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»Die Macht dieser Technologie ist enorm«

Interview mit Pat Mooney über die synthetische Biologie (Langfassung nur im Netz)

Seit über 40 Jahren analysiert die Action Group on Erosion, Technology and Concentration (ETC-Group) die Folgen der industriellen Landwirtschaft für Menschen in marginalisierten Regionen. Wir fragten den ETC-Aktivisten Pat Mooney, was die Verschmelzung von synthetischer Biologie und Informationstechnologie für das künftige Ernährungssystem bedeutet.

iz3w: Pat Mooney, Sie sind Mitbegründer der Initiative RAFI (Rural Advancement Fund International), die sich 2001 in ETC Group umbenannt hat. ETC steht für Action Group on Erosion, Technology and Concentration. Sie erhielten 1985 vom Schwedischen Parlament den Alternativen Nobelpreis für ihre Arbeit  und 1998 den Pearson Peace Prize des Governor General in Kanada. Zudem sind Sie Autor mehrerer Bücher über die Politik der Biotechnologie und über die Risiken des Verlustes der agrarbiologischen Vielfalt. Seit nunmehr vierzig Jahren beschäftigen Sie sich mit den Folgen der Landwirtschaft für ärmere und marginalisierte Regionen.

Geoengineering, Nantotechnologie und die Synthetische Biologie waren zur Zeit der Grünen Revolution noch nicht in Sicht. Haben Sie damals diese neuen Entwicklungen schon vorhergesehen?

Pat Mooney: Wir konnten uns einige dieser Entwicklungen schon damals ausmalen. Die Unternehmenskonzentration im Agrobusiness war bereits im Gange. Wir dachten, dass vielleicht ein paar Dutzend der damals rund 20.000 Unternehmen übrigbleiben würden und müssen heute feststellen, dass es noch weniger sind. Wir konnten auch mit großer Wahrscheinlichkeit vorhersehen, dass die Saatgut-, Pflanzenschutz- und Kunstdünger-ProduzentInnen gemeinsam eine Technologie entwickeln, die eben diesen Branchen zum Profit gereicht. Und wir spekulierten aufgrund der Natur der Genetik bereits darüber, dass es auf lange Sicht voraussichtlich einfacher sein würde, die DNA direkt innerhalb eines Organismus zu verändern, ohne fremde DNA übertragen zu müssen - was ja heute im Kern ein wichtiger Bereich der synthetischen Biologie ist.

Wenngleich wir uns nicht als wissenschaftlich-technische ExpertInnen sehen, so verfolgen wir diese Entwicklungen mit größtmöglicher Sorgfalt. Besorgt sind wir vor allem auch darüber, wer die neuen Technologien beherrscht und besitzt und wer Zugang zu ihnen hat, welche Auswirkungen sie auf die Umwelt und vor allem auf marginalisierten Bevölkerungsgruppen weltweit haben werden, im Globalen Norden wie im Süden.

 

Die Frage nach Zugang und Kontrolle beschäftigt auch die iz3w in unserem Themenschwerpunkt Bioökonomie, da wir beobachten, dass sich viele Entwicklungen gerade im Bereich der Synthetischen Biologie im Schatten der öffentlichen Wahrnehmung abspielen. Den aktuellen Entwicklungen fehlt es an demokratischen Grundlagen und Entscheidungen. Sogar das Vorsorgeprinzip, das in der europäischen Politik im Vergleich zu Nordamerika immerhin eine gewichtigere Rolle spielt, steht auf der Kippe… Was sind mögliche Konsequenzen?

Die Auseinandersetzung um das Vorsorgeprinzip ist weltweit relevant. Einige technische Entwicklungen, mit denen wir derzeit konfrontiert werden, könnten es auch stärken. Insofern bin ich froh, dass die EU einigen neueren Technologien offensichtlich mit einer gewissen Vorsicht gegen übertritt. Wachsender Widerstand gegen diese Technologien, die der Gesellschaft schlichtweg aufgedrückt werden, ist äußerst wichtig. Das gilt insbesondere für die Nahrungserzeugung und einige Umwelttechnologien, die weitreichenden Folgen haben.

