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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 364 | 1968 international »Do You Know Who I Am?«

»Do You Know Who I Am?«

Seit vor rund zwanzig Jahren der sogenannte Balkanhype losbrach, gewann die Musik von Rom*nja deutlich an Präsenz. Unter dem Ballast der Stereotype, die vom Musikbusiness und dem Publikum gefeiert werden, ist jedoch kaum Platz für die Wahrnehmung realer Rom*nja und Sint*ezze und ihre politischen Anliegen.

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Rom*nja-Musiker*innen wenden sich gegen Exotisierung

von Antje Meichsner

 

Bereits seit den 1990er Jahren ist Musik von Rom_nja im Musikbusiness Mitteleuropas sehr präsent. Sichtbare Motoren in den letzten Jahren waren z.B. die Filme von Emir Kusturica mit der Filmmusik von Goran Bregović, die Aktivitäten der Labels Asphalt Tango Records und Crammed Disks sowie die Aktivitäten von DJ Shantel, Madonna und weiteren Nicht-Rom_nja.

Weniger sichtbar im Balkanhype sind reale Rom_nja und Sint_ezze. Sie werden in vielen – wenn auch nicht in allen – Kulturprodukten dieses Hypes romantisiert und exotisiert. Das hat seit etwa 200 Jahren in der europäischen Kulturgeschichte der Mehrheitsgesellschaft Tradition. Die neuere Popkultur setzt diese Tradition fort und modernisiert sie. Die Styles wandeln sich, Stereotype und Diskriminierung bleiben.

Das Zusammenspiel von Publikumserwartung und vermeintlichen Zwängen des Musikbusiness im Kapitalismus befördern diesen Exotismus. Die Öffentlichkeitsarbeit der Musiklabels verkauft mit der Musik Identitätsangebote, Märchen und Hipness. Die Arbeit der Romani Musiker_innen wird romantisiert und romaisiert. In diesem Sinn halten Labels sogar auch Musiker_innen an, sich selbst zu ethnisieren oder zumindest, sich stereotypen Erwartungen des Publikums anzupassen. Denn das verkauft sich gut.

Durch diese Praxen entsteht seit den 1990er Jahren der Eindruck einer gemeinsamen Roma-Musikkultur, die es zuvor in der Art gar nicht gab. Sie ist erst durch internationale kollaborative Musikprojekte im Entstehen. In ihrer 800 Jahre währenden Anwesenheit in Europa haben sich Romani Musiker_innen hauptsächlich mit der Musik ihres direkten Umfelds beschäftigt, nicht mit der Musik von Rom_nja aus anderen geografischen Gegenden. Genauso, wie es nicht zwangsläufig eine gemeinsame ethnische Identität als Rom_nja gibt, gibt es auch keine gemeinsame traditionelle Roma-Musikkultur. Erst seit den 1990er Jahren wird durch gemeinsame Touren, Festivals und Compilationprojekte unter dem Label World Music eine allgemeine „Roma-Musik“ konstruiert. Gemeinsamer Nenner und Handlungsgrundlage für kollektives Musizieren und Jammen ist dabei allerdings das improvisatorische Können als professionelle Musiker_innen – nicht die Ethnie und auch nicht die Tatsache, dass sie unter demselben Label ethnisiert oder diskriminiert werden.1

 

Das Publikum

Jeder Hype ist nur mit dem dazu passenden Publikum möglich. Auf welche Gefühlslagen, welche Bedürfnisse trifft (ethnisierte) Musik von Rom_nja? Ist es das Bedürfnis nach Traditionalität und Heimatverbundenheit, nach „identitätsstiftende[n] Momente[n], die den nationalistischen Aspekt von Heimat überwinden“, wie DJ Shantel sagt?2 DJ Shantel und Robert Soko sind Akteure einer Szene in deutschen Großstädten, die sich in den 1990er Jahren zum großen Teil durch Geflüchtete der Jugoslawienkriege formiert hat. Sie versuchten mittels Roma-Musik ihre Heimat Jugoslawien, die damals in diverse Nationalismen zerfiel, für sich emotional zu „rekonstruieren“. Dabei waren sie im jugoslawischen Sinn antinationalistisch motiviert, die Musik der Rom_nja symbolisierte für sie den verlorengegangenen Staat ihrer Kindheit – eine Projektion. Währenddessen wurden reale Rom_nja zwischen den Fronten dieses Krieges zerrieben. Nationalist_innen aller Lager töteten oder vertrieben sie, weil sie angeblich auf der jeweils feindlichen Seite stünden.

