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Jesmyn Wardr: Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt / Hari Kunzru: White Tears

Zwei Romane erzählen aus unterschiedlichen Perspektiven von Rassismus in den USA und kommen dabei doch zu ähnlichen Schlüssen. Rezension von Larissa Schober.

Gespenster des Rassismus

In ihrem Roman »Vor dem Sturm« erzählt Jesmyn Ward von einer armen, schwarzen Familie im Mississippi-Delta, kurz vor dem Hurrikan Katrina. Ihr neuer Roman Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt dreht sich wieder um eine schwarze Familie im Delta, dieses Mal nach Katrina. Er wurde ebenfalls mit dem National Book Award ausgezeichnet.

Der 13-jährige Jojo und seine kleine Schwester Kayla wachsen in ärmlichen Verhältnissen bei ihren Großeltern auf. Ihre Mutter Leonie kümmert sich wenig um sie. Als ihr Vater Michael aus dem Gefängnis entlassen wird, begibt sich Leonie mit den Kindern und einer drogensüchtigen Freundin auf einen zweitägigen Roadtrip, um ihn abzuholen. Parchman Farm, das Gefängnis, in dem Michael einsaß, wird zum Dreh- und Angelpunkt des Romans. Jojos Großvater litt dort bereits unter dem brutalen Rassismus der Südstaaten, und als Jojo das Gefängnis erreicht, holt ihn die Tragödie des Großvaters in Gestalt eines Geistes ein.

Wards Roman erzählt vom tief verwurzelten Rassismus in den USA und zeichnet geschickt Verbindungen von der Jim-Crow-Ära bis heute. Es ist ein düsteres, hoffnungsloses Buch über die vielzitierten Loser der amerikanischen Gesellschaft, in dem die Perspektivlosigkeit alles zu erdrücken scheint. Erzählerisch bleibt der Roman jedoch hinter »Vor dem Sturm« zurück. Zwar gibt es kraftvolle und eindringliche Szenen, aber es dauert lange, bis die Geschichte Fahrt aufnimmt. Zudem wirken die vielen Anspielungen auf die Bibel, die Odyssee und klassische Südstaatenerzählungen bemüht. Der Magische Realismus, der mit den Geistern Einzug in den Roman hält, fängt zwar die Traumata der ProtagonistInnen gut ein, wird aber überstrapaziert. Die deutsche Übersetzung ist zudem etwas holprig, was sich bereits am Titel zeigt, der im Original »Sing, Unburied, sing« lautet.

Gelungen ist hingegen die Struktur des Buches. Die einzelnen Kapitel werden abwechselnd aus der Ich-Perspektive von Jojo und Leonie erzählt. Dadurch werden die sich häufig diametral gegenüberstehenden Perspektiven nachvollziehbar, was besonders bei Leonie interessant ist. Während sie am Anfang wie ein Klischee wirkt – jung, schwarz, drogensüchtig, ignorant – wird sie später immer vielschichtiger und ihre Verzweiflung greifbar. In der Rezeption des Buches wird oft davon gesprochen, dass es »familiäre Bindungen und ihre Grenzen« darstelle. In der Figur von Leonie scheint aber eine Kritik an Mutterschaft auf, die durchaus als feministisch interpretiert werden kann. Das ist, neben seiner schonungslosen Darstellung des Rassismus, eine Stärke des Romans, bei dem es sich lohnt, ihn im Original zu lesen.

Der ebenfalls neu auf Deutsch erschienene Roman White Tears von Hari Kunzru behandelt auf den ersten Blick ganz andere Themen. Seth und Carter sind New Yorker Hipster, die recht erfolgreich ein Tonstudio betreiben. Sie haben sich auf dem College kennengelernt und könnten unterschiedlicher nicht sein. Seth ist mittelloser Außenseiter mit dem Gespür für Musik, Carter charismatischer Millionenerbe mit dem nötigen Geld für Sammlungen, Instrumente und Computer.

In ihrer Musikobsession arbeiten sie sich durch die amerikanische Musikgeschichte, die vor allem eine schwarze ist. Blues, Jazz und Soul tun es ihnen besonders an und stellen für sie eine Flucht aus der Kälte der digitalen Gegenwart dar. In ihrem Studio verpassen sie aktuellen Bands einen Retro-Sound und sind gleichzeitig immer auf der Suche nach »Authentizität«, die ihrer Meinung nach nur in alter Musik zu finden ist.

Dieser erste Teil des Romans ist eine ironische Abrechnung mit Hipstern, die auf der Suche nach ihrer eigenen Identität andere ausprobieren oder sogar stehlen. «Wir hatten das Gefühl, dass unsere Liebe zur Musik uns das Recht verlieh, schwarz zu sein«, sagt Seth über Carter und sich. Diese Arroganz kommt auch prägnant in den Bescheidenheitsposen von Carter und seiner Schwester Leonie zum Ausdruck, die im Existenzkampf von MusikerInnen auf eine krude Weise Wahrhaftigkeit suchen, dabei aber immer von altem, weißem Geld verwöhnte Kinder bleiben.

Auf den zweiten Blick gibt es jedoch erstaunliche thematische Überschneidungen mit »Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt«. Nach und nach erzählt auch »White Tears« vom langen Schatten des Rassismus in den USA. Die Obsession für einen Bluessong, den es angeblich nie gegeben hat, entwickelt sich für Carter und Seth zum Fluch. So begibt sich auch Seth schließlich auf einen Roadtrip in die Südstaaten, auf dem die Gegenwart immer poröser wird, mit der Vergangenheit verschwimmt und schließlich die Realität an sich in Frage gestellt wird.

Wie Ward erzählt auch Kunzru schonungslos von der Jim-Crow-Ära und ihren Folgen bis heute, die viel zu wenig thematisiert werden. Auch »White Tears« wird schlussendlich zu einer Geistergeschichte, mit einem nicht weniger verstörenden Ende als Wards Roman. Auf dem Weg dahin macht Kunzru ebenfalls Anleihen an klassische Südstaatenerzählungen, allen voran von William Faulkner, webt diese jedoch viel geschickter in den Ton seines Romans ein. Die Erzählung ist zudem von Anfang an temporeich und so mitreißend, dass man als Lesende zwischenzeitlich gemeinsam mit Seth an seinem Verstand zweifelt und Gegenwart und Vergangenheit nur schwer auseinander halten kann.

Neben Faulkner nennt Kunzru die Texte des britischen Kulturtheoretikers Mark Fisher zu Hauntology als wichtigen Referenzpunkt für »White Tears«. Hauntology beschreibe einen Zustand, »in dem das Leben weitergeht, aber die Zeit irgendwie zum Stillstand gekommen ist«, in dem »die Unterscheidung zwischen Vergangenheit und Gegenwart« zusammengebrochen sei, schreibt Fisher in seiner Essaysammlung »Gespenster meines Lebens«. Kunzru hat diesen Gedanken wörtlich genommen und zu einem furiosen Roman verarbeitet.

Larissa Schober

Jesmyn Wardr: Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt. Kunstmann Verlag, München 2018. 304 Seiten, 22 Euro.

Hari Kunzru: White Tears. Liebeskind, München 2018. 352 Seiten, 22 Euro.

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