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Panama: Verkauft am Kanal

Die Nachkommen afrikanischer SklavInnen sowie von ArbeiterInnen aus der Karibik kämpfen um ihre Gleichberechtigung in Panama. Obwohl sie ein wesentliches Fundament der dortigen Bevölkerung, Kultur und Ökonomie sind, ist das Thema marginal.

von Oliver Schulten

Ab 2015 hat die UN-Generalversammlung eine »Internationale Dekade für Menschen afrikanischer Abstammung« beschlossen. In den zehn Jahren sollen die unterzeichnenden Staaten für die Anerkennung, Rechte und Entwicklung von Menschen mit afrikanischen Wurzeln eintreten und Rassismus bekämpfen. Hierzu gehört eine Auseinandersetzung mit der eigenen Sklaverei- und Kolonialgeschichte. Das Vorhaben wäre für Panama äußerst lohnend. Doch die umfangreiche »farbige« Geschichte der mittelamerikanischen Republik wird fast nur in wissenschaftlichen Zirkeln diskutiert.

Dabei haben insgesamt über 65 Prozent der Bevölkerung Panamas afrikanische Vorfahren. 2015 stellte die Arbeitsgruppe des UNO-Menschenrechtsrats fest, dass die Hautfarbe für die Chancen auf eine gute Ausbildung, Beruf und den Status eines Menschen in Panama entscheidend ist. Dabei seien Afro-PanamaerInnen ständiger Diskriminierung, Marginalisierung und Armut ausgesetzt. Dem stehen deren Kämpfe um Anerkennung entgegen. Um die Anliegen der Afro-PanamaerInnen besser zu verstehen, ist ein Blick in die afrikanische Geschichte Panamas notwendig.

 

Zwei sehr verschiedene Kolonialzeiten

Archäologische und botanische Funde lassen den Schluss zu, dass bereits weit vor Ankunft der ersten Europäer Kontakte zwischen Afrika und den Amerikas bestanden. Ein 10.000 Jahre alter Fund aus Brasilien weist afrikanische Parasiten in Exkrementen nach. 3.000 Jahre alte Funde verweisen auf weitere frühe Kontakte: Haschisch, Koka und Tabak wurden nicht nur in Ägypten, sondern auch in der Andenregion dokumentiert. Tausend Jahre alte Keramik-Figuren aus Chiriqui in Westpanama weisen deutliche afrikanische Züge auf. Afrikanischer Reis wurde in den Amerikas bereits 1.000 Jahre vor der »Entdeckung« durch Kolumbus angepflanzt, in Teilen Afrikas stand amerikanischer Mais auf dem Speiseplan.

Auch schriftliche Quellen aus dem 14. Jahrhundert belegen frühere Kontakte. Mansa Muhammad, Herrscher über Mali in Westafrika, schickte vor dem Jahr 1312 Schiffe über den Atlantik, um nach kolonisierbarem Land Ausschau zu halten. Von den Besatzungen fehlte danach jede Spur. Der arabische Historiker Umari berichtet davon, dass Abu Bakari II, ein Onkel von Mansa Musa, eine Flotte von 400 Schiffen über den Atlantik entsandte. Nach der Rückkehr eines Schiffes wurde erneut eine Flotte von tausend Schiffen losgeschickt. Keiner kehrte zurück. Im Jahr 1513 überquerte der Spanier Vasco Nunez de Balboa die Landenge von Panama. Bei seiner Ankunft am Pazifik traf er auf afrikanische EinwohnerInnen. Diese konnten ihm jedoch nicht erklären, woher sie ursprünglich kamen. Außerdem besaßen die in der Nähe lebenden Cuarecas schwarze SklavInnen.

Etwa 19 Millionen AfrikanerInnen wurden zwischen 1501 und 1867 in die Amerikas deportiert, wovon etwa 100.000 nach Panama verschleppt wurden. 1508 wurden die ersten 40 afrikanischen SklavInnen von SpanierInnen nach Panama deportiert und im Straßenbau eingesetzt. Die meisten Opfer des Menschenhandels kamen im heute kolumbianischen Cartagena an, wurden auf die Märkte im Land verteilt oder mussten den Isthmus zu Fuß überqueren, um in Peru weiterverkauft zu werden. Nur der Einsatz der afrikanischen SklavInnen gewährleistete den Handel zwischen den weit voneinander entfernten spanischen Besitzungen.

