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Happy Season für Mönche

von Dominik Müller

In Myanmar werden muslimische Rohingya durch Buddhisten bedroht.

Seit dem Einlenken der Militärdiktatur und dem Antritt einer zivilen Regierung 2011 hofften viele in Myanmar auf Demokratie und Menschenrechte. Doch die politischen Verhältnisse bleiben autoritär und menschenverachtend: Willkür und Gewalt wenden sich im weitgehend buddhistischen Myanmar nun vor allem gegen die muslimische Minderheit der Rohingya. Die wirtschaftliche Liberalisierung des Landes wird dies noch verstärken.

 

Nach Jahren der Militärdiktatur ist Myanmar zum weltweiten Vorzeigeprojekt geworden: Wahlen und Marktöffnung sorgen, so heißt es, für Demokratie und Menschenrechte. Doch die Nachrichten aus dem ehemaligen Burma passen nicht zu diesem Bild: Muslimische Minderheiten, insbesondere die 1,3 Millionen Angehörigen der Rohingya, fühlen sich massiv bedroht. Radikale buddhistische Mönche, die sich in der Organisation Mabatha »zum Schutz der Nation und der Religion« zusammengeschlossen haben, warnen vor einer »schleichenden Islamisierung« ihres Landes und fordern dazu auf, Muslime gesellschaftlich zu isolieren.

Davon inspiriert ziehen buddhistische Fundamentalisten mordend durchs Land, verbrennen Dörfer und zerstören Moscheen. Die Regierung erlässt Gesetze, die Muslimen und Muslima das Wahlrecht absprechen und sie in ihrer Mobilität und Berufswahl einschränken. Die Oppositionspolitikerin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi schweigt dazu. Und der Westen beschränkt sich auf lauwarme Ermahnungen, denn das Land gilt als wichtiger Investitionsstandort und hat aufgrund seiner Lage zwischen Indien und China große geostrategische Bedeutung.

Die Nachrichten von Tausenden Rohingya, die in ihren Booten auf dem Indischen Ozean als Boatpeople umhertrieben, gingen im Mai dieses Jahres um die Welt. Kein Staat wollte die Flüchtlinge aus Myanmar aufnehmen. Von den 1,1 Millionen Rohingya in Myanmars nördlichem Rakhaing-Staat sind seit 2012 mehr als hunderttausend in Flüchtlingslagern eingesperrt, die meisten anderen in Ghettos oder Dörfern, die sie nur mit Sondergenehmigungen verlassen dürfen. Im Frühsommer und Herbst 2012 kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Rakhine, einer buddhistischen Ethnie, und den muslimischen Rohingya. Offiziell gab es 167 Tote, die meisten davon Rohingya.

 

Als Minderheit unsichtbar gemacht

Seit 2012 sind Rohingya völlig aus dem öffentlichen Leben verbannt: In Sittwe, der Hauptstadt des Rakhaing-Staates sowie anderen Städten sind keine mehr zu sehen. Ihre einst prachtvolle Moschee an der Hauptstraße wurde stark beschädigt, Tag und Nacht wird sie von PolizistInnen bewacht. Niemand darf das Gelände betreten. Am Straßenrand stehen einige ausgebrannte Häuser und zahlreiche leer stehende Geschäfte.

»Viele Muslime waren Ladenbesitzer und Händler«, erzählt Amy Martin, die für die Vereinten Nationen die humanitären Angelegenheiten im Rakhaing-Staat koordiniert. Die Stimmung gegenüber den ausländischen Organisationen ist feindselig. Im März 2014 hatten radikale BuddhistInnen sogar die Büros und Einrichtungen der internationalen Hilfsorganisationen in Sittwe gestürmt und verwüstet. Sie unterstellten ihnen, zum Vorteil der Rohingya zu arbeiten. Daraufhin wurden alle ausländischen MitarbeiterInnen evakuiert. Erst nach Wochen zäher Verhandlungen konnten sie zurückkehren und ihre Arbeit wieder aufnehmen.

