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Sklaverei - Gewandelt und nicht abgeschafft

Die Moderne Sklaverei ist weiterhin verbreitet. Fernsehbilder von einer Sklavenauktion in Libyen schockierten um die Jahreswende die Öffentlichkeit. Das Ereignis ist jedoch nicht einzigartig. Etwa 45 Millionen Menschen sind heute weltweit von Sklaverei betroffen, insbesondere von Zwangsarbeit und Zwangsprostitution.

von Oliver Schulten

Durch Recherchen des Fernsehsenders CNN wurde Ende 2017 bekannt, dass in der Nähe von Tripolis (Libyen) afrikanische Männer bei Sklavenauktionen verkauft wurden. Für 400 US-Dollar konnten sie zur Arbeit auf libyschen Plantagen erstanden werden. Der Bericht sorgte für internationale Proteste, vor allem in den USA. Auch in Europa gingen tausende Menschen auf die Straße, um gegen diese aktuelle Form der Sklaverei zu protestieren.

Mit den Berichten gelangte ein vielfach ignoriertes Thema an die Öffentlichkeit. Zu Unrecht gilt Sklaverei als eine Praxis aus vergangenen Epochen. Dass die Sklaverei in Ländern der arabischsprachigen Welt und dem Persischen Golf (Kuwait, Katar, Jemen, Saudi-Arabien, Oman) teils noch bis in die 1970er Jahre legal war und in Mauretanien erst 1981 per Gesetz verboten wurde, ist kaum bekannt. Aktuelle Untersuchungen wie die des Global Slavery Index (GSI) belegen, dass Sklaverei bis heute existiert und weltweit praktiziert wird.

Im antiken Griechenland und Rom sowie im mittelalterlichen Afrika wurden Menschen entweder als Kriegsgefangene versklavt, oder sie mussten als SchuldnerInnen in die Dienste des Geldgebers treten. Die »sprechenden Werkzeuge« waren rechtlos und wurden als Gegenstand betrachtet. Dies änderte sich auch nicht im Zeitalter des atlantischen und indischen Sklavenhandels. Mit dem imperialen Eingreifen der EuropäerInnen und AraberInnen im 18. und 19. Jahrhundert globalisierte sich der internationale Handel mit solchen Arbeitskräften weiter. Es entstand ein Netzwerk von Menschenhändlern, das Amerika, Asien, Europa und Afrika verband.

 

Immer mit Gewalt verbunden

Versklavte Kriegsgefangene und die Schuldknechtschaft existieren trotz aller Verbote bis heute. Dabei wurde der Begriff der Sklaverei durch die Erweiterungen der Menschenrechte in den letzten Jahrzehnten stetig ausgeweitet. Vor allem die Stärkung der Rechte von Frauen und Kindern trug dazu bei, dass Begriffe wie Kinderhandel und Zwangsheirat Einzug in die internationale Diskussion um die Begriffsdefinition von »Moderner Sklaverei« fanden. Neben den historisch belegten Formen von Sklaverei und Sklavenhandel fallen heute weitere unter die Moderne Sklaverei: Menschenhandel, Zwangsarbeit, Schuldknechtschaft, Zwangsheiraten, Verkauf und Ausbeutung von Kindern (etwa der Einsatz von KindersoldatInnen) sowie jegliche Art von Nötigung und Gewalt, die Menschen in Abhängigkeitsverhältnisse bringt. Zur Aufdeckung und Abschaffung dieser Verbrechen haben sich die Walk Free Stiftung (die den GSI herausgibt), die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) und die Internationale Organisation für Migration (IOM), beides Unterabteilungen der UNO, zu einer Allianz zusammengeschlossen. Ihr vorrangiges Ziel ist es, bis 2025 weltweit alle Kinder vor modernen Formen der Ausbeutung zu schützen.

Sklaverei ist immer mit Gewalt verbunden. Entführungen, Folter und Vergewaltigungen sind in einem Leben unter sklavenähnlichen Bedingungen an der Tagesordnung. Vor allem in Kriegs- und Krisengebieten wie in Syrien oder Nigeria werden Menschen schnell zu Opfern Moderner Sklaverei. Nach Angaben der ILO ist jedes zweite Opfer, das von Zwangsarbeit, Menschenhandel und Prostitution betroffen ist, ein Kind. Beispielsweise verkaufen in Haiti ärmere Eltern ihre Kinder für 50 US-Dollar als Hilfskräfte an reichere Haushalte. Weltweit werden jährlich 150 Milliarden US-Dollar durch 25 Millionen ZwangsarbeiterInnen erwirtschaftet. Vor allem in Asien und Afrika werden Menschen versklavt. Laut dem GSI leben in Indien mit 13,3 Millionen Opfern die meisten SklavInnen. Hier leben Schuldgeknechtete bereits in dritter oder vierter Generation. Den zweiten Platz nimmt China ein, gefolgt von Pakistan, Nigeria, Äthiopien, Russland und Thailand.

