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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 363 | Gegen sexualisierte Gewalt »Die Sicht der Opfer ist kaum bekannt«

»Die Sicht der Opfer ist kaum bekannt«

Im August jährte sich das rassistische Pogrom von Rostock-Lichtenhagen zum 25. Mal. Unter anderem wurde dabei ein Wohnheim für ehemalige vietnamesische VertragsarbeiterInnen, das so genannte Sonnenblumenhaus, von einem vielköpfigen Mob in Brand gesteckt. Die Polizei sah tatenlos zu. Nur dank des entschlossenen Handelns der Eingeschlossenen und mit viel Glück kam niemand ums Leben. Der Theaterregisseur, Schauspieler, Schriftsteller und Sänger Dan Thy Nguyen spricht im Interview über das Vergessen der Perspektive der von Gewalt Betroffenen.

iz3w: Dan Thy, du hast bereits 2014 das Theaterstück »Das Sonnenblumenhaus« entwickelt, in dem die Überlebenden über ihre Gewalterfahrungen im August 1992, aber auch über ihre Kindheit im kriegsgeschüttelten Vietnam, ihr Leben als VertragsarbeiterInnen in der DDR und den Kampf um Anerkennung im vereinten Deutschland berichten. Wie bist du zu diesem Thema gekommen?

 

Dan Thy Nguyen: Mein Kollege Iraklis Panagiotopoulos und ich wollten eigentlich ein Theaterstück über menschlichen Wahnsinn machen. Wir hatten uns nicht vorgenommen, Rostock-Lichtenhagen 1992 zu bearbeiten. Durch eine Internetrecherche stießen wir auf die rassistischen Anschläge. Schnell zeigte sich, dass die Sicht der Opfer so gut wie nicht bekannt war. Stattdessen überall präsent waren die Sicht der TäterInnen und der Versuch zu erklären, warum Menschen zu potentiellen MörderInnen werden oder Lynchjustiz betreiben. Das steht in einem völligen Ungleichgewicht zu der Frage, was mit den betroffenen Menschen passiert ist. Warum ist das so? Warum will man die Täter verstehen, aber nicht die Opfer? Warum versucht man Gewalt zu vermenschlichen? Wir haben beschlossen, diesen Fragen nachzugehen.

 

Ist der Ausschluss von Opferperspektiven bei der Aufarbeitung ein Einzelfall?

Nein! Die wenigsten kennen auch nur zwei Namen der Opfer des NSU-Komplexes, aber alle kennen die TäterInnen. Bei den meisten rassistischen Pogromen, auch in Mölln, Solingen und Hoyerswerda, werden gesamtgesellschaftliche Aufarbeitungsprozesse nur von einigen wenigen AkteurInnen vorangetrieben. Die rassistische Gewalt wird zudem als Serie von Einzeltaten betrachtet und nie als zusammenhängender Komplex. Man versucht Singularität aufzuzeigen und so zu tun, als hätten die einzelnen Taten und auch Opfer und TäterInnen nichts miteinander zu tun. Das ist der rote Faden, der sich von den 1990ern bis heute durchzieht.

Auch wir konnten in dem Theaterstück die Opfer nur selektiv zu Wort kommen lassen. Genau wie im gesamtgesellschaftlichen Diskurs ist innerhalb der Opfer die Stimme der vietnamesischen VertragsarbeiterInnen deutlich privilegiert gegenüber der Stimme der Roma, die zusätzlich von Antiziganismus betroffen sind. Ihre Perspektive kennen wir nicht, was auch daran liegt, dass es viel schwieriger war, Kontakt zu dieser Community herzustellen.

 

Unter welchen Umständen können die vietnamesischen Opfer über die Gewalt sprechen, und was hindert sie daran?

Zuerst einmal war die Situation der vietnamesischen VertragsarbeiterInnen in den 1990er Jahren prekär. Das öffentliche Bild war das einer vietnamesischen Zigarettenmafia. Sie waren in den Augen der Meisten Kriminelle, Illegale. Die meisten der Opfer durften aufgrund der Rückführungsverträge gar nicht in Deutschland sein. Ein öffentlicher Auftritt hätte eine Abschiebung nach sich gezogen. Das hat sich erst 1997 auf der Bundesinnenministerkonferenz geändert. Dazu kam, dass die Menschen in der DDR nur so viel Deutsch lernen durften, wie es für die Arbeit notwendig war. Viele schämten sich, öffentlich zu sprechen, weil ihr Deutsch so schlecht war. Der strukturelle Rassismus in Deutschland hat sie daran gehindert, ihre Rechte einzufordern. Die ehemaligen Vertragsarbeitenden haben zudem sehr schlechte Erfahrungen mit weißen JournalistInnen gemacht. Ihre Aussagen wurden verfälscht, im falschen Kontext dargestellt oder man hat sie nicht beschützt, wenn sie nach den Interviews rechter Gewalt ausgesetzt waren, weil die Neonazis durch die Berichterstattung ihren Wohnort kannten.

In den 1990er Jahren gab es einige Betroffene, die sich geäußert haben. Aber nahezu alle sind sehr enttäuscht von der deutschen Gesellschaft und Politik und haben sich inzwischen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Aus Frustration, weil es immer noch keine Gerechtigkeit gibt.

 

Wie sähe denn Gerechtigkeit aus?

Es bedarf sowohl einer juristischen als auch einer politischen Aufarbeitung, insbesondere der Rolle von Polizei und Medien. Das wäre nur die Basis, um herauszufiltern, wie Gerechtigkeit aussehen könnte. Abgesehen davon wäre eine wissenschaftliche Aufarbeitung nötig. Da sind so viele Stränge, die man in einem Interview, in einem Theaterstück unmöglich alle fassen kann.

