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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 367 | Anarchismus weltweit Jacqueline Jones: Goddess of Anarchy

Jacqueline Jones: Goddess of Anarchy

Die Biographie liefert ein umfassendes Bild der (afro-)amerikanischen Anarchistin Lucy Parson - ohne sie dabei als Göttin zu verklären.

Göttlich provozierend

»Just being Lucy Parsons must have been exhausting« – das schreibt Jacqueline Jones in ihrer Biographie Goddess of Anarchy über die (afro-)amerikanische Anarchistin des 19. und 20. Jahrhunderts. Jones will mit ihrem Buch den grassierenden Legenden um Parsons eine umfängliche Beschreibung ihres widersprüchlichen Lebens entgegenstellen.

Lucy Parsons war Tochter einer Sklavin und verbrachte ihre Jugend in Texas. Damals war Texas noch ein unvollständig besiedelter Frontier-Staat. Nach dem Bürgerkrieg war er von Chaos und Gewalt gegen befreite SklavInnen geprägt. Später zog Parsons mit ihrem Mann Albert nach Chicago, wo die Industrialisierung ebenso wie die ArbeiterInnenbewegung in vollem Gange waren. Hier wandelte sich Albert vom Republikaner zum Anarchisten. Auch Lucy wurde hier aktiv, schrieb in anarchistischen Publikationen und trat immer öfter öffentlich auf.

Beide vertraten eine anarchistische »Propaganda der Tat« und riefen zum Einsatz von Sprengstoff im Kampf gegen die kapitalistische Klasse auf. Vor allem Lucy scheint es verstanden zu haben, die Presse mit besonders schockierenden Inhalten zu füttern. Zentral in Jones‘ Buch ist der Prozess gegen Albert nach den Protesten am Haymarket. Dort wurde am 1. Mai 1886 für den Acht-Stunden-Tag demonstriert, in der Folge kam es zu gewalttätigen Repressionen und am 4. Mai explodierte nach einer Kundgebung eine Bombe. Albert wurde mit acht anderen zum Tode verurteilt, ohne dass jemandem das Attentat nachgewiesen werden konnte. Lucy war fortan in den ganzen USA unterwegs, um für die Verteidigung Spenden zu sammeln. Sie blieb nach Alberts Hinrichtung ihr ganzes Leben aktiv, polarisierte aber auch innerhalb der ArbeiterInnenbewegung mit ihrem Lebensstil und ihrer Befürwortung von Gewalt. Später gründete sie die Industrial Workers of the World mit – eine anarchosyndikalistische, gewerkschaftsähnliche Organisation, die bis heute besteht.

Lucy Parsons Auftreten, mit dem sie Geschlechternormen und rassistische Vorurteile gesprengt hat, und ihre Rezeption in der Presse, die über ihre Provokationen ebenso gern berichtete wie sie über ihre Herkunft und ihr Privatleben spekulierte: All das bietet viel Stoff für eine lebendige Erzählung, die auf zahlreiche Quellen zurückgreift. Allerdings wird von Jones zum Teil die Sensation reproduziert, die die Presse damals aus Lucy machte. Bisweilen wird es etwas pathetisch, wenn Lucys »rätselhafte Aura« beschrieben wird und die vielen Artikel zitiert werden, die obsessiv ihre beeindruckende Erscheinung betonten. Jones zeigt aber auch Widersprüche zwischen Worten und Taten, die Brüche und Unstimmigkeiten in Lucys Biographie auf. Sie verweisen oft auf die Grenzen, die ihr als afroamerikanische Frau auferlegt waren.

Die Biographie liefert einen spannenden Einblick in die sozialen Kämpfe dieser Zeit. Jones malt ein umfassendes Bild der ArbeiterInnenbewegung und einer ihrer Hauptprotagonistinnen, ganz ohne sie, wie der Titel vermuten lässt, zu einer Göttin zu verklären.

 

Helene Thaa

 

Jacqueline Jones: Goddess of Anarchy. The Life and Times of Lucy Parsons, American Radical. Basic Books, New York 2017. 447 Seiten, 21,75 Euro.

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