Bezüglich der Herkunft ist die heutige schwarze Bevölkerung in zwei Gruppen unterteilt. Die eine Gruppe setzt sich aus NachfahrInnen der SklavInnen zusammen, die in der spanischen Kolonialzeit aus Afrika nach Panama deportiert wurden. Sie kamen aus dem Kongo, der Guinea-Region, Senegambia, Sierra Leone, Kamerun, Sao Tome, Mozambique, Nigeria und Angola. Die andere Gruppe sind die NachfahrInnen der ArbeiterInnen, die ab dem 19. Jahrhundert mehrheitlich aus der Karibik auf der Suche nach Arbeit ins Land kamen.

 

Neue Diskriminierung

Entflohene SklavInnen, Maroons genannt, schlossen sich seit den 1520er Jahren den Indigenas an und gründeten parallel dazu eigene Siedlungen (Palenques). Die im Osten Panamas gelegenen Regionen Darién und Castilla de Oro galten bereits in den 1540er Jahren als Zentren der Maroons. Die Sklavenrevolten bedrohten den Reise- und Warenverkehr in der Landenge, so dass der Vizekönig von Peru Truppen in das Gebiet entsandte, um die Aufstände niederzuschlagen. 1552 erreichten deportierte Mandingo-Sprechende aus Westafrika Panama. Einer von ihnen, Bayano, initiierte eine Revolte gegen die SpanierInnen. Im Darién gründete er unabhängige Siedlungen, die hunderte Jahre Bestand hatten. 1556 erhielten die Maroon-Siedlungen den Status kolonialer Städte innerhalb des spanischen Kolonialreiches.

Nach dem Tod von Bayano gründeten seine Wegbegleiter weitere Siedlungen. Felipillo, Anton Mandingo, Domingo Congo und Luis de Mozambique – die Namen der Männer geben Aufschluss über ihre Herkunft– führten den Kampf gegen die Kolonialmacht fort. Die Maroon-Siedlung von Villano beherbergte um 1570 über 2.000 Menschen. Im 17. Jahrhundert lebten 12.000 afrikanische SklavInnen in Panama und in der Hauptstadt stellten sie 80 Prozent der Stadtbevölkerung. Im Folgenden erhielten Maroons weitere Landrechte und viele von ihnen die Freiheit.

Im 18. Jahrhundert war die Gesellschaft nach der sogenannten »natürlichen Ordnung« gegliedert. EuropäerInnen bestimmten den Handel und das Geldwesen, während die afrikanische Mehrheit auf den Plantagen und in den Minen schuftete. Letztere waren 63 Prozent der EinwohnerInnen Panamas. Erschreckt durch die haitianische Revolution erließ die spanische Krone 1795 Gesetze (gracias al sacar), wonach AfrikanerInnen einen besseren Status erlangen konnten: Durch Abgaben konnten sie sich »Weiß-Kaufen«.

1824 wurde die Sklaverei im Land verboten. Die Zahl der freien Farbigen stieg auf über 45.000 an, die nun mit 9.000 EuropäerInnen und etwa 12.000 Indigenas in Panama lebten. Die Befreiung war begleitet von Übergangszeiten und Entschädigungszahlungen für Großgrund- und Plantagenbesitzer. Nun mussten die ehemaligen Sklavenhalter, vor allem 20 weiße Großgrundbesitzerfamilien in Panama, neue Arbeitskräfte suchen oder einen Lohn zahlen. Die meisten Freigelassenen weigerten sich zu bleiben. Viele kauften ein Stück Land und wurden Bäuerinnen und Bauern, andere HändlerInnen. Aus einigen bäuerlichen Niederlassungen wurden im Laufe der Jahre neue Siedlungen und kleine Städte.

Da die »natürliche Ordnung« der Gesellschaft nicht aufgehoben wurde, misslang eine Integration in die Gesellschaft. Die »Rassenmischung« würde zum Untergang der Weißen führen, da die Farbigen den Weißen biologisch unterlegen seien. Weiße durften keine Farbigen heiraten oder für diese arbeiten. Erste Forderungen nach Mitbestimmung und Beteiligung kamen jedoch auf. Das Staatsangehörigkeitsrecht sollte demnach ausgeweitet und Farbige sollten voll an politischen Prozessen beteiligt werden. Der Streit um die Hautfarbe erhielt durch die Einwanderung von ArbeitsmigrantInnen aus der Karibik neuen Zündstoff. Ab 1850 kamen etwa 200.000 Farbige, vor allem aus Jamaika, Barbados, Trinidad, St. Lucia, Martinique und Guadeloupe auf Arbeitssuche ins Land. Um sich anzupassen, traten einige zum Katholizismus über und lernten Spanisch. Diese Versuche reichten aber nicht aus, um gutbezahlte Jobs zu bekommen. In den folgenden Jahren bildeten die afro-karibischen MigrantInnen die unterste soziale Schicht im Land.