Bald zog die Szene in den deutschen Großstädten massiv Menschen deutscher Herkunft an. Warum? „Die Musik klingt volkstümlich, zugleich aber wild, authentisch und unberechenbar, also keine kitschige Folklore, kein gemütliches Schunkeln, sondern hoch das Bein und vor allem auch die Tassen.“3 Sind es das Unbehagen an der bürgerlichen Gesellschaft, Gefühlskälte, Entfremdung und die „Sachzwänge“ des Neoliberalismus, die das Publikum die Sehnsucht nach expressiver Emotionalität auf Roma-Musiker_innen projizieren lassen? Ist es das Arbeitsethos der bürgerlichen Gesellschaft mit seinen Zwängen, die bewirken, dass das Publikum „kindliche, unschuldige Freiheit“, Zwanglosigkeit und „magische künstlerische Kreativität“ in alle Rom_nja und ihre Musikpraxen hineinimaginiert?4 Im Club eignet sich das Publikum symbolhaft vermeintliche kulturelle Ausdrucksweisen von Rom_nja wie wildes Tanzen und offenherzige Kleidung an. Solcherlei romantisierende und strukturell antiromaistische Projektionen auf Rom_nja, von Nina Stoffers 2011 als „Gypsymania!“bezeichnet, haben nichts mit deren Lebensrealität zu tun.

Das Publikum hat im besten Fall Interesse an der Musik, die von Rom_nja gespielt wird, und sicherlich auch am Wohlergehen der Musiker_innen, die sie auf der Bühne bewundern. Wo ist dann das Problem? Das Publikum kann sich während des Musikkonsums in der Illusion wähnen, tolerant, interessiert, irgendwie politisch oder gar anti-rassistisch zu sein, und gleichzeitig rein gar nichts über real existierende Rom_nja und den virulenten europaweiten Antiromaismus wissen. Im schlimmsten Fall möchte das Publikum die gleichen Rom_nja, die es auf der Bühne bewundert, nicht als Nachbar_innen haben. Ein erheblicher Teil der deutschen Bevölkerung nimmt Sint_ezze und Rom_nja nicht als gleichberechtigte Mitbürger_innen wahr.5

Der Antiromaismus in Europa hat sich seit den 1990er Jahren brutal verschärft. Die Praxen romantischer Ethnisierung von Rom_nja in der Musikindustrie führen nicht dazu, dass das Publikum die (zunehmende) Brutalität und die damit verbundenen Probleme und ausgrenzenden Strukturen wahrnimmt.

 

Gegen Sexualisierung und Exotisierung

International wahrgenommene Akteure wie DJ Shantel oder Goran Bregović sind nicht in der Lage, die Anliegen, Geschichte(n) und Traumata der Marginalisierten zu transportieren. Sie kolportieren oft nur die üblichen antiromaistischen Stereotype.

Besonders zynisch geschieht dies bei der Exotisierung und Sexualisierung von Frauen. Versklavte Roma-Frauen im Rumänien des 19. Jahrhunderts waren den Vergewaltigungen ihrer Besitzer hilflos ausgeliefert. Um sich ihre Verbrechen moralisch zurechtzubiegen, konstruierten sich die Herrschenden das Bild von der freizügigen Romni, die aufreizend sowie enthemmt sei und Männer teilentblößt verführt habe. Diese Unterstellungen stehen nicht nur im Widerspruch zum Verhalten realer Romnja, sie sind sogar „undenkbar für eine traditionelle Romni.“6 Das stereotype Bild fand massiv Verwendung in Literatur, Musik, Oper, Malerei und Fotografie der Mehrheitsgesellschaft in ganz Europa.