Unsere Bedenken richten sich primär auf Fragen des Zugangs, des Besitzes und der Kontrolle. Ein zweiter Bereich sind gesundheitsrelevante Aspekte und Sicherheitsfragen. Die synthetische Biologie, über die wir hier sprechen, ist nicht darauf beschränkt, ein einzelnes Gen zu übertragen. Vielmehr geht es um das Maßschneidern der genetischen Information, um Genom-Editierung, um das Verändern der Anordnung der Grundbausteine der genetischen Information. Und all diese Technologien sind sehr machtvoll, sehr schnell. Früher erforderte die DNA-Analyse mühsame Handarbeit, heute wird sie von Computern durchgeführt. Daher braucht es angemessene Regularien für die Handhabung, um zu garantieren, dass die Sorgen der Gesellschaft und Umweltbelange berücksichtigt oder geschützt werden.

 

Was bedeutet das für marginalisierte Gesellschaften?

Allein kurzfristig sind rund 250 verschiedene Stoffe, insbesondere Geschmacksrohstoffe, gefährdet, die fast ausschließlich von Landwirten in tropischen Zonen zehn Grad nördlich und südlich des Äquators angebaut und an weiterverarbeitende Unternehmen verkauft werden. Es geht um ein Geschäft von tausenden Millionen Dollar und um Millionen Bauern und Bäuerinnen, die betroffen sein werden. Die Nachfrage etwa nach Stevia ist enorm gewachsen, ein zucker- und kalorienfreies Süßungsmittel, das aus dem Süßkraut gewonnen wird. Es wird ursprünglich in Paraguay und nun vermehrt in Kenia und China angebaut. Die Nahrungsmittelindustrie möchte mit Stevia Zucker aus Zuckerrohr und Zuckerrübe ersetzten, um zum Beispiel die Kalorienmenge von Softdrinks zu senken. Die Unternehmen würden Stevia gerne aus der landwirtschaftlichen Produktion herauslösen und in Bottichen brauen, zum Beispiel in der Schweiz.

Mithilfe der synthetischen Biologie könnte man eine schnellwachsende Hefe genetisch so verändern, dass Stevia von ihr direkt produziert wird. Damit hätten die Stevia-Landwirte und die Wirtschaft der Anbauländer das Nachsehen, während der Profit in der Schweiz, Deutschland oder den USA verbleiben würde. Kurzfristig können die Folgen verheerend sein, vor allem, wenn die LandwirtInnen keinen Zugang mehr zu den Märkten haben. Einige sehen sich vielleicht gezwungen, den Anbau aufzugeben und in die Städte zu migrieren.

 

Wie bewerten Sie die möglichen Auswirkungen auf die agrarbiologische Vielfalt und auf die Landnutzungsmuster in den jetzigen Anbauländern?

Eine weitere sehr profitable Pflanze ist Vanille. Vanillin ist bereits seit Jahrzehnten synthetisch herstellbar. Aber die Schotenvanille ist nach wie vor ein hochwertiger Geschmacksstoff mit einem derzeit hohen Marktpreis. Sie wird zum Beispiel auf Madagaskar und in Mosambik angebaut und verspricht dort den LandwirtInnen ein gutes Einkommen – also in Regionen, die klimabedingt mit Wirbelstürmen, Extremniederschlägen und auch Dürren zu kämpfen haben, zudem mit politischer Instabilität. Würde Vanille plötzlich aus dem Anbau verschwinden, könnten die Landwirte nicht einfach, wie es die Unternehmen vorschlagen, Kartoffeln anbauen.

Wir beobachten, dass viele Menschen von ihrem Land indirekt vertrieben werden, weil sie kein Einkommen mehr generieren können. Zudem werden die tropischen Regenwälder, in denen die Pflanze wächst, gefällt, um am Ende andere Cash Crops anzubauen. Die Waldbestände sind aber Voraussetzung für den Anbau von Vanille, der damit zugleich die biologische Vielfalt schützt oder erhält. Diese Fragen stellen sich rund um den Globus mit jeder Feldfrucht neu. Derzeit sind uns mindestens 250 Arten bekannt, deren Anbau durch die synthetische Biologie gefährdet ist. Wir können die UN auffordern, den Codex Alimentarius heranziehen, der einen fairen Handel mit Lebensmitteln auf internationaler Ebene und den Schutz der Gesundheit von VerbraucherInnen fordert. Unternehmen wie Cargill, Coca-Cola und Nestle behaupten aber, dass die Produkte der synthetischen Biologie natürlich seien, weil sie identische Stoffe herstellen, was aber nicht sicher ist. Wenn sie sich mit ihren Forderungen bei der FAO durchsetzen, wird das verheerende Auswirkungen haben, denn es geht um Milliardengeschäfte – und damit um das Einkommen der betroffenen Landwirte.

