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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 363 | Gegen sexualisierte Gewalt Hisham Matar: Die Rückkehr

Hisham Matar: Die Rückkehr

Hisham Matar ist seit vielen Jahren auf der Suche nach Spuren seines Vaters Jaballa Matar. Dieser war als einflussreicher libyscher Oppositioneller 1990 vom libyschen Geheimdienst aus dem Exil in Kairo entführt und in die Folterkeller des berüchtigten Abu-Salim-Gefängnisses verschleppt worden. Aus der Gefangenschaft herausgeschmuggelte Briefe hatten der Familie anfangs Hoffnung gemacht, den Vater bald wiedersehen zu können. Doch mit dem Ausbleiben weiterer Mitteilungen verlor sich jede Spur.

Erst nach dem Sturz und Tod Gaddafis bricht Hisham Matar mit seiner Mutter und seiner Frau nach Libyen auf, um zu finden, was ihm aus dem Exil trotz vieler Anläufe nicht gelungen war: Konkrete Hinweise, die das Schicksal seines Vaters aufzuklären helfen.

Die erste falsche Fährte, die dieses Buch legt, ist sein Titel: Die Rückkehr handelt von vielem, kaum aber von einer Rückkehr. Hisham Matar mäandriert durch Raum und Zeit, als ihn die neuen Möglichkeiten, die der Arabische Frühling eröffnet, vor neue Probleme stellen: »An jenem kalten Oktoberabend in New York begann ich sowohl an meiner Fähigkeit zu zweifeln, nach Libyen zurückzukehren, als auch an meinem Willen, es nicht zu tun.« Matar macht sich wenig später dennoch auf den Weg, eine Rückkehr aber wird diese Reise nicht. Das Wiedersehen mit Familienangehörigen und Freunden und die Erinnerungen an Gerüche, Licht und Geräusche vermitteln ihm zwar ein flüchtiges Gefühl von Heimat, doch das Fremdsein überwiegt nach Jahrzehnten des Exils in Ägypten, Europa und den USA.

Matar ist eigentlich auch nicht auf der Suche nach seinem verlorenen Vater, wie es im Untertitel heißt. Er sucht nach Spuren, aber er glaubt nicht mehr daran, ihn lebend zu finden. Er lässt sich treiben, wird gar zum Getriebenen. »Nicht zu wissen, wann mein Vater zu existieren aufhörte, hat die Grenze zwischen Leben und Tod weiter kompliziert. (...) Der Körper meines Vaters ist nicht mehr da, aber sein Raum existiert noch und wird von etwas eingenommen, das nicht nur Erinnerung genannt werden kann. Er lebt und ist Teil des Jetzt.« Mit der Reise betritt er diesen väterlichen Raum. Matar kramt nach Erinnerungen, nicht um ihrer selbst willen, sondern um seinem Vater nah zu sein. Er macht zeitliche Sprünge von der Kindheit in die Gegenwart, vom Leben im Exil in Kairo bis zu Italienreisen seiner Kindheit.

So entsteht eine literarische Reise. Das Buch bewegt sich dabei zwischen erzählerischen, zuweilen fast lyrischen Passagen und dokumentarisch-sachlichen Beschreibungen, zwischen Biografie (des Vaters) und Autobiografie, zwischen historischem Reisebericht und Protokollieren von Zeugenaussagen. »Die Rückkehr« ist in keiner Hinsicht zu fassen. Oder: Es macht in jeder Hinsicht fassungslos. Fassungslos über die Brutalität des Gaddafi-Regimes, das Libyen von 1969 bis 2011 beherrschte, über dessen skrupellose Wirtschaftspartner im westlichen Ausland und nicht zuletzt über die internationale Anhängerschaft Gaddafis, die teils bis zuletzt das »Grüne Buch« des Diktators als politische Theorie eines dritten Weges feierte.

Matar, bekannt geworden durch eine fast poetische Erzählweise in seinen früheren Romanen, wird im Stil umso rationaler, je näher er seinem Vater und dessen Geschichte kommt. Die Beschreibungen des alltäglichen Terrors, der gezielten Erniedrigungen und brutalen Folter bleiben meist distanziert. Wenn jedoch ein konkreter Hinweis, ein Zeuge oder auch nur ein Gerücht auftaucht, die das Schicksal seines Vaters aufzuklären versprechen, wird deutlich, wie sehr den Erzähler die Ungewissheiten plagen. Als er im März 2012 einen ehemaligen Abu-Salim-Gefangenen trifft, der sich an seinen Vater zu erinnern glaubt, dessen Schicksal aber auch nicht aufzuklären vermag, spürt man in den Worten des Sohnes geradezu die Verzweiflung. »Der Mann war der Einzige gewesen, der meinen Vater nach dem Massaker 1996 in Abu Salim gesehen hatte. Alles, was darauf aufbaute, der Bericht von Human Rights Watch, unsere Kampagne, die Verhandlungen mit Saif al-Islam, all das schien mit einem Mal leer und sinnlos, ein grausamer Witz. Eine Welle der Erschöpfung erfasste mich, und ich wünschte, weinen zu können. Ich spürte das alte, finstere Eingeständnis, dass Vater bei dem Massaker getötet worden war; und hieß das Gefühl willkommen, nicht nur weil es vertraut war, nicht nur weil Gewissheit besser als Hoffnung ist, sondern auch weil mir der Gedanke, dass er nicht allein sterben musste, schon immer lieber gewesen ist.«

Doch auch dieses Gefühl wird nicht zur Gewissheit. Das Schicksal seines Vaters bleibt unaufgeklärt. Hatte er mit dem Arabischen Frühling noch die Hoffnung verbunden, mithilfe ehemaliger Mitgefangener oder Gefängniswärter könnte die Wahrheit doch noch ans Licht kommen, muss sich Matar schließlich eingestehen, dass sie ihm wohl für immer verborgen bleiben wird. Und auch sein erster Eindruck, in Libyen werde nach Jahren des Terrors endlich eine freie Gesellschaftsordnung entstehen können, die eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ermöglichte, weicht mit dem Erstarken islamistischer Gruppen schnell wieder. Libyen ist für Matar ein Land aussichtsloser Kämpfe, die sein Großvater gegen die italienischen Besatzer und sein Vater gegen das Gaddafi-Regime geführt haben – und die er nicht fortführen will.

»Die Rückkehr« endet trotz alledem nicht ohne Hoffnung. Hisham Matars Onkel Mahmoud, der 21 Jahre der Gaddafi-Herrschaft in Haft verbracht hatte, zeigt ihm am Ende des Romans einen alten Kissenbezug. »Beide Seiten waren mit Schrift bedeckt. (…) Es waren durch dünne Linien voneinander abgetrennte Gedichte und Briefe, die er über mehrere Jahre hinweg und an seine Kinder geschrieben hatte. (...) ‚Das ist alles, was ich aus all den Jahren habe bewahren können’, sagte Onkel Mahmoud. ‚Möglicherweise sind es die einzigen überlebenden Stücke Literatur aus all den zahllosen Bänden, die im Gefängnis Abu Salim geschrieben wurden’, sagte er und lachte.«

Stephan Günther

Hisham Matar: Die Rückkehr. Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater. Aus dem Englischen von W. Löcher-Lawrence. Luchterhand Verlag, München 2017. 288 Seiten, 20 Euro.

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