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Maria Tekülve, Theo Rauch: Alles neu, neu, neu! in Afrika

Vier Jahrzehnte Kontinuität und Wandel in der sambischen Provinz. Verlag Hans Schiler, Berlin/Tübingen 2017. 280 Seiten, 19,80 Euro.

Hilfe? Welche Hilfe?

»Ist das Handy in Händen einer armen Bäuerin nun wirklich eine Verbesserung der Lebensbedingungen?«, fragen sich Maria Tekülve und Theo Rauch zu Beginn ihres Buches Alles neu, neu, neu! in Afrika. Einfache Antworten können solchen Fragen nicht gerecht werden, weshalb die AutorInnen sich ihnen ebenso detailliert wie diskutierend nähern. Sie stecken damit ein Spannungsfeld ab, in dem sich Entwicklungszusammenarbeit generell bewegt.

1977 hatten Tekülve und Rauch als EntwicklungshelferInnen ein Regionalentwicklungsprogramm in Sambia etabliert, das auf die Verbesserung der Lebensumstände von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in der Region Kabompo im Nordwesten des Landes abzielte. Im April 2015 begaben sich die beiden erneut auf eine Reise dorthin. Ihre selbstkritischen Evaluationen von fast vier Jahrzehnten Projektarbeit bilden den Kern des Buchs.

Um der Nüchternheit eines konventionellen Projektberichts vorzubeugen, erweitern Tekülve und Rauch die harten Fakten der Infrastrukturberichte, der politischen Historie Sambias und der ökonomischen Analysen um einen essayistischen Anteil, der entwicklungspolitische Debatten, Interviews mit BewohnerInnen Kabompos sowie persönliche Reminiszenzen und Retrospektiven umfasst. Das Buch gewinnt durch ihre langjährigen intensiven Erfahrungen im Bereich der Entwicklungspolitik und ihren Mut, Kontroversen und Fehltritte zu benennen und zu diskutieren.

Die anfängliche Skepsis der sambischen Behörden gegenüber Tekülves und Rauchs Projekt, durch die ihre Projektplanung erheblich in Verzug geriet, wurde von den AutorInnen als antikolonialer Stolz gedeutet. Das war Wasser auf die Mühlen deutscher EntwicklungshilfekritikerInnen, die dem Projekt aufgrund »aufgezwungener Hilfen« (Neo-)Kolonialismus vorwarfen. Auch hinsichtlich der divergierenden Vorstellungen von sambischen AkteurInnen und deutscher EntwicklungspolitikerInnen über die praktische Verteilung von Mitteln stießen Tekülve und Rauch auf unvorhergesehene Probleme: Einzelne lokale Institutionen konkurrierten direkt mit dem Projektziel, die kleinbäuerliche Subsistenzwirtschaft zu fördern. Für sie war unersichtlich, warum deutsche Gelder nicht für die Erneuerung des Inventars ihrer Behörde verwendet werden sollten.

Die 1980er und 90er Jahre bildeten eine Zäsur in der Entwicklungspolitik: Eine sich rasant ausdehnende HIV-Epidemie, die aufkommende Strukturanpassungspolitik der Weltbank und des IWF und die Liberalisierung der Märkte lösten eine kontinentale Krise aus, die Afrika als »hoffnungslosen Kontinent« brandmarkte. Die afrikanische Entwicklungspolitik war gezwungen, darauf zu reagieren und Ziele neu zu definieren. Auch das Projekt der AutorInnen musste sich einer Revision unterziehen und umstrukturiert werden.

Viele der im Buch behandelten Themen sowie das »Orchideenfach« der Afrikanistik generell wurden hierzulande lange Zeit belächelt und für deutsche Politik als irrelevant abgetan. Doch spätestens die Staatsbesuche der Kanzlerin in Mali, Niger und Äthiopien im Frühjahr 2017 zeigten, dass der Entwicklungspolitik inzwischen einen großen Stellenwert für die Bekämpfung von Fluchtursachen in Afrika beigemessen wird. Tekülves und Rauchs Langzeitevaluation trägt zu dieser aktuellen Debatte Aspekte bei, die über bloße Migrationsabwehr weit hinausgehen.

 

Jan Düsterhöft

Anarchismus weltweit
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