Die exotisierte und sexualisierte Konstruktion der Romni passte schon damals in die Marketingstrategien „sex sells / exoticism sells“. Die Sängerin und Nicht-Romni Shakira z. B. hat sie im Video zu ihrem Song Gypsy erfolgreich angewendet. Dort verführt sie – nur mit transparenten Bändern bekleidet – einen jungen Mann, "'cause I'm a Gypsy".

An diesen Stereotypen werden wiederum reale Rom_nja und Sinte_zze „gemessen“: Die Jazzmusikerin Dotschy Reinhardt wurde nach einem Konzert damit konfrontiert, sie sei keine richtige Sintezza, weil diese im Gegensatz zu ihr „lange Kleider, Stirnbänder, große Ohrringe, bauchfreie Kleidung“ trügen und „verwegen, wild, sexy, geheimnisvoll“ seien. Dotschy Reinhardt sagt über solche Anwürfe: „ ... diese wilde Verwegenheit, dieses Feurige, das ist angedichtet.“7 Wenn sich Shakira mit den genannten Markern ein heißblütiges und ungezähmtes Image bastelt, dann trägt sie zur Verstetigung der antiromaistischen und sexistischen Diffamierungen von Rom_nja bei.
Dotschy Reinhard ist Jazz- und Bossanova-Musikerin, schreibt Songs in Romanes und hat mittlerweile mehre Alben und zwei Bücher veröffentlicht. Darin erzählt sie von Begegnungen mit Menschen in Musikwelt, Mode und Film und setzt ihre konkrete Lebensrealität gegen stereotype Verklärungen. Sie ist seit 2016 Vorsitzende von RomnoKher, des Landesrats der Roma und Sinti in Berlin-Brandenburg.

 

Die Avantgardistin

Eine Musikerin, die sich diesen Stereotypen von vornherein erfolgreich entzogen hat, ist Esma Redžepova. Sie war seit den 1960er Jahren bis zu ihrem Tod 2016 als Musikerin tätig. Sie setzte sich mit dem starken Willen durch, Sängerin und Musikerin zu werden – eine Eigenschaft übrigens, die sie mit den wenigen Frauen teilte, die in dieser Zeit in der westlichen Popkultur aktiv waren. Im Jugoslawien der 1960er Jahre galt es als unehrenhaft, dass Romnja öffentlich, d. h. in Cafés (Kafanas) und Nachtclubs, für Kleingeld musizieren. Frauen musizierten traditionell sonst nur in reinen Frauenkontexten, z. B. bei Hochzeiten im Raum der Braut. Esmas Eltern wollten, dass sie jung heiratet, aber sie verweigerte sich der arrangierten Ehe. Der Musiker Stevo Teodosievski – ihr Mitmusiker, Manager und späterer Ehemann – konnte die Eltern überzeugen: Esma und er praktizierten Musik als Kunstform, als professionelle Bühnenmusik, und schufen damit eine komplett neue Sphäre für Musik von Rom_nja in der Öffentlichkeit, die frei vom Stigma der „Caféhaus-Sängerin“ und ihrer Dienstleistungsmusik war.

Esma Redžepova hat damit eine große Bedeutung als Vorreiterin und Vorbild für viele Rom_nja, die später formale musikalische Ausbildungen, auch an Hochschulen, genossen und als Musiker_innen tätig waren. Sie war in Jugoslawien die erste Romni und Musikerin, die in Romanes sang, Platten veröffentlichte, im Fernsehen auftrat und auch bei Nicht-Rom_nja kommerziellen Erfolg hatte.