 

Die politischen Versprechen rund um die synthetische Biologie sind etwa die Bekämpfung der Nahrungskrise, der Energiekrise und des Klimawandels. Gerade auch marginalisierte Gebiete in armen Ländern wie Malawi, Tansania oder Indien könnten davon profitieren. Auch ranken sich die Versprechen rund um den Leitgedanken einer nachhaltigen Entwicklung und betonen die Dringlichkeit von Lösungen. Es gebe keine Zeit zu verlieren. Wie ist Ihre Einschätzung, gerade beim Nahrungspflanzenanbau?

Sicher, die Unternehmen bringen das Argument vor, dass sie dank der synthetischen Biologie die Mais-, Weizen- und Sojasorten optimieren können, sogar die Ölpalme. Unsere grundsätzlichen Bedenken gehen über den derzeit akut gefährdeten Anbau der Geschmacksstoffe weit hinaus. Das Interesse der Agroindustrie gilt den  Eigenschaften der wichtigsten Kohlenhydrat- und Knollenpflanzen - und damit geht es um die Welternährung.

Zum einen ist es jedoch noch Spekulation, ob und wie sicher diese Technologien funktionieren. Zum anderen wird die Gesellschaft die steigenden Preise für diese Nahrungsmittel tragen müssen. Die Landwirte werden mehr für das Saatgut zahlen müssen und für eine Technologie, die zudem gefährlich sein kann. Mit der genetischen Veränderung wird ein weiterer Teil der Wertschöpfung an die Unternehmen übertragen, die Landwirte werden weniger Einkommen generieren. Diese Bedenken sind weitreichender als bei den Geschmacksstoffen, wenngleich nicht so unmittelbar, da die Unternehmen derzeit bei der Entwicklung neuer Getreidesorten eher langsam agieren. Auch, weil aufgrund des Freilandanbaus viel größere Anforderungen an die Pflanzen gestellt werden als an Organismen, deren Wachstumsumgebung man im Fermenter weitgehend kontrollieren kann. Von daher überwiegt im Grundnahrungsbereich die Sorge, dass es zu entsetzlichen Verheerungen und Freisetzungen kommen kann, wenn irgendetwas schiefläuft.

 

Wer entscheidet, in welche Forschung die Gelder fließen, wenn es um Fragen der Ernährungssicherung geht?

Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Zum einen beobachten wir eine enorme Abnahme der öffentlich geförderten Forschung – zumindest in den industrialisierten Ländern. Für den Globalen Süden liegen hierzu weniger Daten vor, aber ich bin sicher, dort ist es genauso. Die Forschungsgelder sind in den letzten Jahren in Europa und Nordamerika um sechs Prozent zurückgegangen – diese Tendenz hält an.

Noch entscheidender ist aber ein anderer Punkt: Seit einiger Zeit beobachten wir, dass die Forschungsschwerpunkte öffentlicher Einrichtungen von den Interessen der privaten Unternehmen stark beeinflusst werden. So sehen wir in Kanada, dass die öffentlichen Forschungsvorhaben von privaten Unternehmen gutgeheißen und gebilligt werden müssen, bevor staatliche Gelder überhaupt genehmigt werden. Wenn etwa Unternehmen wie Bayer oder BASF behaupten, dass dies oder jenes für sie nicht interessant sei und sie nicht wünschen, dass darin investiert wird, dann wird es voraussichtlich auch nicht finanziert.

Diese Praxis trifft ebenso auf die USA zu und weitet sich auch in Europa aus. Ob Forschung nun explizit staatlich oder implizit unternehmensgesteuert ist – der private Sektor hat die öffentliche Forschungsrichtung stark beeinflusst und umgeleitet. Und er profitiert von der vergleichsweise billigen Arbeitskraft in der öffentlichen Forschung. Diese Forschungsrealität setzt sich in Ländern wie Brasilien, Argentinien, Indien und China fort.