Die Rohingya werden schon seit vielen Jahren diskriminiert. Auch die alte Militärregierung unterstellte ihnen, unrechtmäßig aus Bangladesch eingewandert zu sein. In den Jahren nach der Unabhängigkeit war das noch anders: Die Rohingya, die schon seit mehreren Generationen im damaligen Burma lebten, waren eine anerkannte Minderheit. Das änderte sich 1982. Damals verabschiedet die Militärregierung ein Gesetz, das die Rechte der BewohnerInnen entlang ethnischer Zugehörigkeit definierte: Insgesamt 135 Ethnien sind seitdem als StaatsbürgerInnen anerkannt. Die größte Gruppe, mehr als 60 Prozent der Bevölkerung, stellen die buddhistischen Bamar. Im Rakhaing-Staat gehören die buddhistischen Rakhine dazu, nicht jedoch die muslimischen Rohingya.

Als Auslöser für die jüngste Gewalt und Vertreibung verweisen viele Angehörige der buddhistischen Bevölkerungsmehrheit auf eine Vergewaltigung: Drei männliche Rohingya hatten im Frühsommer 2012 eine junge Buddhistin vergewaltigt, die anschließend ihren Verletzungen erlag. Es folgten Racheaktionen, bei denen unschuldige Koranschüler getötet wurden. Die Gewalt nahm ihren Lauf. Nur Jahan, eine Bewohnerin des Flüchtlingslagers Dar Paing bei Sittwe, kennt diese Rechtfertigungen. »Natürlich müssen die Vergewaltiger zur Rechenschaft gezogen werden, aber deshalb kann man doch nicht alle Rohingya bestrafen«, empört sich die 55-Jährige. Quer über ihren Rücken zieht sich die Narbe einer Brandwunde. Sie hat nur knapp überlebt, als buddhistische Fanatiker das Haus ihrer Familie in Sittwe anzündeten.

Die Atmosphäre in Myanmar ist derart vergiftet, dass Nur Jahans Argumente keine Chance haben, gehört zu werden. Staatliche Stellen waren sogar Komplizen bei den Pogromen gegen die Rohingya: Zeugen berichten, dass Polizisten auf flüchtende Rohingya geschossen und die Angriffe der nationalistischen Rakhine gedeckt haben.

 

Ein Paradies für Investoren

Eine Vorzugsbehandlung genießen hingegen Investoren aus China, Indien, Japan, Südostasien, den USA und Europa, die in Myanmar Geschäfte machen wollen. Myanmar verfügt über zahlreiche Ressourcen: fruchtbares Ackerland, Erdöl, Erdgas, Kupfer, Bauxit und billige Arbeitskräfte. Zusammen mit Investoren will die Regierung mehrere Dutzend Megastaudämme errichten, drei Tiefseehäfen sind geplant, einschließlich angrenzender Sonderwirtschaftszonen. Sozial-ökologische Wirkungsstudien, geschweige denn entsprechende Schutzrechte, gibt es nicht. Burma gilt als Investorenparadies. Die UN-Mitarbeiterin Amy Martin weiß, wer den Preis dafür zu bezahlen hat: »Die großen Unternehmen kommen, die lokale Bevölkerung wird vertrieben und hat überhaupt nichts von diesen Projekten.«

Eines dieser Investorengroßprojekte ist in Kyauk Pyu angesiedelt, einer Kleinstadt im Rakhaing-Staat: Es umfasst einen Tiefseehafen einschließlich einer 800 Kilometer langen Pipeline, mit der die China National Petroleum Cooperation, ein chinesisches Staatsunternehmen, Gas und Erdöl in die unterentwickelte Region Yunnan transportiert. In Planung ist seit 2009 außerdem eine Sonderwirtschaftszone. Sie wird 120 Quadratkilometer groß, Teile von KyaukPyu und insgesamt 40 angrenzende Dörfer sollen dafür weichen. Öffentliche Anhörungen und Debatten mit der ansässigen Bevölkerung gab es nicht.