Die spezifischen Hintergründe und Formen der Ausbeutung von Frauen, Männern oder Kindern sind von Land zu Land sehr unterschiedlich. So leiden beispielsweise thailändische Frauen vor allem unter sexueller Ausbeutung, hauptsächlich durch Touristen. In Europa sind es vor allem Zwangsprostitution, Zwangsarbeit und Kinderhandel, die armutsbedingt tausende Menschen jährlich in eine Gewaltspirale bringen.

 

Versprochen wird eine Ausbildung

In Europa leben über 1,2 Millionen SklavInnen. Deutschland liegt mit 14.500 Betroffenen auf einem ähnlichen Stand wie Frankreich oder Großbritannien. Die Behörden gehen von weitaus höheren Dunkelziffern aus. In Europa sind es vor allem Frauen und Kinder, die von extremer Ausbeutung wie Zwangsprostitution und Zwangsarbeit betroffen sind. Zwischen Nigeria und Europa, zuerst  in Italien, hat sich ein solcher Menschenhandel ausgeweitet. Mehr als die Hälfte der Straßenprostituierten in Italien stammt heute aus Nigeria. Dabei werden die Frauen zur Prostitution gezwungen. Ähnliches gilt für Osteuropa. Nach Schätzungen der EU werden jährlich mehr als 100.000 Frauen, die meisten unter 20 Jahre alt, aus Rumänien und Bulgarien nach Westeuropa geschleust.

Dem Handel mit Kindern liegt oft Armut zugrunde. Familien sehen sich gezwungen, ihre Kinder zu verkaufen, weil sie sie nicht ernähren können. Vor allem minderjährige Roma aus Bulgarien erleiden dieses Schicksal. Die »Abnehmer« versichern den Familien, dass die Kinder eine gute Ausbildung und somit eine gesicherte Zukunft bekämen. Tatsächlich werden die Opfer über Jahre zu kostenlosen Arbeitskräften gemacht. Erwachsene Männer werden mehrheitlich auf den Farmen und Plantagen Südeuropas oder im Baugewerbe eingesetzt, wie etwa Untersuchungen auf Baustellen zur Fußball-WM 2018 in Russland zeigen. An den Arbeitsstätten werden ihnen die Papiere abgenommen. Sie sind dann leicht erpressbar, nicht versichert und ein geregelter Arbeitstag oder eine angemessene Bezahlung sind selten.

Im Nahen Osten lebt die Sklaverei in anderen Formen fort. So sitzen derzeit etwa 400 eritreische und äthiopische Frauen in saudi-arabischen Gefängnissen. Sie wurden als Arbeiterinnen in das Land gelockt. Dort angekommen, wurden ihnen die Papiere abgenommen und sie mussten als Haussklavinnen arbeiten. Manche wurden geschlagen, sexuell belästigt und auch vergewaltigt. Diejenigen, die fliehen konnten, wurden ohne Papiere von der saudischen Polizei aufgegriffen und verhaftet. Da die Herkunftsländer eine Rücknahme dieser Frauen verweigern, sitzen sie in den Gefängnissen fest.

In den kriegsgeschüttelten Ländern der Region geraten Menschen auf anderen Wegen in die Moderne Sklaverei. Der IS (Islamischer Staat) in Syrien und dem Irak erlaubt ausdrücklich den Kauf und Verkauf von weiblichen Gefangenen, die als Kriegsbeute der IS-Kämpfer definiert wurden. Auch das Verschenken dieser Menschen sei erlaubt. 2016 wurden schätzungsweise 3.500 Menschen, mehrheitlich Frauen und Kinder, vom IS als SklavInnen gehalten oder weiterverkauft. Drei Viertel davon gehörten zur religiösen Minderheit der YezidInnen. Im syrischen Raqqa, der ehemaligen »Hauptstadt« des IS, wurden auf den Märkten der Stadt vor allem Frauen angeboten und verkauft. Die Opfer berichteten von Entführungen, weiteren Verkäufen von Menschen, Folter und Vergewaltigungen (in manchen Fällen über Monate hinweg). Kinder wurden zum Dienst in der Armee des IS gezwungen. Ausländische ArbeiterInnen wurden entführt und zur unentgeltlichen Arbeit gezwungen.