Trotz ihrer Avantgardistinnenrolle begriff sich Esma Redžepova selbst als traditionelle Romni. Sie war die erste, die im Fernsehen den traditionellen Dimije (bzw. Šalvari, sehr weite geraffte Frauenhosen) trug, dieser ist jedoch aus modernen Stoffen gefertigt und begleitet von modernen Accessoires sowie selbst gestalteten Kopfbedeckungen. Im Video von Romano Horo tanzt sie im Minikleid den Twist, ihre Band trägt schwarze Rollkragenpullover, und auch stilistisch schließt das Ansambl Teodosievski in diesem Stück an Northern Soul, Rhythm and Blues und die Beatmusik der 1960er Jahre an. In der gleichen Session wurde das Video zu Čhaje Šukarije (von Esma Redžepova und Medo Čun) produziert, dort sieht man sie wiederum im traditionellen Dimije. Sorgsam entwickelte Esma ihre Bühnen-Persona: Sie performte immer in Kleidung, die von Öffentlichkeit und Publikum als angemessen und dezent betrachtet wurde – ebenso wie ihre Art zu tanzen. Ihr Auftreten steht damit dem romantisierten und sexualisierten Zerrbild entgegen, das in Europa über Jahrhunderte von „der Romni“ konstruiert wurde. Indem sie ihr Image sorgfältig selbst bestimmt, und indem sie die Kontexte ihrer Arbeit kontrolliert, entzog sie sich aktiv von vornherein antiromaistisch-sexistischen Zuschreibungen.

Eine weitere Zuschreibung an Roma-Musiker_innen ist die des orientalisierenden und exotisierenden Othering. Esma vertritt vehement ihre Verwendung des Synthesizers, auch wenn das der Vorstellung des westlichen World-Music-Publikums von „reiner, authentischer“ Roma-Musik widerspricht. Für sie bedeutet „authentisch“ und „traditionell“ ganz klar, dass sie ihre Musik mit modernen Instrumenten spielt und mit Innovationen anreichert. Esma sang und singt in allen Sprachen Jugoslawiens sowie in Griechisch, Türkisch, Hebräisch und Hindi, sie stellte klar: Sie ist als Weltbürgerin in mehreren Sphären zu Hause.

Esma Redžepova sang Djelem, djelem, die Hymne der internationalen Roma-Bewegung. Die Initiative für diese internationale Bürgerrechtsbewegung ging in großen Teilen von jugoslawischen Rom_nja aus, die in den 1970er Jahren relativ gute Bedingungen hatten, sich zu politisieren. 1971 fand der erste internationale Roma-Kongress der Romani Ekhipe in London statt. Rom_nja verschiedener Untergruppen und geografischer Herkünfte fingen an, über Staatsgrenzen hinweg zusammen gegen ihre Diskriminierung zu kämpfen. Beim zweiten Kongress 1978 in Genf wurde die International Roma Union gegründet, die für die weltweite Anerkennung der Rom_nja als ethnische Minderheit kämpft. Djelem, djelem wurde dort zur Hymne der Bewegung gewählt. Dafür hatte der Rom und Chansonnier Žarko Jovanović einen neuen, politischen Text auf die Melodie dieses traditionellen Liedes verfasst, der den Porajmos, insbesondere die Vertreibung und Ermordung der Rom_nja durch die Schwarze Legion beschreibt, kroatische Ustascha-Faschisten.

