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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 362 | Altern in der Welt Nachruf auf Étienne Tshisekedi

Nachruf auf Étienne Tshisekedi

Im Februar diesen Jahres ist der Oppositionsführer Étienne Tshisekedi im Alter von 84 Jahren gestorben. Er prägte über Jahrzehnte die politische Landschaft der Demokratischen Republik Kongo und hinterlässt ein komplexes Erbe.

von Kani Kalonji

Der Frontsänger ruft auf Lingala: »Sie hatten vor, das Land zu verkaufen!« Darauf reagiert die Menge mit einem anprangernden Laut und antwortet ebenfalls singend: »Nun, tagein, tagaus denken wir an Étienne.« Dieser afrikanisch klingende, langsame und klagende Gesang der Menge – ein Gefühl des Mitgenommenwerdens ist es, was der junge Mann empfindet. Als könnten jeden Moment Tränen fließen.

All diese Menschen, denkt sich der junge Mann. Tausende sollen es sein. Die meisten von ihnen stehen. In dieser riesigen, von den Behörden zur Verfügung gestellten Halle; die Decke ist ziemlich hoch. Die Mehrheit der BesucherInnen ist schwarzer Hautfarbe und dem Anlass gemäß schwarz gekleidet. Anwesend sind auch weiße Gäste, unter anderem eine ehemalige stellvertretende Regierungschefin des europäischen Landes, in dem die Trauerfeier stattfindet.

Draußen ist es kalt, trotzdem stehen zahlreiche, auch aus dem Ausland angereiste Menschen in einer Schlange – in der Hoffnung auf Einlass. Ebenso der junge Mann, auch er hat eine lange Fahrt hinter sich, aus Deutschland.

Es ist Februar 2017: Der Oppositionsführer Étienne Tshisekedi ist im Alter von 84 Jahren gestorben.

Wiedersehen nach drei Jahrzehnten

Im September 2015 sitzen die »Sphinx von Limete«, ein Spitzname Tshisekedis (Anmerkung 1), und der junge Mann aus Deutschland zusammen mit weiteren Gästen in einer Wohnung eines vornehmen Vororts in jenem europäischen Land, wo so viele den Anführer zwei Jahre später beweinen werden. Bei diesem Besuch trifft der junge Mann Herrn Tshisekedi nach fast 30 Jahren wieder. Das letzte Mal, als sie sich gesehen haben, war der junge Deutsche sieben oder acht Jahre alt. Das war in Afrika. Seitdem hatten sie nicht miteinander kommuniziert. Ein Jahr nach dem Wiedersehen wird Tshisekedi einem Journalisten einer angesehenen europäischen Zeitung mit den Worten antworten: »Für die jungen Leute bin ich ein Beispiel«. In dem Satz wird sich auch der junge Deutsche wiederfinden.

Die Berliner Mauer fällt! 1989 wird als besonderes Jahr in die Geschichte eingehen. Die Welt ist im Aufbruch. Es ist auch das Jahr, in dem der »künftige junge Deutsche« als Kind Zentralafrika verlässt.

Drei Jahre später findet in dem zentralafrikanischen Land die Souveräne Nationalkonferenz statt. Durch das Ende des kalten Krieges weht in ganz Afrika ein Wind der Demokratisierung. Étienne Tshisekedi wird von den VolksvertreterInnen, trotz gegen ihn gerichteter Bestechungsversuche, zum Premierminister gewählt.

Zu dem Zeitpunkt hat das Land ganze 27 Jahre grausame Diktatur unter Präsident Mobutu Sese Seko hinter sich. Und dieser ist der Alleinherrschaft noch nicht überdrüssig. Sechs Monate nach der Wahl enthebt Mobutu Étienne Tshisekedi des Amtes.

Der junge Deutsche kommt 1981 in dem zentralafrikanischen Land zur Welt. Im Jahr zuvor hat der legendäre »Brief der 13 Parlamentarier« das Land erschüttert. In dem Schreiben haben es Étienne Tshisekedi und weitere Abgeordnete gewagt, die von Machthaber Mobutu ausgeübte Diktatur anzuprangern. 1982 gründet Tshisekedi die Partei UDPS (Union pour la Démocratie et le Progrès Social) mit. Ihr Ziel ist die Einführung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Infolgedessen wird Tshisekedi mehrmals ins Gefängnis gebracht und erleidet mit den anderen ParteigründerInnen Unterdrückung. Einige kommen ums Leben.

Das in Zentralafrika gelegene Land Étienne Tshisekedis gilt hinsichtlich des gewaltigen und vielfältigen Reichtums seiner Bodenschätze (von anderen Aspekten seines Potenzials ganz abgesehen) als »geologischer Skandal«. Politisch skandalös ist, dass dort heute die Menschen noch hungern müssen. Entscheidend für den Ausgang des Zweiten Weltkriegs war das Uran-Vorkommen in diesem afrikanischen Staat, das den Bau der Atombombe ermöglichte. Welche Überzeugung hindert die westliche Allianz heute daran, aus diesem Land einen vollwertigen Alliierten zu machen? So, dass für die Menschen dort die Menschenwürde wiederhergestellt wird. Dass das Massenmorden ein Ende nimmt.

Ja, es gibt keine einfachen Antworten zu den komplexen Fragen und Realitäten der Politik. Daher braucht es heldenhafte Parteien, mit in sich Gewissheit tragenden und starken, dennoch geduldigen, da zum komplexen Denken fähigen Köpfen, die ihren Teil beitragen und dabei stets nach der richtigen Konstellation von Zeiten und Umständen Ausschau halten, um dann Geschichte zu schreiben. Um die Dinge zu verändern.

Wer ist dieser junge Deutsche?

Das zentralafrikanische Land, von dem die Rede ist, existiert tatsächlich. Es ist die Demokratische Republik Kongo. Die Partei UDPS von Étienne Tshisekedi wird dort »erstgeborene Tochter der kongolesischen Opposition« genannt. Der junge Deutsche, das bin ich. Und Étienne Tshisekedi war mein Onkel.

Bevor ein Mann namens Barack Obama die Dreistigkeit der Hoffnung predigte; bevor ich die mit vibrierender Stimme gehaltene »I have a dream«-Rede Martin-Luther Kings und die bezaubernde Lebensgeschichte Abraham Lincolns kennenlernte; bevor Nelson Mandelas »Langer Weg zur Freiheit« geschrieben wurde; inspirierte mich zuerst die Sphinx von Limete. Mein Onkel, Papa Étienne.

 

Anmerkung

1 Sphinx steht für die pharaonische Statue, Limete ist Tshisekedis Wohnort

 

Kani Kalonji ist ehemaliger Praktikant von MdEP Helmut Scholz im EU-Parlament und studiert BWL an der RWTH Aachen.

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