 

Sklavenmärkte sind international

In Subsahara-Afrika leben 6,2 Millionen Opfer von Sklaverei. Die Liste wird von der Demokratischen Republik Kongo angeführt. Es folgen Sudan, Südsudan, Somalia, Libyen, die Zentralafrikanische Republik, Mauretanien und Nigeria. Obwohl in 26 Staaten Afrikas der Handel mit Menschen und in 25 die Zwangsarbeit verboten sind, müssen sich hundertausende Menschen täglich prostituieren oder unentgeltliche Arbeit verrichten. Nur in sechs Staaten ist die Zwangsheirat verboten und erst 19 Staaten haben bilaterale Verträge abgeschlossen, um grenzübergreifenden Menschenhandel zu bekämpfen. Burkina Faso ist das einzige Land in Afrika, das alle Formen der Modernen Sklaverei verboten hat.

Im Nachbarland Benin, Teil der historischen »Sklavenküste«, existiert ein internationaler Markt für Kinderhandel. Die jährlich 30.000 bis 50.000 Opfer, manche erst sieben Jahre alt, werden entführt oder von ihren Eltern verkauft. Dann werden sie nach Nigeria oder in den Kongo gebracht, wo sie in Minen eingesetzt werden. In Nigeria berichten freigelassene Opfer der islamistischen Terrormiliz Boko Haram, dass sie während ihrer Gefangenschaft zu Hausarbeiten und sexuellen Diensten gezwungen wurden. Mitte 2017 sollen sich noch 200 junge Frauen in ihrer Gewalt befunden haben. Im Februar diesen Jahres kam es sowohl zu Befreiungsaktionen seitens der nigerianischen Streitkräfte im Nordosten als auch zu einer neuen Geiselnahme von hundert Schülerinnen in Dapchi seitens Boko Haram. Daneben agiert in Nigeria ein international operierender Ring von Menschenhändlern, der mit der Mafia zusammenarbeitet, um Arbeitskräfte und Prostituierte (siehe oben) nach Südeuropa zu schleusen.

In Südafrika bietet sich ein ähnliches Bild wie in Westeuropa. Männliche Opfer von Sklaverei werden im Baugewerbe zur Arbeit gezwungen, weibliche Opfer zur Prostitution. Insgesamt sind hier 200.000 Menschen von Moderner Sklaverei betroffen. In den genannten afrikanischen Ländern ist es zumeist eine gefährliche Mixtur aus Verarmung, Perspektivlosigkeit und kriminellen Machenschaften, die tausende Menschen dazu zwingt, ein Leben in Sklaverei zu führen.

 

Haussklaverei in Mauretanien

Im westafrikanischen Mauretanien leben laut dem GSI etwa 43.000 SklavInnen, das sind etwa vier Prozent der Bevölkerung. Hier ist vor allem die Haussklaverei verbreitet. Mauretanien ist ein treffendes Beispiel für den Fortbestand einer historischen Institution bis in die Gegenwart. Die Gesellschaft ist dabei nach Hautfarben aufgeteilt und wird von so genannten »AraberInnen« (weiße MaurInnen bzw. BerberInnen) dominiert, die zwanzig Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die Mehrheit der EinwohnerInnen sind »SchwarzafrikanerInnen«, Haratines genannt, die Wolof, Fulbe, Soninke und Bambara sprechen. Bis heute sind sie in Politik, Bildung und Wirtschaftsleben stark benachteiligt, und bilden die Opfergruppe der Modernen Sklaverei.

Über dieses Problem wird in der mauretanischen Öffentlichkeit nicht gesprochen. Die Regierung hat den Medien die Berichterstattung untersagt. Ausländischen JournalistInnen, die dazu recherchieren, droht laut Amnesty International die Verhaftung. Der Aktivist Khali Ould Maouloud berichtet aus dem Leben der SklavInnen: »Um fünf Uhr morgens aufstehen. Dann ins Haus des Herrn, um das Frühstück für dessen Familie zuzubereiten. Danach trieb mein Vater die Herde aufs Feld. Meine Mutter kümmerte sich um ihre Kinder wie auch um die des Herrn. Bis 19 Uhr, wenn die Männer von den Feldern zurückkehrten. Danach machten meine Eltern das Abendessen, brachten die Kinder des Herrn ins Bett und bereiteten die Betten für die Nacht vor. Um 23 Uhr war der Arbeitstag zu Ende und sie kamen ins Township zurück, in dem wir lebten. Meine Eltern hatten täglich weniger als sechs Stunden für sich selbst.«

