Auslandsinvestitionen, der Auslagerung von Teilen der Produktion bis zur Ausweitung des länderüberschreitenden Handels mit Produkten, forciert durch Freihandelsabkommen und E-Commerce. Nicht zuletzt analysiert er die stark gewachsene Bedeutung der international agierenden Finanzwirtschaft, die faktisch zur Steuerungszentrale der Weltwirtschaft geworden sei.

In den folgenden Kapiteln stellt Auernheimer die Auswirkungen dieser Entwicklung dar. So werde der Handlungsspielraum der nationalen und auch europäischen Politik unter dem Diktat der Finanzmärkte und der Hegemonie der scheinbar »alternativlosen« neoliberalen Reform-Agenda gravierend eingeschränkt. En Detail wird belegt, wie die Instrumente dieser Politik die soziale Spaltung innerhalb der Nationen wie auch zwischen den Nationen verstärken. Indessen habe sich das Versprechen, dass es nach den harten Einschnitten der »Strukturreformen« langfristig auch zur Verbesserung der sozialen Lage der unteren Schichten kommen wird, als ungedeckter Scheck auf die Zukunft erwiesen. Ein ausführliches Kapitel widmet Auernheimer der »Übernutzung« der natürlichen Ressourcen, die durch den systemischen Konkurrenzzwang zum immerwährenden Wachstum und durch den Export des westlichen Konsummodells angetrieben wird.

Welche Rolle bei der Einhegung der destruktiven Globalisierungsfolgen spielen internationale Organisationen? Der Autor analysiert dazu die UNO samt ihrer Unterorganisationen und die Grenzen ihrer Handlungsfähigkeit. Im Kontrast zu ihrer Schwäche in menschenrechtlichen Fragen stehe die Stärke jener internationalen Organisationen, in denen bislang die finanzkräftigsten westlichen Industriestaaten ihre Dominanz ausspielen konnten, wie WTO, IWF und Weltbank. Auch die Europäische Zentralbank EZB ist in dieses Netzwerk eingebunden. In der Praxis hätten sich diese Organisationen als Durchsetzungsinstrument der neoliberalen Reform-Agenda erwiesen. Inzwischen führe das neue wirtschaftliche und geopolitische Gewicht der Schwellenländer aber zu neuen Allianzen und folgenreichen Kämpfen um Interessen und politischen Einfluss. Leider vertieft der Autor die gravierenden Auswirkungen dieser Entwicklung nicht.

Das düstere Szenario der Globalisierungsdynamiken hellt Auernheimer gegen Ende seiner Abhandlung auf. Er beschreibt exemplarisch die sozialen, politischen und kulturellen Gegenbewegungen zur hegemonialen neoliberalen Agenda. Auernheimer formuliert zudem die vorsichtige Hoffnung, dass die Bevölkerung mit den immer spürbarer werdenden Folgen des total gewordenen Kapitalismus beginnt, sich stärker widersprechend und widersetzend zu engagieren. Als skeptischer Optimist gibt er aber auf seine abschließende Frage »Was tun?« keine Antwort.

Stefan Gaitanides

350 | Anti-Rassismus im Süden
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