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Monika Krause: Das gute Projekt

Monika Krause analysiert in ihrem Buch Das gute Projekt einen Teilausschnitt des weltweiten Systems humanitärer Hilfe, und zwar die Arbeitsweise der großen westlichen nicht-staatlichen humanitären Organisationen.

Hilfsprojekte als Ware

Im weltweiten System humanitärer Hilfe agieren ganz unterschiedliche AkteurInnen: Regierungen, regionale Organisationen, UN-Hilfsorganisationen, NGOs, Unternehmer-Stiftungen, Kommunen, Dorfgemeinschaften und viele Einzelpersonen. Monika Krause analysiert in ihrem Buch Das gute Projekt einen Teilausschnitt dieses Systems, und zwar die Arbeitsweise der großen westlichen nicht-staatlichen humanitären Organisationen. Dazu zählen unter anderen Ärzte ohne Grenzen, das Internationale Komitee des Roten Kreuzes, Care International und Save the Children. Krause interviewte für ihre Studie »50 Länderreferenten und Programmleiter in sechzehn der größten Hilfs-NRO der Welt«.

Die Autorin untersucht, nach welchen Kriterien diese sehr unterschiedlichen Organisationen über Umfang, Ort und Form humanitärer Projekte entscheiden. In Anschluss an den Soziologen Pierre Bourdieu fragt sie, inwiefern diese Entscheidungen und die eingesetzten »Managementwerkzeuge« auf einer »gemeinsamen praktischen Logik« basieren. Krause konstatiert, dass Hilfsorganisationen »Projekte für einen Quasimarkt produzieren, in dem die Geberinstitutionen die Konsumenten sind; das Projekt ist eine Ware, was auch die Empfänger humanitärer Hilfe zu einer Ware macht«. Sie stellt fest: »Weil Not leidende Bevölkerungen Teil des Produkts der humanitären Hilfe sind und als Teil von Projekten miteinander konkurrieren, wird ein symbolischer Wert aus ihnen bezogen, wofür im Austausch einige von ihnen für einige Zeit Hilfe erhalten.« Das Bemühen der Organisationen, »gute Projekte« durchzuführen, bringe »eine Dynamik hervor, die relativ unabhängig von Werten, Interessen und den Bedürfnissen der Hilfsbedürftigen vor Ort ist«.

Krause zieht folgende Schlussfolgerungen: Trotz erheblich abweichender Arbeitsweisen basiert die Praxis humanitärer Organisationen auf einer gleichen Projektlogik. Sie versuchen ihre Projekte durch staatliche oder private Geber finanzieren zu lassen, sie ‘verkaufen’ gewissermaßen ihre ‘Projekt-Ware’ an ‘Käufer’, also an Geberinstitutionen und Spender. Teil dieses Projekts ist die Quantifizierung des Bedarfs an Hilfe und der Anzahl der notleidenden HilfsempfängerInnen, die damit Teil der zum Verkauf offerierten Projekt-Ware sind. Da die Nachfrage nach Hilfe größer als das Angebot ist, konkurrieren die EmpfängerInnen um knappe Hilfsgüter.

Aufgrund der neoliberal-kapitalistisch organisierten Entwicklungspolitik haben »große Bevölkerungsgruppen keinen Zugang zur Grundversorgung«, argumentiert Krause weiter. Ohne diese Versorgung haben humanitäre Krisen schnell katastrophale Auswirkungen, die dann den Bedarf an Hilfe auslösen. Diese basiert aber auf einem »Markt für Projekte«, der auch in anderen Feldern immer dann existiert, wenn Staaten keine verlässlichen Strukturen der Sozialfürsorge aufbauen.

Im Schlusskapitel konstatiert Krause, »dass es Wege zur Organisation von Versorgung gibt, die sich fundamental vom Markt für Projekte unterscheiden«. Dazu zählt sie zum einen den Aufbau staatlicher Institutionen, »um Formen der Versorgung mit einer Rechenschaftspflicht zu verknüpfen.« Zum anderen bezeichnet sie die »soziale Selbstorganisation«, wie etwa die Solidarität innerhalb der globalen ArbeiterInnenbewegung, als Versuch, eine »andere Form der Beziehung zu fernem Leid« aufzubauen. Es gebe zudem auch bei NGOs und anderen lokalen AkteurInnen vereinzelt Initiativen, die sich dem »Projektmarkt widersetzen«.

Krauses Untersuchung beschreibt überzeugend einen Teilaspekt des humanitären NGO-Systems. Allerdings werden andere wichtige Aspekte der NGO-Praxis kaum berücksichtigt, etwa die politische Lobbyarbeit ihrer Netzwerke und ihre Öffentlichkeitsarbeit. Diese thematisiert teilweise deutlich die direkte und indirekte Verantwortung von Geberregierungen für das Entstehen humanitärer Krisen.

Ausgangspunkt der laufenden Debatte über die Reform sehr schwacher Hilfsstrukturen sollten zwei Befunde sein: Erstens hängen Umfang und Qualität der Hilfe sehr stark von den jeweiligen nationalegoistischen Interessen der wichtigen Geberregierungen ab. Diese halten die UN-Organisationen und den UN-Nothilfekoordinator bewusst in direkter finanzieller und politischer Abhängigkeit. Zweitens schwankt das Volumen privater Spendenmärkte sehr stark und ist eng mit der jeweiligen Medienpräsenz einer Krise verknüpft.

Ein Lösungsansatz besteht darin, zumindest die staatliche Finanzierung von UN-Hilfsorganisationen zukünftig nicht mehr maßgeblich auf freiwillig gewährten, schwankenden und unzureichenden Beiträgen von einigen wenigen westlichen Geberregierungen zu basieren. Stattdessen sollte ein neuer humanitärer UN-Haushalt geschaffen werden, der durch Pflichtbeiträge aller UN-Staaten finanziert wird – analog zum bereits existierenden UN-Haushalt
für Peacekeeping-Missionen.

Dieter Reinhardt

Monika Krause: Das gute Projekt. Humanitäre Hilfsorganisationen und die Fragmentierung der Vernunft. Hamburger Edition, Hamburg 2017. 268 Seiten, 32 Euro.

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