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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 363 | Gegen sexualisierte Gewalt Dany Laferrière: Die Kunst, einen Schwarzen zu lieben ohne zu ermüden

Dany Laferrière: Die Kunst, einen Schwarzen zu lieben ohne zu ermüden

Zwei arbeitslose Migranten leben Anfang der 1980er Jahre in einer Bruchbude im Montrealer Quartier Latin. Sie empfangen dort eine Reihe Frauen von der benachbarten Universität und kategorisieren sie nach Typen: Miz Literatur studiert Literaturwissenschaften, Miz Suizide wird von einem der beiden in Selbstmordfragen beraten. Die Frauen finden im Sex mit den Schwarzen »ihr Afrika, ihre Primitiven«.

Bouba schläft den ganzen Tag, ist vollkommen jazzverrückt und liest im Koran. Er hat nur einen Guru: »Allah ist groß und Freud sein Prophet«. Der Ich-Erzähler lässt sich von Boubas »Redeniagara in Irrsinnstempo, untermalt vom Surengesang im jazzigen Takt« wegspülen und schreibt einen Roman über das, was die beiden zusammen erleben. Es sind Memoiren aus der Sicht eines intellektuellen Underdogs.

Dany Laferrières Debütroman Die Kunst einen Schwarzen zu lieben, ohne zu ermüden erschien bereits 1985 im französischen Original. Anhand einer frechen Geschichte thematisiert er zeitlose Themen wie Migration, Rassismus (auch positiver), postkoloniale Machtverhältnisse sowie das Begehren zwischen Schwarz und Weiß. Vielleicht ist das der Grund, warum sich mehr als dreißig Jahre später der Wunderhorn Verlag dazu entschlossen hat, eine deutsche Übersetzung herauszubringen. Beate Thills feinsinnige Überführung von Laferrières Ironie ins Deutsche ist dabei ein Glücksgriff.

Den »Sexkrieg der Hautfarben« so schonungslos durchzuspielen und einen Roman voller (sexueller) Phantasien als postkoloniales Lehrstück zu inszenieren, ist sicherlich ein literarischer Spagat. Hochaktuell ist Laferrières Kritik in jedem Fall bis heute. So verhandelt der Ich-Erzähler ‚Rassen’konflikte über Sex in kolonialem Sprachduktus, spricht von Unterwerfung, Einverleibung und Sex als Rache für die koloniale Unterordnung – sprich als einzigem Mittel der jungen amerikanischen Schwarzen, an einer Welt teilzuhaben, die ihnen üblicherweise verwehrt bleibt. »Ich beschreibe keine unschuldige Sexualität, sondern eine Sexualität, die ein Instrument politischer, sozialer und wirtschaftlicher Macht ist«, erklärte der Autor 1997 in einem Interview.

Laferrière verhandelt Schwarze Identität nach der Négritude im Sinne von politischer und kultureller Selbstbestimmung. Die 1980er Jahre sind voller Rassismen, Kulturalismen und Stereotype über omnipotente Schwarze. Er ironisiert diese Klischees, indem er sie zum Teil bedient: »Wenn der Schwarze wenigstens Erdöl ejakulieren würde. Das schwarze Gold«. Oder »Schwarz vögeln heißt, anders vögeln. Amerika fickt gern anders. Die Rache der Blacks, im Bett mit dem schlechten Gewissen der Weißen, das gibt Nächte!«

Am Ende des Romans beendet auch der Schriftsteller im Buch sein Werk auf der alten Remington 22 wie im Rausch: Großbuchstaben werden zu Spinnen, »Konsonanten ficken und gebären unaufhörlich«, direkt vor seiner Nase. Tagsüber schreibt er, nachts träumt er davon, wie die Kritiker sich überschlagen vor Begeisterung und schreiben, dass sie nun endlich einen »echten amerikanischen Schwarzen« haben.

Der hemmungslosen Lust am Träumen in einem versifften Zimmer irgendwo in Montreal gab sich auch der 23-jährige Laferrière nach seiner Flucht vor dem diktatorischen Baby Doc-Regime in Haiti 1976 hin. Dieses Zimmer sollte zu seinem Land werden, »ein geträumtes und zugleich wirkliches«, wie er im Vorwort zur deutschen Ausgabe schreibt. Bereits sein Vater musste in den 1960ern aus Haiti vor dem Diktator Franois Duvalier alias Papa Doc fliehen. Dieser »Bestie« wollte er keinen Zutritt zu seinem Roman gewähren. Vielmehr sollte sein Debütroman zum »Land werden, in dem das nie enden wollende Fest des Alphabets gefeiert wird«. Dies gelingt ihm vortrefflich.

Rosaly Magg

 

Dany Laferrière: Die Kunst, einen Schwarzen zu lieben ohne zu ermüden. Wunderhorn Verlag, Heidelberg 2017. 140 Seiten, 19,80 Euro.

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