Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 370 | Gefängnisse und Strafsysteme Heidrun Aigner, Sarah Kumnig (Hg.): Stadt für Alle

Heidrun Aigner, Sarah Kumnig (Hg.): Stadt für Alle

Konkrete Utopien für die Städte

»Städte sind strategische Orte, in denen neue Normen und neue Identitäten geformt werden – und wo neue politische Akteure aufkommen«, proklamiert die Soziologin Saskia Sassen. Auf sie bezieht sich der Sammelband Stadt für Alle von Heidrun Aigner und Sarah Kumnig. Die Beiträge des Bandes versammeln Überlegungen zu sozialer Integration und gesellschaftlichen Ausschluss in der westlichen Großstadt. Verhandelt wird dabei auf staatlicher wie globaler Ebene die Frage, welches Potenzial das Urbane bietet, um »der allgemeinen Tendenz der Abschottung und des Rassismus eine offenere, solidarische Politik entgegenzusetzen«. Die einzelnen Beiträge zeigen strukturellen und alltäglichen Rassismus auf, decken institutionelle Ausschlussmechanismen auf und eröffnen Handlungsmöglichkeiten für Einzelpersonen, Initiativen und Massenbewegungen.

Der Sammelband geht zurück auf eine interdisziplinäre Ringvorlesung an der Universität Wien. Zu Wort kommen 29 AutorInnen und Initiativen, die von alltäglichen Konflikten um Ausgrenzung, Diskriminierung und Selbstermächtigung in schweizerischen und österreichischen Großstädten berichten und von eigenen Projektkampagnen erzählen. Neben dem Diskurs um Flucht, Migration und Integration wird auch Ausgrenzung aufgrund von Sexarbeit, Obdachlosigkeit oder fremdartigem Aussehen aus der Perspektive der Betroffenen thematisiert. Das Cover des Buches ziert ein Graffito: »Alle die hier sind, sind von hier«. Aigner und Kumnig interpretieren den Schriftzug so, dass dieser »dem nationalen Wir-Gefühl ins Gesicht lacht und Zugehörigkeit nicht über die Farbe des Passes, sondern über das Anwesend-Sein an einem Ort definiert«.

Sarah Schilliger diskutiert in ihrem Artikel das Zugehörigkeitskonzept StadtsbürgerInnenschaft als »ein von staatlicher Seite verliehener Status, der Menschen je spezifische Rechte zuweist«, aber auch als »eine (kollektive) Praxis, durch die sich Menschen aktiv Rechte erkämpfen und aneignen«. StadtbewohnerInnen erscheinen also, wenn sie sich organisieren, als handlungsfähige AkteurInnen, die gegen strukturelle Ausgrenzungsmechanismen erfolgreich »von unten« ankämpfen können. Dies ist die Grundlage von Berichten über »alltägliche Auseinandersetzung mit Rassismus und Ausgrenzung« im Barber-Shop (Beitrag der Initiative Naija Aktarians), im Kunstatelier (Beitrag von Katarina Morawek), auf der Straße oder im Gerichtssaal (Beitrag von der Schweizer Allianz gegen Racial Profiling) und an vielen anderen Orten.

Ein Artikel der queer-feministischen migrantischen Initiative Maiz macht deutlich, wie wichtig es ist, den Integrationsdiskurs nicht aus der Perspektive der gesellschaftlichen Mitte zu führen. »Normalerweise führen bestimmte Institutionen, Organisationen und Vereine diesen Integrationsdiskurs, und dann kommt Maiz und sagt: ‚Hey Leute, Entschuldigung, das interessiert uns nicht‘. Maiz ist nicht hierhergekommen, um über Migrant*innen zu reden! Maiz ist gekommen, um über euch zu reden!« Dies ist der Perspektivenwechsel, den auch das Buch vollzieht, indem Ausgrenzungserlebnisse aus anderer Sicht nachvollziehbar gemacht werden. Die Lektüre lädt zur Selbstreflektion ein – über die eigenen Bewegungs- und Handlungsfreiheiten und ihre Grenzen in der Stadt, und die sich daraus erschließenden Möglichkeiten des Self-Empowerments.

Mischa Homlicher

 

Heidrun Aigner, Sarah Kumnig (Hg.): Stadt für Alle. Analysen und Aneignungen. Mandelbaum Verlag, Wien/Berlin 2018. 260 Seiten, 17 Euro.

370 | Gefängnisse und Strafsysteme
Cover Vergrößern