 

Inwieweit spielt hier die Tatsache eine Rolle, dass die multinationalen Unternehmen ihre Tochterfirmen weltweit gestreut haben? Und somit auch im 24-Stunden-Takt mit mehreren Forschungsteams in verschiedenen Laboren an einer Sache forschen können?

Zum Glück machen wir das ja auch, die zivilgesellschaftlichen Gruppen ticken da nicht anders. In der Forschung geht die Sonne niemals unter. Das Problem ist: Der Fokus der großen Unternehmen ist extrem eng, 40 bis 45 Prozent aller landwirtschaftlicher Forschung weltweit konzentriert sich auf eine einzige Pflanze, auf den Mais. Wie sollen wir damit angemessen auf den Klimawandel reagieren? Wie können Nahrungsengpässe und Mangelernährung bewältigt werden, wenn sich alles auf eine einzige Pflanze konzentriert? Das macht überhaupt keinen Sinn.

Zudem richtet sich das Interesse der Unternehmen auf die kapitalisierten Märkte, es geht ihnen um die Menge an Kalorien, die in die Nahrungsmittel-Produktionssysteme der industrialisierten Länder fließen oder in die der wachsenden Mittelklasse des Globalen Südens. Die Agrarindustrie orientiert sich weniger an Fragen der Welternährung als vielmehr auf Absatzmärkte.

 

Viele soziale Bewegungen blicken auf die Bedürfnisse der Kleinbauernschaft – und vergessen dabei leicht die Tatsache, dass die Hälfte der Weltbevölkerung in urbanen Zentren lebt. Damit steigt natürlich auch der Bedarf an Nahrungsmitteln, wenngleich bekannt ist, dass es immer auch um die Frage geht, wer Zugang zu den vorhandenen Nahrungsmitteln hat und wer nicht. Was geschieht, wenn die synthetische Biologie mit der Informationstechnologie und Big Data fusioniert, um die Welternährung zu sichern?

Kleinere Landwirte liefern heute 70 Prozent der Nahrung für die Weltbevölkerung, sie wirtschaften aber auf einem Viertel der landwirtschaftlichen Flächen. Dieses Verhältnis hat sich in den letzten Dekaden verschoben, die großen Agrarunternehmen schielen auf den Großhandel und auf die finanzkräftigen KonsumentInnen. Die Ernährung der Armen und die ländlichen Kleinmärkte, wo etwa die Einlagerung von Ernten ein großes Problem darstellt, sind nicht ihr Interesse.

Auch ignorieren sie die Tatsache, dass sehr viele Nahrungsmittel in den Städten ebenfalls von Kleinbetrieben produziert werden. Es wäre fair, Bauern und Bäuerinnen nicht nur auf dem Land, sondern auch in urbanen Zentren als solche anzuerkennen. Bis zu einem Viertel aller Nahrungsprodukte wie Eier, Hühner, Gemüse und Früchte könnten in den Städten produziert werden. Es ist wichtig, für die lokale und einheimische Nahrungsproduktion durch KleinproduzentInnen die entsprechenden Räume zu schaffen.

 

Nicht nur im Globalen Süden.

Absolut nicht. Überall, wo es von den Wachstumsbedingungen her möglich ist.

 

Zu den Risiken der synthetischen Biologie: Warum brauchen wir neue rechtliche Verfahren für die neuartigen Organismen, Pflanzenzüchtungen und Mikroben?

Es steht außer Frage, dass die minimale Regulierung auf der Ebene des Cartagena-Protokolls (Internationales Protokoll über die biologische Sicherheit) der Vereinten Nationen über den Umgang mit genetisch veränderten Organismen die Grundlage für eine ganze Reihe von Regelwerken ist, die wir für notwendig erachten, um die biologische Sicherheit zu garantieren. Denn die Reichweite der synthetischen Biologie ist viel größer als die traditionellen GVOs, man kann jede beliebige Pflanze hernehmen, ihr Genom entschlüsseln und nach der Genkartierung jeden beliebigen Bereich herausnehmen und weiter nutzen oder verbauen. Die neuen genetischen Eigenschaften, die nun innerhalb eines Organismus erzeugt werden, könnten sich im Freiland oder in der Natur dominant vererben und ausweiten. Eine veränderte DNA zum Beispiel von Blumenkohl, der Kulturtomate oder von Reis könnte auf die Wildarten oder andere Arten überspringen – das ist unter Umständen ein völlig unkontrollierbarer Vorgang.

