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Feminismus im Plural

Bericht über die Colloquiumsreihe „Feminismen des Globalen Südens“ des Cornelia Goethe Centrums an der Universität Frankfurt

Von Esther M. Franke und Radwa Khaled

Im Sommersemester 2018 waren „Feminismen des Globalen Südens“ das Thema einer Colloquiumsreihe des Cornelia Goethe Centrums an der Universität Frankfurt. Vor dem Hintergrund multipler Krisen in einer transnational vernetzten Welt, in der durch historisch gewachsene Strukturen und jüngere geopolitische Konstellationen Ungleichheiten unterschiedlich materialisiert, diskursiv reproduziert und verfestigt werden, wollte die Reihe ganz grundsätzlich Raum für Nord-Süd- Dialoge und intersektionale Solidaritäten bereitstellen. Interventionen in Machtstrukturen feministischer Wissensproduktion und die Auseinandersetzung mit konzeptionellen und strategischen Antworten auf gegenwärtige Krisenlagen, die jenseits eurozentrischer Logiken und Restriktionen erdacht und umgesetzt werden, sollten so ermöglicht werden.

Besonderes Interesse galt laut Ankündigung feministischen Kapitalismuskritiken, Konzepten und Praxen der Solidarität sowie dekolonialen Perspektiven auf Weltpolitik, die Geschlechterverhältnisse und intersektionale Dimensionen von Unterdrückung als transnational analysieren, das heißt gleichzeitig in lokale und globale Verhältnisse eingelassen. Damit ging es nicht zuletzt um normative Fragen nach den Möglichkeiten und Bedingungen globaler Gerechtigkeit, die in den feministischen Diskursen des Globalen Nordens immer noch viel zu selten im Fokus stehen.

Den roten Faden, der die thematisch sehr verschiedenen Beiträge miteinander verband, bildeten schlussendlich aber weniger politisch-strategische, als vielmehr grundlegende epistemologische Überlegungen. Deren Gemeinsames bestand vor allem darin, Verbindungen des Politischen und Epistemischen und Zusammenhänge der materiellen und der diskursiven Ausgangslagen feministischer Theorie und Praxis herauszuarbeiten.

Sumi Madhok eröffnete die Reihe mit ihrem Vortrag „On Doing Feminist Theory from the ‘Global South’: the Double-edged Swords of Agency and Rights“. Sie plädierte für mehr konzeptionelle Aufmerksamkeit auf die dynamischen Verhandlungen des umstrittenen Status von Agency und Rechten innerhalb von Graswurzelmobilisierungen im Globalen Süden, beispielhaft von ihr in Südasien untersucht. Während beide Konzepte in westlichen feministischen Diskursen als demokratisch fundiert und inhaltlich klar umrissen erscheinen, arbeitete Madhok nicht nur widersprüchliche Vorstellungen, sondern auch sehr unterschiedliche inhaltliche Konkretisierungen von Agency und der Inanspruchnahme von Rechten heraus, die nicht-eurozentrisch gerahmte feministische Kämpfe überhaupt erst sichtbar werden lassen.

Daraus folgte ihre paradigmatische Forderung nach einer permanenten Selbstreflexion der epistemischen Grundlagen feministischer Forschung. „Where do you look and what do you see?“ ist für sie die grundlegende Formel der Selbstbefragung, auf die feministische Theoriebildung sich verpflichten muss, will sie kolonial geprägte Repräsentation und immer noch bestehende Unterdrückungsverhältnisse in der akademischen Wissensproduktion tatsächlich durchbrechen und dauerhaft dekolonisieren.