Im Flüchtlingscamp Dar Paing in Sittwe leben mehrere hundert der ehemaligen BewohnerInnen von KyaukPhyu auf engem Raum. Sie waren fast alle in der Fischerei tätig. »Schon als sie vor einigen Jahren die Probebohrungen für die Gasförderung machten, durften wir dort nicht mehr fischen«, berichtet die 23-jährige Tin TinNyu, die als eine der wenigen hier lesen und schreiben kann. »Und als sie dann auf Gas gestoßen sind, haben sie die Verbotszone nochmal ausgeweitet.«

Auch die geplante Sonderwirtschaftszone hat gravierende Auswirkungen auf die BewohnerInnen von KyaukPhyu: »Die Investoren brauchen viel Fläche«, erläutert U Khin Maung Hlaing, der 64-jährige Sprecher der Flüchtlingssiedlung, »und unser Land ist jetzt viel mehr wert als früher. Das wissen auch die Rakhine in unserer Stadtverwaltung.« »Aber sie wollten uns keine Entschädigung zahlen«, ergänzt Tin Tin Nyu, »die Gewalt kam ihnen gerade Recht und sie konnten uns vertreiben, ohne irgendetwas bezahlen zu müssen.« Insgesamt seien 5.000 Rohingya aus Kyauk Phyu vertrieben worden. Die chinesische CITIC-Group, der japanische Nippon Koei Co., Ltd Konzern und die burmesische Htoo-Trading Company, die enge Verbindungen zur Familie des aktuellen Präsidentschaftskandidaten der Regierungspartei unterhält, wollen in der Sonderwirtschaftszone ihre Geschäfte machen, vor allem im Energie- und Infrastruktursektor.

 

Angst schüren, Hass ernten

Mittlerweile wendet sich die Gewalt nicht nur gegen die Rohingya, sondern allgemein gegen Muslime und Muslima in Myanmar. Auch in anderen Landesteilen kam es zu blutigen Übergriffen mit zahlreichen Toten. In vielen Fällen hatten buddhistische Hassprediger zuvor die Orte besucht und in ihren Reden davor gewarnt, dass der Islam im Allgemeinen und die muslimischen Rohingya im Besonderen die buddhistische Religion und die Nation Myanmars unterwandern würden – mit dem Ziel, das Gesetz der Scharia zu verankern.

Der Einfluss der buddhistischen Mönche auf die Politik in Myanmar ist kaum zu unterschätzen: Während der so genannten »Happy Season« von Oktober bis Februar werden in jeder Stadt Myanmars und in jedem Stadtteil ganze Straßen für buddhistische Predigten abgesperrt. Vor tausenden AnhängerInnen reden Mönche Abend für Abend über Meditation, Selbstgenügsamkeit und die Tugenden des Buddhismus, aber auch über seine Verteidigung gegen vermeintliche Bedrohungen wie den Islam. Dass nur vier Prozent der Bevölkerung Myanmars Muslime sind, ist dabei nicht von Belang. Viele der 500.000 Mönche im Land argumentieren mit der Geschichte und behaupten, dass Länder wie Afghanistan oder Indonesien früher buddhistisch gewesen seien und Myanmar das gleiche Schicksal der Islamisierung drohe, wenn man nichts dagegen unternehme.

Es gab eine Zeit, da wurde auch der Buddhismus durch das Militärregime unterdrückt. Mönche und Gläubige konnten ihre religiösen Zeremonien nicht frei und in aller Öffentlichkeit begehen. »Heute ist das anders«, begrüßt Dr. Saw Hlaing Bwa diese Entwicklung. »Die Mönche werden eingeladen, um auf offener Straße zu predigen und die Gläubigen in Moral zu unterrichten.« Der Baptist ist Professor für Theologie am Myanmar Institute for Theology in Yangon. 1988 hat er sich als Student in Yangon an den Protesten der frühen Demokratiebewegung beteiligt. »Andererseits«, so warnt er, »machen sich Organisationen wie Mabatha diese Entwicklung zu Nutze und predigen ihren Hass auf der Straße. Das ist ein Grund, warum sie bei den einfachen Leuten so viel Einfluss haben.«