 

Harte Arbeit und kaum Rechte

In diese Zeit fiel die französische Bauphase des Panama-Kanals. Sie dauerte von 1881-1895 und kann als ein Höhepunkt des Fortlebens der alten Sklaverei durch den Staat – ohne die abgeschaffte  Rechtsform der Sklaverei – gelten. 60.000 westindische ArbeiterInnen kamen nach Panama. Als der Bau scheiterte, strandeten sie arbeitslos im Land. In der folgenden Bauphase wurde der Kanal zum Massengrab für ArbeiterInnen. Ein schwarzer Arbeiter verdiente jährlich um die 820 US-Dollar – die Hälfte seines weißen Kollegen. 1904 wurden westindische Menschen per Gesetz zu unerwünschten MigrantInnen erklärt. In diesem Jahr begann die amerikanische Phase des Kanalbaus und das Projekt fraß weiterhin Arbeiterleben, die sich zuletzt auf etwa 28.000 Opfer summierten.

In der Kanal-Zone gab es Städte ausschließlich für Weiße, wie Cristóbal, und Städte für Schwarze, wie Silver City. Oft wurden die ArbeiterInnen als silver und golden bezeichnet, für schwarz und weiß. In Cristóbal wohnten die weißen »gold-roll«-Angestellten. Sie wurden in US-Dollar im Goldstandard ausbezahlt, und nicht in der lokalen Silberwährung. Selbst in den Gefängnissen des Landes wurden die Insassen nach Hautfarben getrennt untergebracht. 1905 eskalierte die Situation und es kam zu schweren »Rassenunruhen«. In Panama-City gerieten streikende jamaikanische ArbeiterInnen mit der Polizei aneinander.

In den folgenden Jahrzehnten änderte sich an den Lebens- und Arbeitsumständen der Farbigen nichts. Eine Delegation aus den USA beschrieb 1975 die Lage der Farbigen in der Kanalzone als katastrophal. Sie fühlten sich an die Südstaaten der 1920er Jahre erinnert. Die Kanalverwaltung versprach Reformen: Die Rassentrennung in den Quartieren sollte aufgehoben werden, Schulen für alle Kinder zugänglich sein, höhere Posten in der Verwaltung auch an Farbige vergeben werden und alle Kanal-ArbeiterInnen gleiche Löhne erhalten.

Die ökonomische Segregation bildete sich in der Politik ab. Eusebio A. Morales, ein prägender Staatsmann Panamas nach der Unabhängigkeit von Kolumbien 1903, warnte 1919 vor der »massenhaften Einwanderung« von AsiatInnen und Farbigen aus der Karibik, welche Panama »negativ ethnisch« veränderten. Der Publizist Orlando Alfaro warnte 1923 vor der Gefahr der Schwarzen und dem Untergang der Weißen. BesucherInnen des Landes würden den Eindruck gewinnen, dass nur noch Schwarze in Panama lebten. Da diese sich nicht der spanischen Kultur anpassen könnten, würden sie immer Fremde bleiben. Er rief die Staaten Lateinamerikas auf, Panama gegen die »schwarze Übermacht« zu unterstützen. Ab 1926 wurde jedem Farbigen der kein Spanisch sprach die Einreise nach Panama untersagt. Den bereits in Panama lebenden Farbigen wurden die Staatsbürgerschaft verwehrt und nur bestimmte Arbeiten erlaubt. Außerdem durften sie das Land nicht mehr betreten, wenn sie es einmal verlassen hatten. Kinder, die nach 1928 geboren wurden, erhielten keine panamaische Staatsbürgerschaft. Bald lebten etwa 50.000 karibische ArbeitsmigrantInnen ohne Staatsbürgerschaft im Land. Sie konnten weder Land erwerben, noch zur Schule gehen oder vor Gericht ziehen.

Mit dem Aufstieg der Brüder Harmodio und Arnulfo Arias in die Landespolitik erlebte die »Rassenfrage« eine weitere Eskalationsstufe. Im Parlament und in der Presse wurde offen gegen die »Vermischung der Rassen« gewettert. Arnulfo Arias war als Gesundheitsminister für die Sterilisierung von afrikanischen Männern verantwortlich. 1940 wurde er – ein begeisterter Anhänger Hitlers und Mussolinis – Präsident des Landes. Englischsprachige Angehörige der »schwarzen Rasse«, der »gelben Rasse« und den »Rassen« aus Kleinasien, Indien und Nordafrika wurde die Einreise untersagt. AusländerInnen wurde per Gesetz verboten in höheren Positionen zu arbeiten. Neuen karibischen EinwanderInnen wurde erneut die Staatsangehörigkeit verwehrt und schließlich trat Arias für die Deportation aller Farbigen aus Panama ein. Bis 1960 hat es nur ein Farbiger in die Nationalversammlung des Landes geschafft, während die Arnulfo Arias zu Ehren genannte Partido Arnulfista/ Partido Panameñista noch heute eine erfolgreiche Partei ist.

