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Martin Baxmeyer: Amparo Poch y Gascón.

Biographie und Erzählungen aus der spanischen Revolution. Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2018. 152 Seiten, 13,90 Euro.

Mujeres Libres

Am Ende verzweifelt der Protagonist in Amparo Poch y Gascóns Erzählung. Er „faltete sich dreifach zusammen wie ein amtliches Schreiben und fiel bewußtlos zu Boden.“ Um ein Paar Socken in den Farben der Spanischen Republik zu kaufen, hatte der Doktor einen Prozess unzähliger Genehmigungsverfahren durchlaufen. Doch als er endlich am Ziel zu sein scheint, ist die begehrte Fußbekleidung bereits von Motten zerfressen.

Poch y Gascóns allegorische Erzählung erschien im Mai 1938, das Ende der Republik war vermutlich schon absehbar. Im Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) hatten sich die republikanischen Kräfte neben den AnarchistInnen dem Putsch der Generäle um Francisco Franco entgegengestellt. In vielen Teilen Spaniens hatten die anarchistisch organisierten ArbeiterInnen dem Angriff der klerikalen und faschistischen Rechten sogar mit dem Beginn einer sozialen Revolution geantwortet. Teil der einflussreichen anarchistischen Bewegung war auch die Ärztin und Aktivistin Poch y Gascón (1902-1968), aus deren literarischem Schaffen nun erstmals Erzählungen auf Deutsch vorliegen.

Der Romanist Martin Baxmeyer hat die Geschichten von Poch y Gascón nicht nur übersetzt, sondern auch mit einer ausführlichen Biografie versehen. Sie nimmt den weitaus größeren Teil des Buches ein. Baxmeyer kontextualisiert darin nicht bloß die Literatur. Er erzählt die Lebensgeschichte einer außergewöhnlichen Frau und schreibt dabei zugleich politische Ereignis- und Ideengeschichte. Anders als viele ihrer GenossInnen stammte Amparo Poch y Gascón aus bürgerlichen, nicht aus proletarischen Verhältnissen. Die Entscheidung, zu studieren, musste sie als Frau dennoch gegen die Familie und das ganze Milieu durchsetzen. Sie schließt sich der anarchistischen Bewegung an und wird 1937 zu einer der drei Mitbegründerinnen der Mujeres Libres (Freie Frauen), die Baxmeyer fast noch tiefstapelnd eine der „berühmtesten und einflussreichsten anarchafeministischen Organisationen der jüngeren Geschichte“ nennt.

Bereits die Anfeindungen, die sie als studierende Frau erfährt, sensibilisieren sie für das, was die Mujeres Libres später die „dreifache Versklavung“ der Frauen nennen: Die dreifache Unterdrückung bestand demnach erstens in der Ausbeutung als Arbeiterinnen, zweitens in der Unterwerfung unter patriarchale Normen in der Familie und drittens im Mangel an Bildung, der eine selbstbestimmte Entwicklung weithin unmöglich machte. Baxmeyer zeichnet das Bild einer Frau, die zuweilen sehr pragmatisch an der Abschaffung aller drei Missstände arbeitet. Der Pragmatismus bestand beispielsweise darin, dass die Vermittlung medizinischen Grundwissens etwa über Fragen der Verhütung als integraler Bestandteil politischer Bildung betrachtet und praktiziert wurde. Baxmeyer versteht es immer wieder, ohne dabei groß herum zu soziologisieren, auf die strukturellen Bedingungen zu verweisen, die das Besondere an der Arbeit von Poch y Gascón erst verständlich machen: Vor allem die alltäglich spürbare Macht der Katholischen Kirche, die Abtreibung, Studium und Kurzhaarschnitte für Frauen in den 1930er Jahren gleichermaßen undenkbar erscheinen ließen.

Aber nicht bloß die rechte Gegenwelt steht im Fokus der Soziobiografie. Es wird an vielen Stellen auch deutlich, wie schwer es Frauen wie Poch y Gascón und die Mujeres Libres innerhalb der eigenen Bewegung hatten. Baxmeyer zeichnet die pro- und die antifeministischen Strömungen innerhalb des zeitgenössischen Anarchismus bis ins 19. Jahrhundert zurück nach, auch in ihrer je eigenen Widersprüchlichkeit. Der anarchistische Antifeminismus stützte sich einerseits auf pseudobiologische Plumpheiten, die nur durch ihre vermeintliche Wissenschaftlichkeit in das rationalistische und ansonsten egalitäre Weltbild passten. Historisch lehnte sich diese Strömung an einen der „Gründerväter“ der Anarchie an, Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865), dessen expliziten Frauenhass Baxmeyer zur Recht hervorhebt. Die profeministischen GenossInnen fanden ihren Ahnherren hingegen in Anselmo Lorenzo (1841-1914), den seinerzeit nicht weniger einflussreichen „Großvater des Spanischen Anarchismus“. Lorenzo hatte immer wieder betont, die Revolution könne nur vollständig sein, wenn sie auch die Befreiung der Frauen einschließe.

Wenn die Mujeres Libres sich auch als spezifische Frauenorganisation innerhalb der anarchistischen Bewegung formierten, verstanden sie sich doch nicht als Feministinnen. Auch der Begriff „Anarchafeminismus“ wurde erst im Zuge der zweiten Welle der Frauenbewegung in den 1970er Jahren geprägt. Im Spanien der 1930er Jahre galten Feministinnen als bürgerlich und viel zu sehr auf die bestehenden Verhältnisse ausgerichtet, als dass sie für eine weitgehend proletarische und vor allem libertäre Bewegung eine Bezugsgröße hätten sein können. Auch das erklärt Baxmeyer ausführlich. Und Poch y Gascón spottet in einer der Erzählungen über ein Treffen von Feministinnen mit seinem „ausgemachten Geschmack von Rückständigkeit und Engstirnigkeit“.

Nichtsdestotrotz betrieben die Mujeres Libres eine Politik, die letztlich auch feministische Bildungsarbeit war: Bildung als Werbung für die eigene Bewegung (captación) und Bildung als Ermächtigung für die Frauen selbst (capacitación). Poch y Gascón war dabei als Ärztin und Rednerin aktiv, schrieb für die Zeitschrift der Organisation und nebenher auch Literatur. Wie das alles zusammen ging – man kann nur staunen. Als die AnarchistInnen im November 1936 mit großem Murren an der Basis in die Regierung eintraten, wirkte Poch y Gascón als Staatssekretärin im Gesundheitsministerium der Anarchistin Federica Montseny (1905-1994) mit.

Und als ob das nicht genug an Spannung durch scheinbare oder echte Unvereinbarkeiten gewesen wäre, blieb Poch y Gascón auch inmitten des Bürgerkrieges ihrer gewaltfreien Grundhaltung treu. Sie war, wenn man so will, eine Anarchapazifistin. Poch y Gascón starb 1968 im Exil in Frankreich. Dass ihr Leben und Wirken nun auch für eine deutschsprachige LeserInnenschaft zugänglich ist, kann nur als Gewinn betrachtet werden.

Jens Kastner

Anarchismus weltweit
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