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Kolonialismus: »Es geht um eine Dekolonisierung des Denkens«

Interview mit Heiko Wegmann über freiburg-postkolonial.de

Die Initiative freiburg-postkolonial.de (freipok) blickt auf zehn Jahre Recherchearbeit zurück. Eine koloniale Spurensuche, die nicht ohne Wirkung blieb. Heiko Wegmann über die Konsequenzen des Vergessens und die Pflicht zur Erinnerung.

 

 

iz3w: Woher kam die Motivation zu solch einem Projekt in Freiburg, das nicht zuletzt in Sachen Kolonialismus als Provinz gelten kann?

Heiko Wegmann: Mir ging es als Gründer des Projektes darum herauszufinden, inwieweit auch die deutsche Provinz Teil der Kolonialgeschichte war. Dass man in den Metropolen Spuren findet, liegt nahe. Aber wie sah es mit dem Rest aus?

 

Gegen das Vergessen, so könnte man vielleicht die Stoßrichtung der kolonialen Spurensuche beschreiben …

Die deutsche Kolonialgeschichte ist allgemein stark in Vergessenheit geraten. Selbst in der Schule wird sie kaum behandelt. Neben wirtschaftlicher Ausbeutung und politischer Dominanz müsste man aber auch nach dem kulturellen Erbe des Kolonialismus fragen. Dass die Geschichte des afrikanischen Kontinents eigentlich erst mit der Kolonisierung begonnen habe, ist ein verbreitetes Stereotyp. Dazu kommt eine weitere Dimension: Die Kolonisierung hatte ihren Niederschlag auch in der europäischen lokalen Gesellschaft.

Eine Konsequenz der Vergessenheit ist, dass der Öffentlichkeit die Beschäftigung mit dem Kolonialismus und seinem Erbe oft gar nicht einleuchtet. Man muss stark in Vorleistung gehen, was Recherchen und Beweisführung angeht: eine Art Bringschuld.

 

Wie hat man sich die Recherche in Sachen lokaler kolonialer Vergangenheit konkret vorzustellen?

Die Recherche in den Archiven (vom Stadt- bis zum Bundesarchiv) ist mühsam, weil da wenig Material auf dem Präsentierteller liegt, geschweige denn aufgearbeitet ist. Die Vereinsunterlagen der Kolonialvereine wären eine gute Quelle, wenn man sie denn auffinden könnte. Vieles lässt sich dagegen durch die Tagespresse oder durch koloniale Fachzeitschriften rekonstruieren, durch Werbeanzeigen für Kolonialvorträge und Veranstaltungsberichte. Zudem können Vorlesungsverzeichnisse, wissenschaftliche Publikationen bis hin zu Regimentsgeschichten herangezogen werden. Spannend ist, was und wie über Kolonien, Kolonialforderung und Ereignisse gesprochen und geschrieben wurde.

 

Was lässt sich aus den recherchierten Fakten über die kolonialen Aktivitäten in Freiburg sagen?

Zum Beispiel, dass es über viele Jahrzehnte eine Kolonialbewegung gab, über die Zeit des Kaiserreichs, der Weimarer Republik und NS-Diktatur hinweg. Und nach 1945 wurde bald wieder ein »Interessenverband Übersee« von ehemaligen Kolonialdeutschen gegründet. Die Protagonisten der Kolonialforderung waren in gesellschaftlich wichtigen Positionen. Julius Mez, ein langjähriger Vorsitzender des Freiburger Kolonialvereins, war Bankier und Präsident der Handelskammer. Andere waren Professoren an der Uni und saßen gleichzeitig in vielen anderen Gremien. Prof. Ludwig Neumann war beispielsweise auch Präsident des Badischen Schwarzwaldvereins. Sie hatten also mehr Einfluss, als die bloße Zahl der Mitglieder ihrer Vereine vermuten lässt.

Es geht mir neben der Faktenrecherche auch zentral um eine Dekolonisierung des Denkens, etwa um einen kritischen Blick auf die Wissensproduktion an der Uni. So lässt sich zeigen, wie Anthropologen und Kolonialverwaltung bei der Beschaffung von menschlichen Überresten aus den Kolonien für die Rassenforschung (siehe iz3w 331) zusammen gearbeitet haben.

 

Welche Bedeutung kommt der Phase in Freiburg zu, in der Deutschland zwar keine territorialen Gebiete mehr in Besitz hatte, aber weiter Besitzansprüche formulierte?

Es war für mich eine ‘Aha-Erkenntnis’, dass in Freiburg ausgerechnet zur NS-Zeit 1935 eine Reichskolonialtagung stattfand. Die wurde zwar schon 1932 vorbereitet, dann aber auch vom NS-Oberbürgermeister und dem NSDAP-Gauleiter Wagner unterstützt. Die Forderung nach Kolonien in Afrika war ja unter Nationalsozialisten durchaus umstritten, aber die gleichgeschaltete Kolonialbewegung lebte weiter.

 

Bleiben wir beim kolonialen Wissen: Wie wurde dieses durch die Berichterstattung zur Zeit der Kolonisierung geprägt etwa über den Maji-Maji Krieg in Tansania ab 1905?

Während der größeren Kolonialkriege gab es eine unglaublich dichte Berichterstattung in der Freiburger Zeitung. Allerdings fand das allein aus deutscher Machtperspektive heraus statt: Die GegnerInnen wurden rassistisch disqualifiziert. Da wurden Vorstellungen eines vermeintlich unentwickelten und kulturlosen Afrika radikalisiert. Antikolonialer Widerstand wurde als ‘Aufregung plündernder Banditen’ interpretiert. Lediglich bei der Frage, wie hart das Vorgehen gegen diese sein sollte, gab es Schwankungen, schließlich brauchte man weiterhin Arbeitskräfte.

