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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 353 | Spiele von oben Georg Wimmer: Kinderarbeit - ein Tabu

Georg Wimmer: Kinderarbeit - ein Tabu

Mythen, Fakten, Perspektiven. Mandelbaum Verlag, Wien 2015. 310 Seiten, 19,90 Euro.

Verbote oder Rechte?

Was ist der richtige Umgang mit weltweiter Kinderarbeit? Georg Wimmers Buch Kinderarbeit – ein Tabu verdeutlicht die konträren Positionen: Während die Internationale Arbeitsorganisation ILO die schädlichen Auswirkungen von Kinderarbeit betont und für ein generelles Verbot eintritt, machen Bewegungen arbeitender Kinder im globalen Süden darauf aufmerksam, dass ihnen Lohnarbeit Entwicklungschancen bietet, die sie sonst nicht hätten.

Constance Thomas von der ILO sieht Kinderarbeit als Teil eines Teufelskreises: »Solange es Kinderarbeit gibt, werden Sie auch die Armut nicht aus der Welt schaffen können«. Auch könne es ihres Erachtens kein Recht auf würdige Arbeit von Kindern geben, da es sich um Kinder handele, die gar nicht arbeiten dürften, sondern Schutz bräuchten. Die Bewegung arbeitender Kinder in Peru führt hingegen an: »Wir verlangen das Recht, unter würdigen Bedingungen zu arbeiten und als Personen anerkannt zu werden, die ihren Beitrag für die Gesellschaft leisten.« Die Kinder machen zudem deutlich, auf was sich die Erwachsenen stattdessen konzentrieren sollten: »Das, was es abzuschaffen gilt, sind die Ursachen für die Armut und die Armut selbst, ebenso die Auslandsschulden, die die reichen den ärmeren Ländern auferlegen, Arbeitslosigkeit und Korruption«.

Warum das moderne westliche Ideal einer »behüteten Kindheit« mit der Lebensrealität vieler Kinder im globalen Süden schlecht vereinbar ist, veranschaulicht Sadia, ein arbeitendes Mädchen aus Nicaragua: »Die von der Regierung sagen, zuerst kommt die Schule, dann die Arbeit. Aber das stimmt nicht. Hier in Nicaragua musst du zuerst arbeiten, dann erst kannst du in die Schule gehen, weil die Schule viel Geld kostet.« Ein generelles Verbot von Kinderarbeit, ohne eine Alternative für betroffene Kinder und deren Familien anzubieten, schadet diesen oftmals mehr als es nützt und kann obendrein zur Gefahr werden. Die Kinder suchen sich dann aus materieller Notwendigkeit eine neue Arbeit, die mitunter gefährlicher oder schlechter bezahlt ist. Auch werden sie nicht mehr wie junge ArbeiterInnen, sondern wie Kriminelle behandelt.

Wie also positionieren? Wimmer betont die enorme Bandbreite von Kinderarbeit und plädiert für eine differenziertere, undogmatischere Sichtweise auf Kinderarbeit. Ausbeuterische Kinderarbeit wird von ihm in den Gesamtkontext eines ausbeutenden globalen Wirtschaftssystems gestellt. Dieses solle durch ein gerechteres Wirtschaftssystem bekämpft werden, etwa durch höhere Löhne für die Erwachsenen des globalen Südens, was den Druck auf die Kinder mindere. Arbeitende Kinder sollten ernst genommen und ihre Organisationen gestärkt werden.

Das Buch liefert viele Hintergrundinformationen, etwa zur Geschichte der Kinderarbeit und zu Kindheitsidealen. Der Autor punktet aber vor allem mit detailreichen Beschreibungen der Lebenswelten arbeitender Kinder und mit Interviews, in denen involvierte Kinder und Erwachsene zu Wort kommen.

Maria Irrgang

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