Die Macht dieser Technologie ist enorm. Derzeit sprechen Unternehmen davon, die DNA von Stechmücken oder auch von Kulturpflanzen zu verändern. Das klingt zunächst vielversprechend, weil auf diese Weise weniger toxische Stoffe, weniger Pflanzenschutzmittel und weniger Kunstdünger eingesetzt werden müssten. Doch wenn die genetische Veränderung auf andere Arten übergeht, wie soll man das rückgängig machen? Derzeit ist das unmöglich. Daher brauchen wir eine ganze Reihe neuer Regelwerke, um erstens die Nahrungsproduktion und die Felder zu schützen und zweitens die Gesellschaft.

 

In Europa ist das Vorsorgeprinzip – zumindest im Vergleich zu Nordamerika – recht stark verankert und die Bevölkerung ist hinsichtlich möglicher Risiken durch klassische GVOs weitgehend sensibilisiert. Aber viele denken auch, ein Bioreaktor oder ein Fermenter ist ein geschlossenes System und daher sicher, also nicht vergleichbar mit gentechnisch verändertem Saatgut, das ins Freiland gepflanzt wird. Da könne kein Gen entkommen…

Alles kann freigesetzt werden. Zudem ist an die Genbanken zu denken, die digitalen Bibliotheken. Schauen wir in die USA: das Militär und die Behörde zur Bekämpfung von Seuchen sind in der Überwachung von Pflanzenkrankheiten und Tierseuchen stark involviert. Sie haben für ihre Labore die höchsten Sicherheitsstufen, um eine Freisetzung zu verhindern. In ihren Forschungsprogrammen ist zugleich die Möglichkeit, dass es zur Freisetzung kommt, immer enthalten. Ob eine Freisetzung dann absichtlich, kontrolliert oder versehentlich geschieht, ist nicht die eigentliche Frage. Es ist schlicht naiv zu denken, das, was im Labor passiert, gelange nicht nach draußen.

Unsere derzeitigen Bedenken kreisen jedoch weniger darum, dass der Freilandanbau unsicher wird oder Erbgutschäden verbreitet werden. Unsere Sorge gilt vielmehr der Frage, wer die DNA am Ende besitzt oder die Kontrolle über das Erbgut beansprucht. Hier haben wir bemerkenswerte Entwicklungen in Unternehmen beobachtet, die das Erbgut von Arten kartieren, die Erbguteigenschaften in eine Cloud stellen, sodass andere diese digitale Information privat herunterladen können und Arten oder Gensequenzen außerhalb jeglicher rechtlicher Regulierung verschalten.

Auch die Frage der Gewinnverteilung ist nicht geregelt. Diese Tendenz ist alarmierend! In den letzten Monaten konnten wir beobachten, wie die chinesische Firma BGI, das ehemalige Beijing Genomics Institute, sich darum bemüht, weltweit alle Saatgutbanken und Genbanken zu kontaktieren, um Proben zu bekommen. BGI will das gesamte Material anderer Genbanken mit ihrem Equipment sequenzieren und kartieren und schlägt vor, Teile davon in eine Cloud zu stellen und so zurückspielen.

 

Wir beobachten zugleich, dass einige Akteure aus dem Globalen Süden wie zum Beispiel Indonesien in der synthetischen Biologie die Chance für eine aufholende Entwicklung sehen, weil manche Länder einen enormen Reichtum an biologischer Vielfalt auf ihrem Territorium beherbergen. Sie hoffen, sich in der Bioökonomie einen Platz als globaler Akteur sichern zu können und haben teilweise dezidierte Bioökonomie-Strategiepapiere vorgelegt. Wie stehen ihre Chancen?

