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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 352 | Refugees & Selbstermächtigung Werner Zips: Hail di riddim

Werner Zips: Hail di riddim

Reportagen aus dem Reggaeversum. Promedia, Wien 2015. 240 Seiten, 19,90 Euro.

Die jamaikanische Literaturwissenschaftlerin Carolyn Cooper beschrieb Jamaika in der New York Times anlässlich des 50. Jahrestages der Unabhängigkeit von Großbritannien 2012 als »eine Insel mit einem kontinentalen Bewusstsein«. Damit wollte sie verdeutlichen, dass die Insel ein Stück Afrika in der Karibik repräsentiere. Die Gesellschaft und Kultur der 2,9 Millionen JamaikanerInnen sei primär durch ihre aufgrund von Sklaverei und Kolonialismus in die Karibik verschleppten VorfahrInnen geprägt.

In seinem Buch Hail di Riddim widmet sich Werner Zips, Dokumentarfilmer und Professor für Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien, in dreizehn Aufsätzen den verschiedenen Ausprägungen dieses »kontinentalen Bewusstseins«. Er spürt den globalen Ausprägungen von Reggae, jamaikanischen Widerstandskulturen und ihren afrikanischen Pendants auf beiden Seiten des Black Atlantic nach. Im Zentrum stehen dabei Reggae als globales, von den Lehren der Rastafari beeinflusstes, transnationales Kommunikationsmedium und dessen antikoloniales Artikulationspotential.

Die Mehrzahl der im Stil von Reportagen verfassten Beiträge sind bereits im deutschen Reggae-Magazin Riddim erschienen und wurden von Zips, der schon seit 1984 zu Jamaika forscht, um einen wissenschaftlichen Fußnotenapparat ergänzt. Wer eine rein akademische Analyse erwartet, wird vom Subjektivismus und der Szenesprache des Buches etwas irritiert sein. Schon Zips‘ Neologismus »Reggaeversum« im Buchtitel macht das deutlich. Das Buch richtet sich an ein breites Publikum und soll sowohl ausgewiesene Reggae-Fans und Jamaika-Interessierte als auch Neulinge ansprechen. Leider neigen das Cover, das einen Schwarzen Musiker mit Dreadlocks vor einem rot-gelb-grünen Löwen zeigt, und die Fotoauswahl im Inneren dazu, bei weißen LeserInnen stereotype und exotische Bilder von den ‚Anderen‘ zu festigen. Das steht im Gegensatz zu Zips‘ Texten, in denen er stets reflektiert und differenziert von seinen Reisen nach Jamaika, Botswana und in den Senegal berichtet.

Das Buch beginnt mit der Kolonialgeschichte Jamaikas und den Maroons – Guerillagruppen geflohener SklavInnen, die gegen die britischen KolonialistInnen Kriege führten. Zips schreibt über den ersten jamaikanischen Nationalhelden Marcus Mosiah Garvey (1987-1940) und dessen politisches Engagement gegen die rassistische Diskriminierung der Schwarzen in den Amerikas und für ein ermächtigendes Afrika-Bild. Daran anschließend widmet sich Zips seinen Erfahrungen mit Rastafari und geht auf unterschiedliche Ausprägungen der Rastafari-Philosophie sowie den Dub-Poeten Mutabaruka ein. Letzteren porträtiert er wegen seiner Performances und kritischen Kommentaren als eine Art soziales Gewissen Jamaikas.

Auch der alltäglichen Gewalt, dem seit 2010 wieder gestiegenen Interesse an Roots-Reggae und den Diskussionen um Homophobie und Sexismus in der Musik widmet Zips jeweils ein Kapitel. Er erläutert, dass der »exhibitionistische heterosexuelle Akt und Homophobie zwei Seiten ein und derselben Medaille« seien, die die jamaikanische Dancehall-Musik kennzeichne. Als Lösungsansatz für den Konflikt zwischen LGBTTIQ-AktivistInnen und Dancehall-KünstlerInnen schlägt er das Rastafari-Prinzip der »gleichen Rechte und Gerechtigkeit« vor. Dieses könne nur funktionieren, wenn damit auch Minderheiten und nicht nur »angepasste Lebensentwürfe« gemeint seien.

Die Kapitel zu Afrika gehen auf ein Kuru-Tanzfestival in Botswana, die Rolle des Löwen für die Rastas und die senegalesischen Sufis der Bayne Fall ein. Letztere begleitet Zips bei ihrer Pilgerfahrt nach Touba, einer Stadt im Senegal, in der sie Amadu Bamba (1853-1927) und dessen Widerstand gegen die französische Kolonialmacht gedenken. Der Kreis zurück zur afrikanischen Diaspora in der Karibik schließt sich, wenn Zips diese Sufi-Gemeinschaft wegen ihrer Lebensweise und ihrer Dreadlocks als muslimisches Pendant zu den jamaikanischen Rastas beschreibt.

Patrick Helber

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