 

Typisch für die Kolonialzeit war, dass die Kolonisierten kaum Möglichkeiten hatten, in die hiesige Debatte einzugreifen. Die Perspektive der Kolonisierten ist in den Quellen kaum dokumentiert. Wie groß ist die Gefahr, diese Sprachlosigkeit und den Objektstatus der Opfer kolonialer Praktiken zu reproduzieren?

Das ist in der Tat ein Problem, in der Lokalgeschichte noch stärker als sonst. Vom Nama-Führer Hendrik Witbooi sind Briefe überliefert, die seine Sicht deutlich machen. Für Freiburg fehlen solche Quellen vollständig. Außer den Völkerschauen habe ich auch keine Hinweise auf KolonialmigrantInnen in Freiburg gefunden. Man muss die Begrenztheit der historischen Quellen aufzeigen, aber auch versuchen, heutigen Stimmen aus den ehemaligen Kolonien hier Gehör zu verschaffen. Die gibt es ja durchaus und sie fordern von uns auch eine Auseinandersetzung ein.

 

Welche Reaktionen gibt es auf die Erkenntnisse von freipok?

Neben der Website sind zahlreiche Buch-, Zeitschriften- und Zeitungsartikel erschienen. Außerdem gab es Vorträge, Stadtführungen, Radiobeiträge und nun einen Audioguide. Die Reaktionen reichen von großer Zustimmung bis zu kritischer Distanz. So fühlen sich manche Institutionen zu Unrecht oder zu pauschal kritisiert. Es kam aber auch vor, dass mich das Stadttheater um einen Vortrag zur eigenen (post)kolonialen Geschichte gebeten hat.

 

Ein Ziel von freipok ist, das Bewusstsein über die Nachwirkungen der kolonialen Verstrickungen bis in die heutige Zeit zu schärfen …

Neben dem historischen Wissen geht es auch um die Frage, wie man damit umgeht. Und die kolonialen Bilderwelten wirken auch weiter: sei es, dass Produkte mit schwarzen Menschen identifiziert werden (»Warenrassismus«), dass Afrika nur als ländlicher Naturraum oder total exotisiert dargestellt wird oder dass im Tourismus explizit nostalgisch mit der Kolonialgeschichte geworben wird. Es geht darum, rassistische Stereotype zu erkennen und einen kritischen Umgang damit zu finden. Das gleiche gilt für die Abrüstung der Sprache. Da geht es nicht um übertriebene »Gedankenpolizei«. Aber wer geschichtliche Zusammenhänge begreift, wird hoffentlich leichter bereit sein, eigene Gewissheiten, Denkmuster und auch Wörter zu hinterfragen.

 

In einigen deutschen Städten haben Umbenennungsaktionen von Straßen und Gebäuden stattgefunden, die nach Personen mit kolonialen Bezügen benannt waren. Die Initiative freedom-roads sieht darin einen Akt der Dekolonisierung. Ist dies hilfreich?

Neben der grundsätzlichen Frage, wen man mit Straßennamen heute öffentlich ehren will, sind die Debatten über die Umbenennungsforderung schon ein Teil der Dekolonisierung. Sie verlaufen meist sehr kontrovers und nur selten erfolgreich, aber mit der Zeit sind doch einige Umbenennungen zusammen gekommen. Je nach Fall kann auch eine Kommentierung sinnvoll sein. Absurd wird es, wenn das Erinnern an die Geschichte mit einer Umbenennung einfach ausradiert wird. So wurde in Stuttgart die Leutweinstaße in »Am Weinberg« umbenannt. In Berlin wurde dagegen das nach dem Erbauer des brandenburg-preussischen Sklavenforts benannte Gröben-Ufer nach der afrodeutschen Aktivistin und Dichterin May Ayim umbenannt.

 

Viele Recherchen waren nur durch privates Engagement z. B. von Studierenden und PraktikantInnen möglich. Läge es nicht auch in der Verantwortung der Städte, die kolonialhistorischen Fakten aufzuarbeiten und aus den Erkenntnissen Schlüsse zu ziehen?

In letzter Zeit gibt es da endlich Bewegung. Die Stadt München hat 2013/14 ein großes Veranstaltungsprogramm »Decolonize München« in Zusammenarbeit mit vielen Initiativen organisiert. Der Hamburger Senat hat nach vielen Jahren der Kritik 2014 beschlossen, seinerseits die Aufarbeitung des Kolonialismus zu beginnen. An der Nichtbeteiligung afrodeutscher Initiativen im dortigen Beirat gab es viel Kritik, aber vielleicht ändert sich da noch etwas. An der Universität Hamburg wurde gerade eine Forschungsstelle »Hamburgs (post-)koloniales Erbe« eingerichtet.

Freiburgs Gemeinderat hat vor zwei Jahren den Wunsch geäußert, dass sich die Stadt mit der eigenen Kolonialgeschichte befassen soll. Im neuen Haushalt wurden jetzt Mittel dafür bereit gestellt. Ich fände es wünschenswert, wenn sich die Forschung über Kolonialismus und Stadtgeschichte institutionalisieren würde. Im Wintersemester wird es von Uni und Pädagogischer Hochschule ein Seminar geben, an der PH wird auch geforscht. Es freut freipok natürlich, dass die jahrelange Vorarbeit aufgegriffen wird.

 

 

Heiko Wegmann ist Sozialwissenschaftler und gründete vor zehn Jahren die Initiative freiburg-postkolonial.de.

Interview: Martina Backes

350 | Anti-Rassismus im Süden
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