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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 355 | Separatismus Sonita: Unbedingter Wille zur Freiheit

Sonita: Unbedingter Wille zur Freiheit

Eigentlich ist es ein No-Go: Eine Dokumentarfilmemacherin mischt sich ins reale Geschehen ein. Nicht nur mit der anwesenden Kamera, sondern derart, dass sie der Lebensrealität ihrer Protagonistin einen maßgeblichen Wendepunkt beschert. Am Ende dann Standing Ovations, als die Protagonistin des Films, die damals noch nicht volljährige Sonita Alizadeh, ein Flüchtlingsmädchen aus Afghanistan, auf einer US-amerikanischen Bühne rappt.

Doch von vorne: Sonita kann sich kaum mehr erinnern, in welchem Alter sie mit ihren drei Schwestern und vier Brüdern aus dem afghanischen Herat nach Iran geflüchtet ist. Die Familie wurde noch auf der Fahrt von Taliban bedrängt – Sonita erinnert sich nur unter Schmerz an die Todesdrohungen und an die Mutter, die zurückgeblieben ist. Der Wohnungsmarkt in Teheran macht der Familie das Leben schwer. So wie ihr bleibt er Tausenden anderen afghanischen MigrantInnen und Geflüchteten verschlossen, ebenso der Arbeitsmarkt. Sonita, eine Schwester und einer ihrer Brüder sind die einzigen, die im Iran bleiben, die anderen gehen zurück nach Afghanistan.

Im Kinderflüchtlingsheim einer iranischen NGO findet Sonita Zuflucht – und eine verständnisvolle Betreuerin. Als die Mutter nach Teheran kommt, um ihre Tochter zu holen, wird es brenzlig: Wegen eines Heirats-Deals wird Sonita zur Rückkehr genötigt. Ihre Verheiratung wird für die Ehrerhaltung der Familie verlangt, und sie ist ein finanzielles Tauschgeschäft für die Heirat einer ihrer Brüder, der das Geld seinerseits für den Brautkauf braucht. Sonita, die seit Monaten als Sängerin ein Tonstudio sucht, bleibt standhaft und kämpferisch – so wie ihre Lieder.

Sonitas Songtexte sind ein Tabubruch, und solo singende oder rappende Frauen sind im Iran verboten. Umso hartnäckiger muss Sonita kämpfen, um eine Studioaufnahme ihrer Songs zu realisieren. Die Filmemacherin Rokhsareh Ghaem Maghami bleibt ihr auf den Fersen, in die Tonstudios, ins Kinderflüchtlingsheim, bei der Wohnungs- und der Jobsuche. Die Kamera ist nicht nur anwesend, sie nimmt nicht nur an Sonitas Hürdenlauf empathisch teil. Die Filmemacherin ist, erst unsichtbar, dann sichtbar, eine Dialogpartnerin im Ringen um ein Entkommen aus dem entwürdigenden Verlangen der Familie nach Sonitas Körper, aus der verachtenden Nichtbeachtung ihrer Persönlichkeit. Als die Mutter Sonita abholen will, wird sie wieder heimgeschickt: Die Dokumentarfilmerin entschließt sich, in das Schicksal ihrer unglücklichen Heldin einzugreifen, und bezahlt schließlich eine Art Lösegeld. Doch damit ist die Gefahr der Verheiratung für die junge papierlose Afghanin nicht vom Tisch und noch keine Zukunft in Sicht.

Als der erste Song von Sonita im afghanischen Radio gespielt und auf Facebook geliked wird, nimmt die iranische NGO Abstand von Sonita, die nun ganz auf sich alleine gestellt ist. Als »Brides for Sale«, das erste Musikvideo von Sonita mit inzwischen über einer halben Million Aufrufen im Web, bei einem Talentwettbewerb einer amerikanischen Highschool gewinnt, entschließt sie sich, sich aus der Familiengeschichte freizukaufen und ein Stipendium in Utah anzunehmen. Doch zuvor muss sie die Hürde nehmen, eine Geburtsurkunde zu besorgen – in Afghanistan. Die Rückkehr der jungen Frau ins kriegsversehrte Afghanistan ist der eigentliche Höhe- und Wendepunkt.

Mit Sonita hat das Luxembourg City Film Festival im März 2016 einen wuchtigen und mutigen Film präsentiert. Der Film entfaltet seine Dynamik ganz ohne Off-Kommentare, er berührt durch die realen Ereignisse. Er kommt ohne Verkitschen, ohne Überhöhung der Protagonistin aus. Sonita spricht immer wieder direkt in die Kamera und fragt irgendwann: »Kann ich das auch, dich filmen?« Die ungewöhnliche Entscheidung Rokhsareh Ghaem Maghamis, die Lösegeldzahlung an die Mutter, und die szenenweise Übergabe der Regie an ihre Protagonisten, sind großartig. Angesichts des drohenden gewaltvollen Schicksals für Sonita ist beides zugleich selbstverständlich. Der Film setzt ein Zeichen an diejenigen, die das Schicksal von Menschen in derart heftigen Lebenslagen mit der Kamera nur begleiten wollen.

Sonitas Protestsongs schlagen kämpferische Töne an. Sie sprechen einfühlsam für zahlreiche junge Frauen, die ähnlich wie die Exil-Iranerin ihren Körper vor Zwangsheiraten und Kinderarbeit schützen wollen – und sich für dieses Ziel der eigenen Familie verwehren.

Martina Backes

 

Sonita. Regie: Rokhsareh Ghaem Maghami. Iran/Deutschland 2015, 91 Min. www.realfictionfilme.de

Den Song "Brides for Sale" gibt es hier.

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