 

Häns'che Weiß und Duo Z für Bürgerrechte

Dotschy Reinhard hat wichtige Vorläufer. Das Publikum, das in deutschen Großstädten zum Balkanhype das Tanzbein schwingt, ahnt meist nicht, dass deutsche Sint_ezze eine umfangreiche Musiktradition haben. Sint_ezze verschlossen sich nach dem Porrajmos (Genozid an den Sint_ezze und Rom_nja) vor der deutschen Mehrheitsgesellschaft. In dieser Zeit tradierten sie den Sinti-Jazz, so wie er von Django Reinhardt und Stephane Grappelli in den 1930er Jahren entwickelt wurde. 1967 trat der Geiger Schnuckenack Reinhardt mit seiner 16-köpfigen Gruppe an das Licht und erstaunte die Öffentlichkeit der BRD. Daraufhin folgten eine ganze Reihe Compilations, Alben, Konzerte, Festivals und soziokulturelle Begegnungsveranstaltungen von und mit Sinti-Musiker_innen ab Ende der 1970er Jahre. Gleichzeitig forderten die Sint_ezze und Rom_nja in der BRD ihre Rechte ein, ihre Bürgerrechtsbewegung erstarkte. Mit Lass Maro Tschatschepen (dt. lasst uns unser Recht fordern) rief 1977 das Häns’che Weiss Quintett die Mitglieder der Sinti-Community auf. Das Praktizieren und Konsumieren von Sinti-Swing spielte dabei eine wichtige Rolle als Element kultureller Identität und politischer Strategie.

Die Liedermacher Rudko Kawczynski und Tornado Rosenberg texteten als Duo Z seit den 1970er Jahren programmatisch und offensiv über den Rassismus gegen Rom_nja und Sint_ezze. Rudko Kawczynski gab Ende der 1980er Jahre seine Tätigkeit als Musiker auf, um als Politiker zu kandidieren und sich ganz dem Roma-Aktivismus zu widmen. 1989/90 war er aktiv beim Kampf der Rom_nja gegen ihre Abschiebung aus der BRD.

In der DDR gründete Hans Lauenberger 1985 die Band Sinti-Swing-Berlin. Die Band erfreute sich großer Beliebtheit beim Publikum, wurde zur Kultband und konnte 1987 sogar ein Album beim Staats-Label Amiga veröffentlichen. Dennoch erlitt der Sohn Janko, der nicht Django heißen durfte, in der Schule massive rassistische Übergriffe. Anschließend wurde er – nicht die Täter – in ein Heim für Schwererziehbare eingesperrt. Die Bürgerrechtler_innen Reimar und Hannelore Gilsenbach intervenierten bei der Bildungsministerin Margot Honecker und appellierten an das antifaschistische Selbstverständnis der DDR – immerhin handelte es sich bei Janko um einen Enkel von Überlebenden des Porrajmos. Erst nach einem halben Jahr wurde er wieder nach Hause entlassen. Heute spielt er sowohl Sinti-Jazz als auch moderne Formen des Jazz.8

Esma Redžepova ist nicht die Einzige. In ihrer Generation und unter jüngeren Leuten gibt es viele Rom_nja, die sich als solche in der Öffentlichkeit positionieren und politisch für die Rechte von Rom_nja einstehen und kämpfen.

 

Politische Bezugspunkte

Die tschechische Musikerin Věra Bílá singt in Begleitung ihrer Band Kale und spielt auch Gitarre, Klavier, Zimbal, Schlagzeug und Akkordeon, allerdings nicht in der Öffentlichkeit, denn dafür hat sie ihre Band. Erst im Alter von 45 Jahren, 1995, ging sie mit dem selbst komponierten und getexteten Album Rompop an die Öffentlichkeit. Sie lieferte damit das Stichwort für ein ganzes Genre, das teils schon seit den 1980er Jahren in der ČSSR, später in Tschechien praktiziert wurde – Popmusik in Romanes.

Die österreichische Lovarica Ruža Nikolić-Lakatos sang seit ihrer Kindheit im privaten Umfeld auf Familienfesten. Auf Anregung einer Musikethnologin performte Ruža mit ihrem Mann Mišo Nikolić erstmals vor einem Nicht-Roma-Publikum, was großes Interesse an den traditionellen Lovara-Liedern und an Ruža als Musikerin nach sich zog. Folgend komponierte und textete sie – wie auch die bildende Künstlerin Ceija Stoijka – neve Gjila. Das sind nicht-traditionelle neue Lieder, nämlich Chansons. Seit Mitte der 1990er Jahre veröffentlicht sie Alben und tourt mit ihrer Band Ruža Nikolić-Lakatos and The Gypsy Family weltweit. Ihr Mann nennt sie „Botschafterin“, weil durch ihre Öffnung und ihre Musik Interesse und Verständnis für die Rom_nja in der Mehrheitsgesellschaft entstanden sind.

