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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 352 | Refugees & Selbstermächtigung Jonas Kreienbaum: »Ein trauriges Fiasko«

Jonas Kreienbaum: »Ein trauriges Fiasko«

Koloniale Konzentrationslager im südlichen Afrika 1900-1908. Hamburger Edition (Studien zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts), Hamburg 2015. 300 Seiten, 28 Euro.

Konzentrationslager im südlichen Afrika

Die geschichtspolitischen Kategorien, die für Jonas Kreienbaums Buch Ein trauriges Fiasko eine Rolle spielen, existieren seit einigen Jahren: KolonialhistorikerInnen wie der Hamburger Professor Jürgen Zimmerer formulierten die These, dass von den Konzentrationslagern der kaiserlichen »Schutztruppen« in Deutsch-Südwestafrika ein direkter Weg nach Auschwitz führte (siehe dazu iz3w 309 und 310). Diese Kontinuitätsthese unterzieht der Historiker Kreienbaum einer Revision, indem er die britischen Konzentrationslager in Südafrika sowie die deutschen in Deutsch-Südwest vergleichend untersucht. Er fragt nach ihrer Funktion für die Strategien der Kolonialmächte und ihren Funktionsweisen. Und er setzt sie in Relation zu den historisch älteren Konzentrationslagern Spaniens auf Kuba beziehungsweise denjenigen der USA auf den Philippinen, sowie zu den jüngeren der Nationalsozialisten.

Die anvisierten Ziele der Kolonialmächte entnimmt Kreienbaum den Akten der deutschen und britischen Verantwortlichen. Demnach waren die im Rahmen des Zweiten Burenkrieges (1899-1902) geschaffenen britischen Lager ursprünglich als Flüchtlingslager geplant, die sich indes eklatant unterschieden, je nachdem ob sie für die weiße burische Bevölkerung Südafrikas oder die schwarzen AfrikanerInnen gedacht waren. Da aber die britische Politik die burischen wie auch die schwarzen ‚Flüchtlinge‘ überhaupt erst erschuf, wurden die Lager sehr schnell zu Internierungslagern, welche die Unterstützung von Aufständischen durch die Bevölkerung verhindern sollten.

Im Rahmen der Internierung setzten die BritInnen auf Strategien des Social Engineering: Die BurInnen in den Camps sollten zu echten Weißen (und BritInnen) erzogen werden. In den Lagern für die Schwarzen, die ebenfalls als Arbeitskräftereservoir dienten, sollte hingegen der Status quo erhalten bleiben, also die AfrikanerInnen in weißer Abhängigkeit belassen werden. Ein Vernichtungswille habe aber für keine der beiden Bevölkerungsgruppen bestanden, schreibt Kreienbaum, da die militärischen und zivilen Verantwortlichen durchaus bemüht gewesen wären, die hohen Sterbequoten (drei bis zehn Prozent in den Burenlagern, bis zu 40 Prozent in den black camps) in den Lagern zu senken und die Internierten nach Kriegsende zu repatriieren.

Die deutschen Lager hingegen seien eingerichtet worden, nachdem Berlin der Vernichtungspolitik des Generals Lothar von Trotha gegen Herero und Nama in Deutsch-Südwest Einhalt geboten und ihre Internierung anstelle ihrer physischen Auslöschung gefordert hatte. Die Gefangenzahlen seien dabei weitaus höher gewesen als bisher angenommen: 25.000 statt 17.000. Insgesamt seien wohl 30 bis 64 Prozent der Inhaftierten in den Lagern umgekommen, insbesondere auf der Haifischinsel, die ab 1907 jedoch wegen humanitärer Bedenken geräumt wurde. Auch hier konnten sich, wie schon im Konflikt mit Trotha, diejenigen Militärs durchsetzen, die eben nicht die Vernichtung favorisierten. Neben der Internierung benennt Kreienbaum als Ziele der deutschen Verantwortlichen die Bestrafung der Aufständischen sowie ihre »Erziehung« durch Zwangsarbeit. Anders als Zimmerer sieht Kreienbaum kaum Kontinuitäten zu den Konzentrationslagern des NS, dienten diese doch vor allem der Vernichtung der Jüdinnen und Juden.

Die unterschiedlichen und sich wandelnden Internierungsziele kann Kreienbaum auch anhand der Lebensumstände in den Lagern aufzeigen: Die Burenlager sollten sich im Laufe der Jahre zu provisorischen Kleinstädten mit Schulen und anderen infrastrukturellen Einrichtungen entwickeln, auch wenn die baulichen Arrangements und die Versorgung weiterhin mangelhaft waren. Die black camps blieben wohl weit dahinter zurück. Die deutschen Lager zeichneten sich insbesondere durch schlechte Versorgung aus, da angesichts der allgemeinen Mangelsituation die Versorgung der Militärs Vorrang hatte und die Lager lange provisorisch blieben. Die InsassInnen, insbesondere die weiblichen, waren zudem der oftmals gewalttätigen Willkür der Deutschen ausgesetzt.

Das Buch ist eine solide Ausgangsbasis für die Beschäftigung mit dem Genozid an den Herero und Nama sowie mit der Geschichte von Konzentrationslagern, die, wie Kreienbaum im letzten Kapitel argumentiert, eher aus kolonialer Eigenlogik entstanden als durch Wissenstransfer. Er zeigt zudem, dass Vernichtung niemals ‚nur‘ eine strukturelle Ursache hat, wie gelegentlich für den Holocaust und den millionenfachen Tod sowjetischer Soldaten in deutscher Kriegsgefangenschaft behauptet wird. Vielmehr macht er deutlich, dass es immer entscheidende Stellen im Hintergrund gibt, die die Vernichtung anordnen, in Kauf nehmen und sich dann politisch durchsetzen – oder eben nicht. Es ist Kreienbaum zudem hoch anzurechnen, dass er die Lücken beim Quellenmaterial – insbesondere hinsichtlich der britischen Lager für schwarze AfrikanerInnen und der Erfahrungen der Internierten – explizit benennt.

Trotz oder gerade wegen seiner Sachlichkeit beschleicht einen bei der Lektüre des Buches gelegentlich ein Unbehagen: Das Buch erweckt stellenweise den Eindruck, als seien zehntausende Menschen gestorben, obwohl sie ‚nur‘ interniert, erzogen und als Arbeitskräfte eingesetzt werden sollten. Was aber stand dahinter, dass die deutschen und britischen Verantwortlichen insbesondere die schwarzen InsassInnen der eingerichteten Lager so sträflich vernachlässigten? Koloniale Selbstüberschätzung gepaart mit Rassismus? Eine differenzierte(re) Antwort liegt zwar jenseits der von Kreienbaum gewählten Fragestellung, ihr Fehlen zeigt aber auch, dass die Geschichte der mörderischen Seiten des Kolonialismus noch nicht zu Ende erzählt ist.

Kerstin Bischl

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