Afro-PanamaerInnen organisierten in den 1970er und 1980er Jahren Kongresse und Demonstrationen. Eigene Organisationen wurden gegründet, um gegen die anhaltenden Diskriminierungen zu protestieren. Die Kongresse beinhalteten Themen wie den Beitrag der Afro-PanamaerInnen zur nationalen Kultur, Arbeitsrechte, die Beziehungen zwischen den verschiedenen Ethnien im Land, die Auswanderung von Afro-PanamaerInnen in die USA und internationale Kämpfe, etwa gegen die südafrikanische Apartheid. Zahlreiche Organisationen arbeiteten mit indigenen Gruppen zusammen. Unter der Regierung Torrijos (1968-81) wurden staatliche Verwaltungsstellen erstmals für Farbige zugänglich. Auch Militärmachthaber Manuel Noriega, der afrikanische Vorfahren hatte, setzte sich für die Belange dieser Gruppe ein. Als der Diktator 1989 von den USA abgesetzt wurde, verbuchten viele Afro-PanamaerInnen dies als herben Rückschlag.

 

Die alltägliche Benachteiligung bleibt

Zum Jahrtausendwechsel lebten 81 Prozent der farbigen Bevölkerung weiter in Armut, wobei die meisten im Eisenbahn- und Kanalbau sowie auf den Plantagen des Landes arbeiteten. Die karibischen EinwanderInnen und deren Sprache, das englische Kreol, werden bis heute nicht als eigenständig anerkannt. Ebenso wird ihr Beitrag zur Geschichte und Entwicklung des Landes von offizieller Seite negiert. Spanisch bleibt die offizielle Amtssprache und die spanische Kultur dominiert das öffentliche Leben.

Afro-PanamaerInnen sind nach wie vor am Obersten Gericht, in der Nationalversammlung und im Kabinett unterrepräsentiert. 2008 saß nur ein farbiger Minister im Kabinett. In ihren Wohngebieten wird kaum von staatlicher Seite investiert; Regierungs- und soziale Einrichtungen fehlen weitgehend. Farbige kommen auf dem Arbeitsmarkt kaum in höhere Positionen; Jobs mit Kundenkontakt werden selten an sie vergeben. Weiterhin werden sie im Erziehungs- und Gesundheitswesen diskriminiert. SchülerInnen wurde 2012 das Tragen von »typisch afrikanischen Frisuren«, wie eng anliegende geflochtene Zöpfe, verboten. In Schulbüchern finden Afro-PanamaerInnen kaum Platz. In den Medien werden Farbige mit Alkohol- und Drogenkonsum sowie mit Kriminalität in Verbindung gebracht und nur selten positiv dargestellt. Der Polizei wird Racial Profiling vorgeworfen. Neben dieser alltäglichen Diskriminierung existieren in Panama aktuell Formen der modernen Sklaverei: 15.900 Menschen, etwa 0,4 Prozent der Bevölkerung, sind von Zwangsarbeit, Menschenhandel und Zwangsprostitution betroffen.

Farbige stehen nach wie vor am Rand der Gesellschaft und müssen täglich um ihre Rechte kämpfen. Panama sollte die UN-Dekade für Menschen mit afrikanischen Wurzeln nutzen, um die angesprochenen Probleme öffentlich zu diskutieren, an gemeinsamen Lösungen zu arbeiten und ein gesellschaftliches Klima zu schaffen, in dem Rassismus keinen Nährboden mehr findet. Hier steht das Land auf allen Ebenen vor großen Herausforderungen. Da Sklaverei und Kolonialismus international als Verbrechen gegen die Menschheit eingestuft sind, müssen sich die kommenden Regierungen Panamas deutlich dazu positionieren und auch über Entschädigungen für begangenes Unrecht nachdenken.

 

Literaturliste zum Artikel

Oliver Schulten ist Experte für afrikanische Geschichte und lebt in Wuppertal. Eine Literaturliste über Afro-Panama findet sich auf der iz3w-Webseite zur Ausgabe 369.

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