In ihrem Vortrag „South-South Feminisms as a Challenge to Solidarity Narratives in the 21st Century“ stellten Rirhandu Mageza-Barthel und Uta Ruppert Forschungsergebnisse zu unterschiedlichen Strategien und Positionen südafrikanischer feministischer Akteur*innen in der aktuellen China-Afrika-Politik vor. Besonders interessant war die Kategorie „abstention“. Damit beschreiben die beiden Frankfurter Kolleginnen das „sich Heraushalten“ aus dieser Form der Süd-Süd Politik, das vor allem von feministischen Organisationen praktiziert wird, die seit Jahrzehnten transnational – und das heißt natürlich auch Süd-Süd – vernetzt sind. Mageza-Bathel und Ruppert sahen darin den Beleg, dass der neue China-Afrika-Diskurs hauptsächlich zwischen Regierungen stattfindet und insbesondere aus der Sicht von Frauenbewegungsakteurinnen wenig emanzipatorische Perspektiven aufweist.

Die Frage danach, inwiefern diese Forschungsergebnisse von ihren eigenen Positionalitäten als Wissenschaftlerinnen geprägt sind und welche Möglichkeiten und Bedingungen ethischer transnational-feministischer Forschung mit diesen Positionen verknüpft sind, stand im Zentrum der methodologischen Reflektion dieses Vortrages. Die konstatierte „methodologische Lücke der Süd-Süd-Forschung, die aus dem Globalen Norden heraus finanziert und betrieben wird“, entsteht danach unter anderem aus den bisher kaum vorhandenen wissenschaftlichen Reflektionen der immer noch aktuellen Hierarchien, Ökonomien und epistemischen Widersprüche, die für die Area Studies stets kennzeichnend waren und auch deren neuere Zweige bis heute prägen.

Ayse-Gül Altinays Ausgangspunkt für ihren Beitrag über aktuelle Feminismen in der Türkei mit dem Titel „Doing Feminism and Gender Studies in Dark Times“ war das Zusammendenken von Hannah Arendts Konzept der „Illumination“ und Dina Georgis Konzept der „better stories“. Illuminationen, die sich in unterschiedlichen narrativen Formen manifestieren, seien grundlegend dafür, in besonders bedrohlichen Zeiten das Leben und die trotz allem vorhandenen Lebensmöglichkeiten nicht aus dem Blick zu verlieren, um nicht von den zerstörerischen hegemonialen Kräften absorbiert zu werden. Politisch zielt dieser Ansatz auf Strategien, die sich nicht zwangsläufig als Widerstand an Mächtigen abarbeiten, sondern Lebendigkeit an sich in den Vordergrund stellen. Feministische Wissenschaft sei durch die Sichtbarmachung und Erforschung von Illuminationen Teil der Strategie, gerade auch wenn sie sich durch diese Praxis unter repressiven Regimen selbst verletzlich macht. Altinay setzt diesen Anspruch empirisch mit der genealogischen Erforschung der Frauenbewegungen in der Türkei, die entgegen weit verbreiteter Annahmen schon vor Kemal Atatürks Zeit aktiv waren, und den aktuellen Innovationen und Strategien von feministischen Bewegungen um. Illuminationen von Bewegungen unter den aktuellen Repressionen in der Türkei umfassten unter anderem die Bildung neuer Allianzen und somit Formen der Lebendigkeit in solidarischer Gemeinschaft.

Teil dieser Wissenschaftspraxis und des Projekts, Frauen* in Historiographien hineinzuschreiben und sichtbar zu machen, ist Vernetzungs- und Archivarbeit sowie die Umsetzung des gewonnenen Wissens in feministische politische Bildungsarbeit für Erwachsene und Jugendliche. Besondere Bedeutung schreibt Altinay der transnationalen Solidarität unter feministischen Wissenschaftler*innen zu.

