Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 352 | Refugees & Selbstermächtigung Türkisch-deutsche Studien

Türkisch-deutsche Studien

Jahrbuch 2010, 2011, 2012, 2013, 2014. Hg. von Seyda Ozil, Michael Hofmann, Yasemin Dayioglu-Yüce. V&R unipress, Göttingen. 30,99 bis 44,99 Euro.

Ein neues Jahrbuch zu den türkisch-deutschen Beziehungen erscheint seit 2010 unter Federführung eines türkisch-deutschen Herausgeberteams. Es füllt durch seine Fokussierung auf geisteswissenschaftliche Themen eine Lücke, bietet einen aktuellen Überblick zum Stand der Forschung und dient auch als Forum für NachwuchswissenschaftlerInnen. Das Ziel ist Multiperspektivität durch interdisziplinäre Vernetzung und Einbeziehung von Forschungsarbeiten, die außerhalb Deutschlands bzw. der Türkei entstanden sind. Insbesondere sollen aber auch türkische Positionen in Deutschland bekannt gemacht werden.

Themen wie Sprachkompetenz und Integration, Jugend und Gewalt, der so genannte »Beitrag« der »Gastarbeiter« oder Fragen der sog. »Rückkehr« werden in diesen Studienbänden einer wissenschaftlichen Analyse unterzogen. Das macht sie über den akademischen Bereich hinaus interessant für die in der interkulturellen Praxis tätigen PädagogInnen, SozialarbeiterInnen oder BehördenmitarbeiterInnen. Sie geben ihnen Informationen an die Hand, die einen sehr oft veralteten Wissensstand ablösen und ethnozentrisches Denken aufdecken.

Die Unterschiedlichkeit deutscher und türkischer Perspektiven wird in zahlreichen Beiträgen der Jahrbücher deutlich, oft sogar direkt thematisiert. So wird Migration in der deutschen Diskussion meist in den Kontext von Integration gestellt und unter dem Aspekt »erfolgreich« bzw. »nicht erfolgreich« verhandelt. Türkische Zeitungen hingegen schrieben anlässlich des 50. Jahrestages des Anwerbeabkommens eher nostalgisch über das Fremdsein. Die türkische Forderung nach türkischen Gymnasien in Deutschland löste nicht in der Türkei, aber in Deutschland eine Flut von negativen Reaktionen aus. Letzteres gilt auch für »unpassende« Ergebnisse aus der Sprachwissenschaft: Zahlreiche Beiträge in den Jahrbüchern widerlegen den »Mythos der doppelten Halbsprachigkeit« und konstatieren eine funktionierende kreative Alltagskommunikation. In den Studien wird aufgezeigt, wie der von Heike Wiese geprägte neutrale Begriff »Kiezdeutsch« zu scharfen Angriffen bis hin zu persönlichen Diffamierungen geführt hat und wie in einer verzerrten Diskussion aus einem multiethnischen Jugenddialekt, der auch von deutschen Jugendlichen gesprochen wird, »Türkendeutsch« mit Sätzen wie »ich-mach-dich-Messer« gemacht wird. Dabei unterschlagen die gegen den angeblichen Sprachverfall ankämpfenden deutschen SprachschützerInnen die Ergebnisse der Pisastudie, die offenlegen, dass der Erwerb der offiziellen Schul- bzw. Standardsprache für alle Unterschichtkinder, gleich welcher Herkunft, ein Lernproblem ist.

Das Jahrbuch 2013 ist dem Thema »Jugend« gewidmet, mit dem Ziel, die Geschichten hinter den demographischen Statistiken zu suchen. In dieses Vorhaben brach »Gezi« ein. »Eine Generation Y offensichtlich«, schreibt die Autorin Oya Baydar aus der 68er-Perspektive, »in der einen Hand das Handy, in der anderen die Wasserflasche, nur an oberflächlichen Beziehungen interessiert« – und erlebt überrascht eine neue Form politischen Engagements mit der Suche nach Freiheit ohne links-rechts-Schemata. Mit der Generation Y teilt die Gezi-Bewegung die städtische Sozialisierung und hohe Bildungsstandards, hingegen bettet ihr Wertekonservativismus sie in die türkische Gesellschaft ein, was auch als »Leben in einer emotionalen Großfamilie« bezeichnet wird. Der Wertekanon, so die Feststellung der türkischen Jugendforschung, habe sich in den letzten 30 Jahren nicht geändert und werde von Jugendlichen und Erwachsenen geteilt. Es bestehe eine Diskrepanz zwischen modernem Lebensstil und traditioneller Wertgebundenheit.

Eine Untersuchung zu Peer-Groups in unterprivilegierten Stadtbezirken Berlins und Istanbuls bereichert das Bild, das weiter differenziert wird durch die Vorstellung emanzipatorischer Migrantengruppen in Deutschland: Jugendliche, die sich offensiv gegen rassistische Zuschreibungen wehren und mit einer ‚Opferrolle’ der Gastarbeitergeneration nichts mehr gemein haben. Eine neue Generation ist so entstanden, die sich international an HipHop orientiert, um der Festlegung auf Herkunft zu entgehen.

Medienanalysen, insbesondere zu Presse und Film, sowie literarische Studien runden das Jahrbuch zu »Jugend« ab. Es bietet eine Fundgrube an überraschenden Beobachtungen, neuen Erkenntnissen und offenen Fragen. Das gilt auch für das zuletzt erschienene Jahrbuch 2014 über Protestbewegungen in der Türkei und in Deutschland.

Sabine Hagemann-Ünlüsoy

352 | Refugees & Selbstermächtigung
Cover Vergrößern
Südnordfunk zum Thema

"Das Wort des Geflüchteten"

"CALAIS-Fluchtgeschichte"

"CALAIS-Widerstand im Camp"

"Was Radio für Geflüchtete bedeutet"