Das ist nicht neu, doch solche Hoffnungen haben sich bisher nicht bewahrheitet und die Mehrzahl der Armen lebt nach wie vor im Globalen Süden. Und die Chance, dass dies in Zukunft passiert, ist heute umso geringer: Die Kombination der synthetischen Biologie mit der digitalen Datenverarbeitung erlaubt es, dass ein Unternehmen aufs Feld geht, das Erbgut der Arten sequenziert und die Information über eine Cloud verschickt. Die DNA-Information kann in Paraguay, in Deutschland oder der Schweiz heruntergeladen werden und Computer bauen aus der digitalen Information die Eigenschaften nach, nach denen die Unternehmen suchen oder auf die sie aus sind. Diese Form der Biopiraterie hat keinen Nutzen für den Globalen Süden. Würden wir in einer Welt mit lauter ‚Gutmenschen‘ leben, die schöne nützliche Dinge tun, dann könnten wir die Hoffnung haben, dass einige der wissenschaftlichen Werkzeuge mit Vorsicht und Sorgfalt und nach öffentlicher Vereinbarung oder Entscheidung so gehandhabt werden, dass alle - auch der Globale Süden - davon etwas haben. Aber wir leben derzeit nicht in einer solchen Welt. Wir wollen niemanden von einer nützlichen Forschung und Technologie in einer sicheren Umgebung unter sozialer Kontrolle abhalten. Aber wir sehen derzeit nicht, dass dies geschieht.

 

Was wird geschehen, wenn Versicherungsgesellschaften in diesem Forschungs- und Tätigkeitsfeld aktiv werden? Was könnte schlimmstenfalls passieren, wenn sie mit der Agrarindustrie zusammenarbeiten?

Die Versicherungsgesellschaften befinden sich in einer zwiespältigen Lage. Oft sind sie wegen der ökologischen und gesundheitlichen Risiken der synthetischen Biologie unwillig, die Unternehmen zu versichern. Somit sind sie in vielerlei Hinsicht auf der Seite der Zivilgesellschaft und lassen Vorsicht walten, um negative Rückwirkungen auf sie selber und auf die Gesellschaft zu verhindern. Aber langfristig ändert sich das.

So wie  Unternehmen derzeit vorschlagen, das Potenzial von Big Data und synthetischer Biologie in Kombination zu nutzen, ist die Rolle der Landwirtschafts- und Ernteversicherungen interessant: Wir beobachten eine Konzentration von Wissen in der Hand sehr weniger Unternehmen. Oftmals kann man Saatgut- und Pestizidakteure nicht mehr auseinanderdividieren, sie sind in einem Unternehmen konzentriert, so etwa bei Bayer und BASF in Deutschland, bei Monsanto, Syngenta mit Anteilen in Chem China, oder bei der ehemaligen Dow Company. Diese Riesen dominieren den gesamten Bereich, sie haben die großen Datenbanken der Anbaupflanzen aufgekauft und hantieren damit auch im Freiland.

Dann sind da Landmaschinenhersteller, die finanzkräftiger sind als die Saatgut- und Pestizidunternehmen und die auch einen guten Zugang zu digitalen Datenbanken haben. Genannt sei CNH aus den Niederlanden, John Deere in den USA, oder Kubota in Japan. Ihre hochtechnisierten Maschinen pflanzen das Saatgut, bringen Pestizide und Dünger aus und bewässern die Felder. Sie haben detaillierte Informationen über jeden Zentimeter Erde und wissen sogar weit besser als die Unternehmen, was sie in welchen Mengen ausbringen. Während der Erntezeit sind es die gleichen, die Zentimeter für Zentimeter sagen können, wie der Ertrag ist. Sie kontrollieren die digitale Information mehr als alle anderen Akteure. Sie können also die Versicherung mit detaillierten Daten beliefern – und sie kombinieren ihr Wissen über den Anbau mit Klimadaten und Marktpreisen.

 

Inwiefern ist das Berufsbild eines Landwirts in dieser Form der digitalisierten Landwirtschaft ganz neu zu definieren?

Das ist genau die andere große Veränderung, die wir mit der Digitalisierung beobachten. Forschung und lokales bäuerliches Wissen haben hier sozusagen ausgespielt. Die Landwirte waren indirekt wegen der kleineren Flächen davor geschützt, weil sie auf sehr unterschiedlichem Gelände mit unterschiedlichen Bodenbeschaffenheiten angebaut und individuelle Entscheidungen getroffen haben. Wir werden bei der industriellen Nahrungsproduktion von der Anbauumgebung völlig abgeschnitten werden. Mit Big Data und den Werkzeugen der synthetischen Biologie ist es möglich, die Anbauflächen der kleineren Landwirte in eine große industrielle Produktionsstrategie zu integrieren. Die Roboter und die Maschinen nehmen auf die Feldgröße keine Rücksicht. Schon heute können sie auch ineinander verschränkt als Kombinat über riesige Felder fahren und jede Pflanzreihe anders handhaben, sozusagen nach Packungsbeilage des jeweiligen Saatguts variable Gaben von Dünger verabreichen.