Djamila Ribeiros Vortrag „Postcolonial Black and Native Brazilian Women’s Movement in Brazil between Africanism and Feminism: What are they about?” ordnete zunächst Brasilien als post-kolonialen Staat ein, in dem koloniale Ordnungen nach wie vor Bestand haben und sich beispielsweise in der Gewalt gegen Schwarze Menschen, vor allem als sexualisierte Gewalt gegen Schwarze Frauen*, äußern. Dagegen setzen Schwarze brasilianische Feministinnen* wie etwa Léila Gonzales ihre Analysen der psychologischen und physischen Folgen institutionalisierter postkolonialer Strukturen und gewaltvoller Politiken. Zugleich fragen sie danach, wie ein gutes Leben für Schwarze Frauen in der „institutionellen Einsamkeit“ der weiß geprägten Strukturen möglich sein kann. Mit Gonzales fordert Ribeiro einen Afro-lateinamerikanischen Feminismus, der alternative Gesellschaftsmodelle gegen strukturelle Unterdrückung aus den Peripherien heraus entwickelt. Bestandteil davon sei, ähnlich wie bei Altinay, die Fokussierung auf Lebendigkeit als Teil politischer Strategien. Bedingung dafür aber ist transnationale Solidarität und Organisation. Ribeiro schließt damit explizit an Forderungen nach Verschiebungen der Geographien der Wissensproduktion für dekoloniale Feminismen an.

Abschließend präsentierte Amina Mama in ihrem Vortrag „In the Pursuit of Freedom: Feminist intellectuals in African contexts“ Ausschnitte aus ihrem kollektiv produzierten Archiv über Frauen* als Wissensproduzent*innen und politische Akteur*innen im kolonialen und post-kolonialen Afrika. Gegen die Unsichtbarmachung dieser Frauen* stellt Mama den Zusammenhang mit Kolonialismus als gewaltvolles, vergeschlechtlichtes Projekt heraus. Die Akteur*innen des kolonialen Projekts sahen weder ihre eigenen Unterdrückungsstrategien noch die Kämpfe der betroffenen Frauen* als archivierungswürdig. Wie die Aberkennung von afrikanischen Frauen* als Wissensträger*innen sich auch in post-kolonialen Staaten fortschreibt und wie feministische Bewegungen gegen diese Machtstrukturen ankämpfen, ist eines der zentralen Themen von Amina Mama.

Damit vertritt auch sie eine epistemisch-politische Perspektive, die die Binaritäten zwischen dem Politischen und dem Epistemischen bzw. dem Diskursiven und dem Materiellen in Frage stellt und zugleich überbrückt. Ein eindrückliches Beispiel dafür, wie eine solche Vermittlung konkret aussehen kann, ist das von Mama seit vielen Jahren herausgegebene, frei zugängliche Journal „Feminist Africa“, das sich selbst als wissenschaftspolitische Intervention und als Plattform des Austauschs und der Förderung feministischer Positionen im afrikanischen Kontext versteht.

Insgesamt hat die Reihe somit vor allem Folgendes herausgearbeitet: Für dekoloniale feministische Theorie zentral ist Sumi Madhoks grundlegende Frage danach, „who looks where and sees what“, d.h. der Einbezug von peripheren Epistemen. Dabei ist dieser Einbezug nicht nur erkenntnistheoretisch motiviert, sondern zugleich Teil einer feministischen politischen Agenda, die danach verlangt, akademische, ökonomische, soziale und politische Praxen in ihren Verschränkungen zu fassen und innerhalb wie außerhalb der Universitäten zu verbinden. Wie Amina Mama in ihrem Vortrag herausstellte, blicken viele Feminist*innen im Globalen Süden auf lange Traditionen der Verbindung von akademischer Wissensproduktion und sozialen Kämpfen zurück. Die Reihe „Feminisms from the Global South“ lieferte in diesem Sinne vielfältige Anregungen dafür, die Grenzen hegemonialer Formen der Wissensproduktion und Wissensökonomien zu durchbrechen und die Herausforderungen der diskutierten epistemischen Interventionen für die feministische Theorie und Praxis anzunehmen.

 

Radwa Khaled studiert Politikwissenschaft im Master an der Freien Universität Berlin. Esther M. Franke studiert den Master Politische Theorie an der Goethe Universität Frankfurt.

 

Mehr Informationen zur Colloquiumsreihe:

http://www.fb03.uni-frankfurt.de/71133740/feminisms-from-the-global-south

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