 

Gesetze für die nationale Sache

70 Prozent der Bevölkerung Myanmars leben noch von der Landwirtschaft – oft als Kleinbauern und -bäuerinnen. Doch viele von ihnen fallen zunehmend der Landspekulation zum Opfer, die durch internationale Investoren angeheizt wird. Die Folge: Der Preis für Land und Grundnahrungsmittel ist in den vergangenen Jahren enorm hochgeschnellt. Die Landpreise haben sich je nach Region versiebenfacht, bei vielen Grundnahrungsmitteln gibt es eine zweistellige Teuerungsrate. Das von der Europäischen Union vorangetriebene Investitionsabkommen mit Myanmar wird diese Entwicklung weiter beschleunigen. Denn der schwache Schutz von Menschenrechten und Umwelt, der derzeit in Myanmar Praxis ist, wird durch ein Investitionsabkommen voraussichtlich auf diesem niedrigen Niveau festgeschrieben. Konzerne könnten dann jede gesetzliche Verbesserung über das geplante Schiedsgericht (Bestandteil des Abkommens) als entgangenen Profit und Geschäftsschädigung bei der Regierung Myanmars einklagen.

Die Militärs in Burma, die auch in der so genannten »Zivilregierung« noch das Sagen haben, wollen die sozialen Spannungen kanalisieren. Sie setzen auf eine Ethnisierung der sozialen Konflikte, um ihre eigene Position und ihre profitablen Geschäfte abzusichern.

Auch für Saw Hlaing Bwa steht fest: Die Konflikte in Myanmar sind von wirtschaftlichen und politischen Interessen geprägt. Die Religion wird nur instrumentalisiert. »1988 und 2007, als die Leute gegen die Militärregierung aufgestanden sind, haben die Mönche die Bewegung zusammen mit den Studierenden angeführt«, erklärt er, »also müssen sie heute die Mönche auseinander dividieren und so die Möglichkeit ihres politischen Engagements auf der Seite der Armen schwächen.«

Die Saat scheint aufzugehen. Kaum ein buddhistischer Mönch in Myanmar wagt sich, Mabatha, die Organisation zum »Schutz der Rasse und Religion«, zu kritisieren. Schon auf der Gründungskonferenz Anfang 2014 legte Mabatha ein Paket mit Gesetzesvorschlägen vor: Die Mönche forderten, dass das Konvertieren von einer Religion zu einer anderen von den lokalen Behörden genehmigt werden muss; dass in Regionen mit hoher Geburtenrate Frauen per Gesetz verpflichtet werden sollen, weniger Kinder zu bekommen; dass buddhistische Frauen, die Männer mit anderer Religionszugehörigkeit heiraten, nicht konvertieren dürfen.

Als sich mehrere Mitglieder zivilgesellschaftlicher Organisationen im Mai 2014 gegen diese Vorschläge aussprachen, weil dadurch Frauen und Minderheiten diskriminiert würden, erhielten die UnterzeichnerInnen Morddrohungen und wurden von Mabatha als »Verräter der nationalen Sache« bezeichnet. Im Sommer sind sämtliche Gesetzesvorschläge der Mabatha mit deutlicher Mehrheit im Parlament verabschiedet worden. Die Mabatha-Mönche inszenierten daraufhin Jubelfeiern – unter anderem in der symbolträchtigen Shwedagon Pagode in Yangon, die nicht nur eine Touristenattraktion ist. Dort trafen sich in den 1920er Jahren antikoloniale Kräfte und 2007 war die Pagode Ausgangspunkt der Protestbewegung gegen das Militärregime.

 

Dominik Müller ist freier Journalist und lebt in Köln.


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