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Ta-Nehisi Coates: We Were Eight Years in Power

Acht journalistische Texte von Coates liefern eine scharfe Analyse des amerikanischen Rassimus und seiner Implikationen für Obamas Präsidentschaft.

Immer noch ungleich

»Everything was bright. Everything was rising. Everything was a dream.« So beschreibt der afroamerikanische Autor Ta-Nehisi Coates den Herbst 2008. Es war für ihn nicht nur das Jahr des überraschenden Aufstiegs von Barack Obama zum US-Präsidenten, sondern auch der Beginn seines eigenen journalistischen Erfolgs. Mit dem Glauben, dass der Erfolg Einzelner den systematischen Rassismus in den USA abschaffen kann, rechnet Coates allerdings ab.

Sein Buch We were eight years in power vereint acht journalistische Texte aus der Obama-Ära mit persönlichen Notizen, die Coates‘ eigenen Lernprozess in dieser Zeit reflektieren. Die Texte sind eine Mischung aus Reportagen und politischen Essays. Zusammen liefern sie eine scharfe Analyse des amerikanischen Rassismus und seiner Implikationen für Obamas Präsidentschaft.

In seinen wortgewaltigen Essays beschreibt Coates anhand der US-amerikanischen Geschichte und Gegenwart die Kontinuität des Rassismus, der sich von der Sklavenzeit, dem Bürgerkrieg und der Ära der Segregation bis zur heutigen Gesetzgebung zieht. Coates selbst verortet sich in einer Tradition afroamerikanischer AutorInnen: Das Schreiben für The Atlantic und seinen Blog gibt ihm die Möglichkeit, jene rassistische Strukturen zu analysieren und herauszufordern, die ein farbenblinder Mainstream gerne übersehen würde.

In seinem wohl berühmtesten Essay, in dem er eine Diskussion über Reparationen für die Sklaverei fordert, stellt er überzeugend dar, wie AfroamerikanerInnen nicht nur strukturell benachteiligt, sondern regelrecht ausgebeutet wurden und werden. Coates zeichnet nach, wie Gesetzgebungen vom New Deal bis heute Wohlstand nur für weiße AmerikanerInnen generierten und AfroamerikanerInnen zum Beispiel auf dem Immobilienmarkt systematisch ausschlossen. In einem anderen Essay beschäftigt sich Coates mit einem der drängendsten Probleme der USA, das ebenfalls überproportional afroamerikanische Familien betrifft: das Strafrechtssystem mit der größten Gefängnispopulation der Welt.

Coates schreibt vor allem gegen Mythen der amerikanischen Gesellschaft an. Die Entzauberung einer von ihnen zieht sich durch das ganze Buch: Dass AfroamerikanerInnen es in die Mittelklasse schaffen können, wenn sie sich nur doppelt anstrengen. Diese Forderung verkörpert Obama selbst, und er hat sie auch in einigen Reden gestellt. Coates zeigt zum einen auf, wie Obama selbst an diesem Anspruch gescheitert ist, als skandalfreier Präsident, der dennoch aggressiven rassistischen Anfeindungen ausgesetzt war. Zum anderen macht er klar, dass die Strukturen der Segregation nicht von Individuen durchbrochen werden können. Coates kritisiert den Präsidenten für seine Vorstellungen von einer »farbenblinden« Politik, die ohne besondere Berücksichtigung rassistischer Strukturen die Lebensbedingungen aller verbessert.

Schon seine Erläuterung des Buchtitels zeigt, dass Coates Obamas Glauben an Fortschritt nicht teilt. »We were eight years in power« ist ein Zitat des Kongressabgeordneten Thomas Miller von 1895, der damit die Errungenschaften der Reconstruction in den Südstaaten, der Zeit nach dem Bürgerkrieg, hervorhebt. Miller versuchte, die Ergebnisse einer Regierung, die AfroamerikanerInnen grundlegende Bürgerrechte gewährte, gegen den aggressiven rassistischen Backlash zu verteidigen. Coates macht damit klar, dass die Fortschritte der afroamerikanischen Community nie linear verliefen. Ohne echte Diskussionen über Rassismus kann für ihn die White Supremacy nicht aufgelöst werden, auch nicht durch Ausnahmeerscheinungen wie den ersten schwarzen Präsidenten.

Obama bemerkte nach der Erschießung Trayvon Martins durch ein Mitglied einer weißen Bürgerwehr, dass sein Sohn, wenn er einen hätte, so aussähe wie Trayvon. Die empörten Reaktionen auf diese Äußerung zeigen für Coates, dass Obama es zwar als schwarzer Mann ins Weiße Haus geschafft hat, aber nicht als schwarzer Präsident von einer Mehrheit akzeptiert werden konnte. Damit werden auch die Grenzen klar, die einem afroamerikanischen Präsidenten gesetzt waren: Für Coates konnte Obama nur Präsident werden, indem er das »kindische Gewissen« eines Landes nicht in Schwierigkeiten gebracht hat, das sich seiner Vergangenheit nie ausreichend gestellt hat.

In einem starken Epilog kritisiert Coates die Analysen, die die Wahl Trumps als Aufschrei der abgehängten Working Class gegen Identitätspolitik und liberale Eliten verstehen. Coates argumentiert, dass die Zugehörigkeit zur White Working Class, nicht zur arbeitenden Klasse an sich, prägendes Merkmal der Trump-WählerInnen war. Trump sei der »erste weiße Präsident«, der erste, der eine Kampagne einzig und allein auf der Basis seiner weißen Identität gewonnen habe. Coates analysiert die Wahl als Aufbäumen der White Supremacy, die durch die »eight years in power« ins Schwanken geraten ist. Trumps Wahl mache deutlich, dass es eben nicht reicht, doppelt so gut zu sein, um Erfolg zu haben. Wenn Obama gezeigt habe, dass ein gebildeter und talentierter schwarzer Mann Präsident sein kann, dann beweise Trump, dass ein weißer Mann das immer kann, ganz egal, was er sich erlaubt: »If a black man can be president, then any white man can.«

Coates‘ Buch setzt viel Wissen voraus, man erfährt beim Lesen aber viel über Geschichte, Politik und aktuelle Debatten der USA. Coates macht so den Rassismus als andauernden Kampf um weiße Vorherrschaft verständlich, der teils mit Mitteln der Gesetzgebung, aber auch mit blanker Gewalt geführt wird. Der amerikanische Mythos der Gleichheit muss sich dieser Wahrheit stellen, wenn er jemals Wirklichkeit werden soll.

 

Helene Thaa

 

Ta-Nehisi Coates: We Were Eight Years in Power. An American Tragedy. One World Publishing Co., New York 2017. 400 Seiten, 16,99 Euro.

Ta-Nehisi Coates: We Were Eight Years in Power. Eine Amerikanische Tragödie. Hanser, Berlin 2018. 416 Seiten, 25 Euro.

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