 

Wie wird mit der Erinnerung an das Pogrom in den Familien der Opfer umgegangen?

Ich habe eine junge Frau Anfang Zwanzig kennen gelernt, die im spanischen Fernsehen zufällig Aufnahmen davon sah, wie ihre Mutter sie über das Dach des Sonnenblumenhauses rettete. In ihrer Familie wurde nicht über die erfahrene Gewalt gesprochen. Andererseits geben Betroffene, die eine Form gefunden haben, in der Öffentlichkeit über ihre Geschichte zu sprechen, diese auch an die nächste Generation ihrer Familie weiter. Man muss beachten, dass diese Menschen nicht nur von dem Pogrom traumatisiert sind, sondern auch vom Umgang der Bundesrepublik mit ihnen und von der Vertragsarbeit in der DDR, die eine Form moderner Sklaverei war.

 

Gibt es eine doppelte Diskriminierung, die MigrantInnen aus der ehemaligen DDR in der heutigen weißen, westdeutsch dominierten Mehrheitsgesellschaft erfahren?

Ja. Die vietnamesische Community in Deutschland hat sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht, die vom Kalten Krieg bestimmt waren. In Westdeutschland angekommene VietnamesInnen wurden unbürokratisch aufgenommen, weil sie Feinde des Sozialismus waren. Die »Freunde des Sozialismus«, die in die DDR gekommen waren, wurden nach der Wiedervereinigung dagegen jahrelang kriminalisiert und illegalisiert. In der vietnamesischen Diaspora entstand eine massive soziale und kulturelle Spaltung, die erst langsam wieder überbrückt wird. Die VertragsarbeiterInnen hatten keine Chance auf Gleichberechtigung im vereinigten Deutschland.

Macht es für die Erinnerungskultur einen Unterschied, ob ein Pogrom in Ost- oder Westdeutschland stattfand?

Rassistische Gewalt gab es auch in Solingen und Mölln, aber am meisten empört wird sich über Rostock-Lichtenhagen und die Ostdeutschen. Letztendlich ist es westdeutsche Arroganz, die den Anschein erwecken will, dass der Rassismus aus Ostdeutschland kommt. Wie im Kalten Krieg kommt das Böse von drüben. Die Tatsache, dass die rechte Gewalt in Ostdeutschland massiv ist, darf aber nicht dazu benutzt werden, Westdeutschland so darzustellen, als sei es frei von Rassismus.

 

Was braucht es, um in Deutschland eine Erinnerungskultur zu rassistischer Gewalt aufzubauen?

Wichtig ist, in allen Teilen der Bevölkerung Interesse für das Geschehen zu wecken. Durch die aktuellen rassistischen Anschläge, die denen von damals ähneln, haben wir nun bedauerlicherweise die Chance, das Thema einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wir können eine kritische Masse erreichen. 2014, als wir Premiere hatten, hat sich keiner für unser Theaterstück über das Sonnenblumenhaus interessiert. In den letzten Jahren, nach Freital und durch die »Flüchtlingskrise«, war der Ansturm enorm. Wir freuen uns besonders über die Schulklassen.

Dazu braucht es Engagement auch von Seiten der Regierung. Es braucht Aufarbeitung nicht nur aus der linken, sondern gerade auch aus der konservativen Richtung. In der Polizei und in den Medien müsste selbstkritisch die eigene Rolle in den 1980er und 90er Jahren von Innen aufgearbeitet werden. Einzelne PolitikerInnen müssen zur Verantwortung gezogen werden. Zum Glück leben alle Betroffenen noch. Wir haben keine Chance mehr auf Gerechtigkeit, wenn sie alle gestorben sind.

 

Wie ist die Zusammenarbeit zwischen antirassistischen Initiativen und den Opfern oder Diasporaverbänden?

In Teilen der antirassistischen Szene existiert das Narrativ, dass durch das Eingreifen von linker Seite Schlimmeres verhindert worden sei. Aus Sicht der Opfer kam die Linke jedoch gar nicht vor. Nicht Linke haben Tote verhindert, sondern sie selbst. Sie berichten sogar davon, dass sie betrunkenen Linken helfen mussten, das Haus zu verlassen. Eine Selbstreflexion der Szene hat meiner Meinung nach nicht stattgefunden. Nach wie vor ist sie weiß geprägt und spricht über die Opfer statt mit ihnen. Es gibt kaum Kontakt zwischen antirassistischen Bündnissen und Opfern.

 

Wie schätzt du den Beitrag des Spielfilms »Wir sind jung, wir sind stark« für die Erinnerung an Rostock-Lichtenhagen ein?

Er betrachtet nur die TäterInnenperspektive. Zudem kann er keine historische Realität erklären und begeht in Teilen Geschichtsverfälschung. Das Problem ist, dass es der einzige Film zu dem Thema ist. Es wird so getan, als könne dieser Film alle Fragen beantworten. Dabei verfolgt er nur wenige Menschen, aber es gab hunderte Neonazis und tausende Applaudierende. Das Problem der aktuellen Aufarbeitungskultur zeigt sich darin, dass man zu viel in den Film hinein projiziert.

 

 

Dan Thy Nguyen ist freier Theaterregisseur, Schauspieler, Schriftsteller und Sänger in Hamburg. Neben dem preisgekrönten Theaterstück »Sonnenblumenhaus« tourt er mit dem Stück »Denken Was Tomorrow« durch Deutschland, das die Fluchtgeschichte seiner eigenen Familie als Boat People thematisiert. Das Interview führte Emilia Henkel.

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