Maouloud wurde als Sklave geboren, weil seine Vorfahren SklavInnen waren. Seine Eltern sind Haratines. Er ist seit Jahren Mitglied bei der Initiative pour la résurgence du Mouvement abolitionniste (IRA). Diese Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei in Mauretanien wurde vor zwölf Jahren von Biram Ould Abeïd gegründet, ebenfalls ein ehemaliger Sklave. Entgegen den Zahlen des GSI spricht die IRA von etwa 500.000 Unfreien im Land, also bis zu 20 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Sklaverei ist seit 1981 offiziell verboten, wird jedoch erst seit 2007 strafrechtlich verfolgt. Im Zuge dessen sind die offenen Sklavenmärkte verschwunden.

SklavInnen gelten als Eigentum und besitzen keine Ausweispapiere. Dies gilt insbesondere für Frauen und Mädchen, die häufig von ihren »Besitzern« als Sexsklavinnen angeboten werden. Kinder, die aus diesen Vergewaltigungen entstehen, werden von den Vätern nicht anerkannt. Zukünftige Heiraten sind nur mit einer Freilassungsurkunde möglich. Die Frauen werden als Haussklavinnen eingesetzt und die Männer im Baugewerbe. Mauretanische Frauen werden zudem mit Jobangeboten ins Ausland gelockt. In Saudi-Arabien leben derzeit 900 mauretanische Frauen unter sklavenähnlichen Bedingungen. Hier sollen sie angeblich als Lehrerinnen oder Krankenschwestern arbeiten. Dort angekommen, werden ihnen die Ausweispapiere abgenommen und sie müssen in Haushalten unentgeltlich arbeiten. Manche berichten von Schlägen, sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen. Ähnliche Berichte sind aus Nordafrika und weiteren Staaten des Nahen Ostens bekannt. Neben Mauretanierinnen werden Frauen aus Uganda, Kenia und Äthiopien als Haussklavinnen gehalten.

Bis 2011 wurde nur ein einziger Sklavenhändler von einem mauretanischen Gericht zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Erst 2012 wurden Sklaverei und Sklavenhandel in Mauretanien als Verbrechen gegen die Menschheit eingestuft. Seit 2015 existieren in Mauretanien Sondergerichte, die sich mit Fällen von Moderner Sklaverei befassen sollen. Im gleichen Jahr wurde die Strafe für Sklaverei und Menschenhandel auf zehn bis zwanzig Jahre Gefängnis festgelegt. Zumindest bis Ende 2016 gab es keine Erkenntnisse darüber, ob diese Gerichte tatsächlich arbeiten. Nur in zwei bekannten Fällen wurden Sklavenhalter zu Bewährungsstrafen verurteilt. So kann nicht behauptet werden, dass Sklaverei tatsächlich überwunden und geächtet ist.

 

Eritrea als »Freiluftgefängnis«

Laut dem GSI sollen im Jahr 2016 etwa 35.300 SklavInnen in Eritrea gelebt haben. Das entspricht 0,6 Prozent der Bevölkerung. Das Phänomen der (staatlichen) Zwangsarbeit wirkt jedoch noch tiefer in die Gesellschaft hinein. Zwangsarbeit für ausländische Unternehmen und den eritreischen Staat sowie die Verheiratung von Kindern sind die größten Probleme. Amnesty International bezeichnet das Land aufgrund vielfältiger Menschenrechtsverletzungen als größtes »Freiluftgefängnis« der Welt.

Der Staat verlangt seit der Unabhängigkeit von Äthiopien im Jahr 1993 die Entrichtung einer »freiwilligen Steuer« und die Ableistung eines 18-monatigen Militär- und Zivildienstes auch durch Minderjährige. Dieser Dienst ist in der Realität nicht begrenzt und kann bis zu zwanzig Jahre dauern. Der Zivildienst wird als Dienst für die Öffentlichkeit bezeichnet. Die Männer und Frauen müssen im Straßenbau und im staatlichen Baugewerbe arbeiten.