 

Das klingt mehr nach einem Computerspiel…

Tatsächlich ist das Vorgehen beim Programmieren der Software teilweise das gleiche wie bei der Entwicklung eines Computerstrategiespiels. Aber schauen wir nochmal auf das, was jetzt schon tatsächlich auf dem Feld geschieht: Genutzt wird eine Profil-Technologie, um zum Beispiel Pflanzenkrankheiten oder Düngeransprüche zu identifizieren, und diese basieren ihrerseits auf der Interpretation der Unternehmen. Sie bestimmen dann, was aus ihrer Sicht notwendig ist – nicht, was der Bauer für nötig erachtet.

 

Die Akteure der Bioökonomie möchten die Nutzung von Biomasse durch eine Kaskadennutzung verbessern. Teilweise klingen diese Ziele nach Dekarbonisierung, De-Growth und Post-Development. Wie könnte die Bioökonomie eine De-Growth-Strategie im globalen Maßstab unterstützen, und welche Risiken wären damit verbunden?

Es ist eben das globale Ausmaß, das mich nervös werden lässt. Diese Art überregionaler Großstrategien, die dann auf dem halben afrikanischen Kontinent umgesetzt werden sollen oder im gesamten Amazonasgebiet, irritiert mich, vor allem die politische Dimension. Die Gemeinden sollen das Recht haben, ihre Interessen zu vertreten, und ich denke, die lokalen Gegebenheiten werden ihre Sichtweise mit beeinflussen. Die Idee, den gesamten Planeten für die Produktion von Nahrungsmitteln, Futtermitteln und zur Energieerzeugung zu nutzen, wirft die Frage auf, was mit dem Boden passiert, wie soll er sich regenerieren?

Hier kommt dann gerne der Vorschlag einer zweiten Ebene ins Spiel, nämlich die Nutzung der Mikroben und wie sich die Mikroben im Boden entsprechend mit der synthetischen Biologie regenerieren lassen. Nun, das wird sehr schnell eine sehr komplizierte Angelegenheit. In Anbetracht der Diversität der Lebensbedingungen von Pflanzen, Tieren und Mikroben habe ich keinerlei Vertrauen darin, dass es Unternehmen oder auch öffentliche Institutionen gibt, die diese Komplexität einfach so handhaben können. Dafür sollten wir nichts riskieren.

Eine Feststellung, die ich in der letzten Zeit im Rahmen meiner Recherchen machen musste und die mich geschockt hat, ist die wachsende Rolle Deutschlands im Agrarsektor. Deutsche Unternehmen dominieren mit Bayer und BASF zunehmend Saatgutfirmen weltweit. KWS Saat SE ist inzwischen zum sechsgrößten Akteur auf der Hitliste der Großunternehmen aufgestiegen. Auch bei den Landmaschinen ist Deutschland groß dabei. Beim Kunstdünger hat es schon immer eine wichtige Rolle gespielt, und auch am anderen Ende der Nahrungskette, bei den KonsumentInnen, ist Deutschland ein mächtiger Akteur. Ich halte es für wichtig, dass die deutsche Öffentlichkeit dieser Entwicklung Aufmerksamkeit zollt und darauf achtet, wie Deutschland ein besseres System für rechtliche Regulierungen mit auf den Weg bringen kann.

Was ich immer wieder erfahren habe, ist, dass die Regierung in Deutschland durch die Zivilgesellschaft beeinflusst und in eine andere Richtung umgelenkt werden kann. Es gibt dort eine gewisse Flexibilität und Deutschland könnte demnach eine konstruktivere Rolle im Bereich langfristiger Ernährungssicherheit und Ernährungssouveränität spielen, als es bisher der Fall war. Ich hoffe darauf, dass die Zivilgesellschaft ihre Einflussmöglichkeiten in diese Richtung nutzt.

 

 

Das Interview mit Pat Mooney führte und übersetzte aus dem Englischen: Martina Backes (iz3w). Eine kürzere Fassung dieses Interviews erscheint in iz3w 368 (September/ Oktober 2018) Das Interview kann als Audiodatei mit deutscher Overvoice nachgehört werden unter: https://rdl.de/snf_51/Pat-Mooney-Interview

368 | Bioökonomie
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