Marianne Rosenberg ist Schlagersängerin seit ihrem 14. Lebensjahr, seit den 1960er Jahren. Sie wurde in dieser Zeit mit ihrer Arbeit Hauptverdienerin ihrer Familie, die so der Armut entkam. Marianne Rosenberg verbarg auf den Rat ihres Vaters, dass sie Sintezza ist. Er war Überlebender des Porrajmos. Erst Anfang der 1990er Jahre bekannte sie sich dazu, nachdem ihr Vater in den Vorstand des Zentralrats der Sinti und Roma gewählt wurde. Sie veröffentlichte 2006 ihre Autobiografie „Kokolores“.9

Lavinia Răducanu ist Sängerin, Musikerin und Musikpädagogin in Rumänien. Sie beherrscht ein breites musikalisches Spektrum und performt eine moderne Synthese aus Folk, Manouche-Swing und Bossanova, die auch Ethno Jazz genannt wird. Răducanu positioniert sich in der rumänischen Öffentlichkeit als Romni – auch, um sich als Musikerin dem Antiromaismus der rumänischen Gesellschaft entgegenzustellen. In ihrer Musikschule in Timişoara müssen sozial benachteiligte Kinder für ihre Ausbildung nicht zahlen. Ihrer eigenen Community ist sie suspekt, weil sie Roma-Bräuche abgelegt hat: Sie setzt sich gegen das Verheiraten von sehr jungen Mädchen und für Bildung ein.

Dragan Ristić und seine Band Kal machen seit 1996 Ethno-Rockabilly (oder „Rock’n’Roma“). Die Band lebt in Serbien. Dragan Ristić setzt sich als Roma-Aktivist dafür ein, dass Rom_nja am modernen Leben teilnehmen können. Er ist beteiligt an den Kampagnen Do You Know Who I Am? und Yes, That’s Me, die gegen Vorurteile kämpfen, die ‚junge‘ Roma-Kultur der Mehrheitsgesellschaft vermitteln sowie Rom_nja und Nicht-Rom_nja einander näher bringen wollen – mit Fotoausstellungen, Konzerten, Kino und Diskussionen. Dragan Ristić ist außerdem Autor, Schauspieler und Produzent für Theater und Film. Zusammen mit seinem Bruder Dušan Ristić gründete er 2001 die Amala-Schule für Roma-Kultur in Valjevo in Serbien.

 

Romology

Dragan Ristić kritisiert immer wieder Akteure wie Goran Bregović dafür, dass sie behaupten, Autor_in von Liedern zu sein, deren Autorschaft konkrete Roma-Musiker_innen für sich beanspruchen. Er spricht damit eine strukturelle Ungleichheit an – auch im Hinblick auf das Sampeln von Romamusik in elektronischen Adaptionen: „Den Roma-Musikern fehlt es leider oft an Bildung und dem richtigen Wissen, sich selbst und ihre Kultur zu promoten und sich im Musik-Business richtig zu positionieren.“10 Auf ihrem Album Romology und mit dem Track Gadzo DJ reflektieren Kal das musikwirtschaftliche Missverhältnis.

Die Wiener Feministinnen Sandra Selimović und Simonida Selimović treten unter dem Namen Mindj Panther als Rapperinnen auf. Der Bandname ist eine Kombination aus Black Panther und der indirekten Übertragung des Begriffs Pussy Riot ins Romanes. Sie engagieren sich mit ihrer Musik und auch sonst gegen Rassismus und Kapitalismus, rufen die Wiener Roma-Community dazu auf, keine rechten Parteien zu wählen und setzen Statements gegen das Bettelverbot in Wien. Die Mitglieder von Mindj Panther sind in der feministischen Gruppe IniRromnja aktiv und arbeiten hauptsächlich als Theatermacherinnen. Im Herbst 2017 hatte das Stück „Roma Armee“ am Berliner Gorki-Theater Premiere, in dem beide federführend mitwirken.