Inwieweit staatliche Stellen ZwangsarbeiterInnen an internationale Konzerne »verleihen«, zeigt das Beispiel der Bisha-Goldmine. Sie nahm 2011 ihre Arbeit auf, Hauptanteilseigner war die kanadische Firma Nevsun Resources Ltd. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch warf der Firma 2013 vor, ZwangsarbeiterInnen einzusetzen. Diese ArbeiterInnen sollen RekrutInnen der eritreischen Armee gewesen sein, welche über die staatliche Firma Segen Construction Company vermittelt wurden. Diese Firma ist eine Rekrutierungsorganisation der regierenden Partei PFDJ. 2015 wurde in Kanada Klage gegen Nevsun erhoben, da das Unternehmen in dem Bergwerk Personen zur Arbeit eingesetzt habe, die Militärdienst ableisteten. Die Firma habe sich somit der Verwendung von ZwangsarbeiterInnen schuldig gemacht. Ende 2017 bestätigte ein Gericht in British-Columbia, dass die Klage zulässig ist.

Die staatlich verordnete Zwangsarbeit, bei der es täglich zu Gewaltanwendung und Folter kommt, ist der Hauptgrund für junge EritreerInnen, außer Landes zu fliehen. Auf der Flucht drohen weitere Formen der Ausbeutung und Sklaverei. Im Sudan wurden viele Geflüchtete entführt und zur Arbeit auf lokalen Plantagen gezwungen. Damit sollten sie die Erlangung der Freiheit abarbeiten. In Saudi-Arabien sitzen die oben erwähnten eritreischen und äthiopischen Haussklavinnen in den Gefängnissen, anstatt staatlichen Schutz zu finden. Auf dem Sinai wurden zahlreiche Menschen aus Eritrea und Somalia Opfer von Organhändlern. Für andere Entführte wurden Lösegelder von den zurückgebliebenen Familien verlangt. Auch die aktuellen Bilder aus Libyen zeigen vor allem Menschen aus Eritrea und Somalia, die zu Opfern der Sklavenhändler wurden. Diese Beispiele zeigen, wie gerade die besondere Verletzlichkeit von geflüchteten Personen der Sklavendespotie Tür und Tor öffnet.

 

Die Tradition lebt fort

Je nach Definition leben weltweit 30 bis 45 Millionen Menschen in Sklaverei oder sklavereiähnlichen Zuständen. Diese erschreckenden Zahlen werden von der Weltöffentlichkeit kaum beachtet. Wie im Fall von Mauretanien vergehen von der Bewusstwerdung des Problems bis zur aktiven Verfolgung der TäterInnen Jahrzehnte.

Menschenhandel gibt es seit vielen Jahrhunderten. Das Ausbeutungssystem ist fest in bestimmten Gesellschaften verankert. Dort ist nicht Armut der Schlüssel zur Sklaverei, sondern Zugehörigkeit. Wer etwa in Indien einer Sklavenkaste angehört, oder wer etwa im Senegal zu einer Sklavenfamilie gehört, ist von der Versklavung gefährdet. Wenn SenegalesInnen unterschiedlicher Herkunft in Deutschland zusammenkommen, haben die, welche aus einer jahrhundertealten Sklavenfamilie stammen (was am Namen erkennbar ist), die Pflicht, den »freien« Senegalesen zu helfen. Zum Beispiel bei Behördengängen, der Job- und Wohnungssuche und auch im Haushalt – und alles unentgeltlich. Dies ist eine traditionelle Setzung – und kann in der Realität natürlich missachtet werden. Jede Gesellschaft weist spezifische Hintergründe für Ausbeutungssysteme und Sklaverei auf.

Es sind zum Teil traditionelle Abhängigkeitsverhältnisse, die modernen Vorstellungen von einem freien und gerechten Leben entgegenstehen. Hauptprobleme bleiben jedoch die Profitgier weniger, unter der viele leiden, ein alter Rassismus, der bestimmte Menschengruppen verachtet, und patriarchale Strukturen, die vor allem Frauen und Kinder zur größten Opfergruppe der Modernen Sklaverei machen. Hinzu kommen international tätige Unternehmen, die durch möglichst kleine Lohnkosten große Gewinne erwirtschaften wollen.

Realistisch ist hier nur das scheinbar Unmögliche: Nur die konsequente Durchsetzung aller Menschenrechte in allen Staaten dieser Erde kann die Moderne Sklaverei beenden.

 

Oliver Schulten lebt in Wuppertal und ist Experte für afrikanische Geschichte. Auf www.iz3w.org findet sich im Inhaltsverzeichnis der Ausgabe 363 eine Literaturliste des Autors über Sklaverei in globaler sowie in nord/-ostafrikanischer Perspektive.

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