Gipsy Mafia gehören zur jüngeren Rap-Generation in Serbien. Die Gruppe existiert seit 2006. Die beiden MCs sind die Brüder Skill und Buddy, die als Kinder mit ihrer Familie nach Deutschland kamen und nach einigen Jahren abgeschoben wurden. Die Feministin DJ Koki begleitet die beiden MC's an den Turntables. Gipsy Mafia positionieren sich in ihren Texten als Roma-Aktivist_innen und Anarchist_innen. Sie treten nicht nur in Clubs sondern auch auf antirassistischen Demonstrationen auf.11

Das ist nur eine kleine Auswahl an Musiker_innen. Viele mehr treten öffentlich als Rom_nja auf, „ohne die eigene Identität zu verleugnen.“12 Damit sind auch sie medienwirksame role models – nicht nur zur Überraschung oder Unterhaltung der Mehrheitsgesellschaft sondern vor allem zum Empowerment der Leute in den Communities.

 

Antje Meichsner hat Ende der 1990er Fanfare Ciocărlia in Indie-Clubs erlebt. Sie ist in der Gruppe »Gegen Antiromaismus« aktiv, produziert die Sendereihe »Radio RomaRespekt« und gab 2016 zusammen mit Kathrin Krahl den Sammelband »Viele Kämpfe und vielleicht einige Siege« heraus.

 

1 Carol Silverman: Romani Routes. New York 2012.

2 Steffen Greiner: Citizens of Planet Paprika. Shantel, Kusturica und die Haltbarkeit linker „ZigeunerInnenromantik“, in: Hinterland, Heft der Flüchtlingsräte, 13/2010, S. 56–59.

3 Susanne Gupta: Balkan-Beats und Gypsy-Mania, in: Website des Goethe-Instituts, April 2012.

4 Rolf Cantzen: Die Inszenierung des Fremden. Antiziganismus in der sozialwissenschaftlichen Forschung. Mit Prof. Dr. Iman Attia, Prof. Dr. Klaus-Michael Bogdal, Dr. Elizabeta Jonuz und Prof. Dr. Wolfgang Wippermann. Deutschlandradio Kultur, 15. November 2012.

5 Antidiskriminierungsstelle des Bundes: Zwischen Gleichgültigkeit und Ablehnung – Bevölkerungseinstellungen gegenüber Sinti und Roma, Berlin 2014.

6 Esther Quicker: Von Mitmenschen, Sklaven, Affen und Trotteln. Historische Wurzeln des „Zigeuner“-Bilds in Rumänien. In: Nevipe. Nachrichten und Beiträge aus dem Rom e. V., Heft 5 / 2012, S. 8–10.

7 Dotschy Reinhardt in einem Beitrag des Bayrischen Rundfunk.

8 Vgl. Janko Lauenberger, in: Andreas Kuno Richter und Tom Franke. Djangos Lied. Dokumentarfilm.

9 Vgl. Benjamin von Brackel: Für den Vater. In: Der Freitag, 24. Oktober 2012.

10 Robert Lippuner: „Alle Songs sind meine Kinder!“ Interview mit Dragan Ristić. In: Gypsy Music Network, 23. Juni 2015, S. 1.

11 Gipsy Mafia in Berlin zum Romaday, Radiobeitrag, in: Rroma Info Radio, April 2015, https://soundcloud.com/rroma-info-radio/gipsy-mafia-in-berlin-zum-romaday.

12 Vgl. Susanne Gupta: Balkan-Beats und Gypsy-Mania.

364 | 1968 international
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