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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 370 | Gefängnisse und Strafsysteme Krieg ohne Ende - Die vietnamesische Erinnerungspolitik lässt Lücken

Krieg ohne Ende - Die vietnamesische Erinnerungspolitik lässt Lücken

43 Jahre nach seinem Ende ist der Vietnamkrieg dort, wo er ausgetragen wurde, noch immer allgegenwärtig. Allein die Spätfolgen des hochgiftigen Pestizids Agent Orange betreffen nach wie vor viele tausende Menschen. Die offizielle Erinnerungspolitik der bis heute regierenden Kommunistischen Partei bemüht vor allem das Narrativ vom heroischen Befreiungskrieg. Doch gerade in Südvietnam wird das der Realität vieler Kriegsopfer nicht gerecht.

von Christopher Wimmer

»No War – No Vietnam« lautete im Frühjahr 2018 der provozierende Titel einer Ausstellung in Berlin, bei der sich internationale KünstlerInnen mit dem US-amerikanischen Krieg in Vietnam und dem Jahr 1968 auseinandersetzten. Es stimmt ja: Was wäre Vietnam ohne den Krieg? Die Frage mag zynisch wirken, doch war und ist der Vietnamkrieg einer der zentralen Bezugspunkte sowohl für die Wahrnehmung im Land selbst, als auch für die internationale Gemeinschaft. »Vietnam« steht in erster Linie immer noch als Chiffre für den mörderischen Krieg.

Der in Vietnam als »amerikanischer Krieg« bezeichnete Vietnamkrieg folgte ab 1955 auf den Indochinakrieg, der von 1946 bis 1954 zwischen der Kolonialmacht Frankreich und der vietnamesischen Unabhängigkeitsbewegung Viet Minh ausgetragen wurde. Er wird daher auch als »Zweiter Indochinakrieg« bezeichnet. Der Vietnamkrieg weist zahlreiche Superlative auf. Er war die längste militärische Auseinandersetzung des 20. Jahrhunderts. Mehrere Millionen Menschen fanden dabei den Tod, darunter weit über drei Millionen VietnamesInnen sowie hunderttausende KambodschanerInnen und LaotInnen. Aber auch 58.000 Amerikaner verloren ihr Leben. Ebenso kamen Südkoreaner, Australier, Thailänder und Neuseeländer sowie Mitglieder der Fremdenlegion ums Leben – sie hatten die USA unterstützt.

Mehr als zwei Millionen Tonnen US-amerikanische Bomben fielen auf Laos, etwa 7,5 Millionen Tonnen auf Vietnam und Kambodscha – insgesamt ein Vielfaches dessen, was im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde. Systematisch kam es zu Massakern, Folterungen und Vergewaltigungen. Herausgebrochenes Zahngold, das Abschneiden von Ohren und Geschlechtsteilen und nicht zuletzt die Zwangsumsiedelung von Millionen Menschen – all dies waren nicht Exzesse einzelner Individuen oder Gruppen, sondern gehörte systematisch zur Taktik des Krieges. Solche Gräuel gab es auf beiden Seiten, per Befehl angeordnet wurden sie allerdings nur von der USA – wie das Massaker von My Lai zeigt, bei dem 504 vietnamesische ZivilistInnen ermordet wurden.

 

Gift von Bayer und Boehringer

Im August 1961 wurden auf Geheiß von US-Präsident John F. Kennedy erstmals Pflanzenvernichtungsmittel über den Wäldern Südvietnams eingesetzt. Offizielles Ziel war die Entlaubung des Dschungels, um dem Gegner seine Rückzugsmöglichkeiten zu rauben. Ebenso sollten Reisfelder zerstört werden, um die Nahrungsgrundlagen der vietnamesischen Bevölkerung zu vernichten. Doch zweifelsohne wurden die toxischen Auswirkungen auf die Menschen in Kauf genommen, vielleicht sogar beabsichtigt. Das bekannteste dieser hochgiftigen dioxinhaltigen Entlaubungsmittel war Agent Orange. Neben den Millionen Tonnen Bomben, die auf Vietnam geworfen wurden, setze die US-Luftwaffe mit ihren gefürchteten C-123-Maschinen während des Krieges auch rund 72 Millionen Liter Entlaubungsmittel ein. Als der Krieg 1975 beendet war, waren rund 21.000 Quadratkilometer mit Hilfe von Agent Orange in verödete Landstriche verwandelt und mit Dioxin verseucht.

Die Chemikalien hierfür wurden von den US-Firmen Monsanto und Dow Chemical hergestellt, einem Gemeinschaftsunternehmen von Monsanto und der deutschen Bayer AG. Auch ein weiteres deutsches Unternehmen war an der Herstellung beteiligt: Ab 1967 produzierte das Chemie- und Pharmaunternehmen Boehringer bei Hamburg hunderte Tonnen einer Lauge, die der Herstellung von Agent Orange diente.

Trotz der technischen Überlegenheit der US-Streitkräfte befreiten am 30. April 1975 nordvietnamesische Truppen Saigon und beendeten damit den Krieg. Die Bilder der Evakuierung von US-BürgerInnen und fluchtwilligen VietnamesInnen durch Hubschrauber vom Dach der US-Botschaft in Saigon gingen um die Welt. Nordvietnam und die Nationale Befreiungsfront Südvietnams (NLF) hatten die Weltmacht USA geschlagen. Die Republik Vietnam im Süden, die von den USA zu einem Bollwerk gegen die »kommunistische Bedrohung aus dem Norden« aufgebaut worden war, konnte den nordvietnamesischen Truppen und der NLF nichts entgegenhalten.

 

Beschwörung glorreicher Zeiten

In Hanoi, der neuen Hauptstadt des wiedervereinigten Vietnams, war man voller Hoffnung, das Land nach den jahrzehntelangen Strapazen des Krieges schnell wieder aufzubauen. Doch auch in Friedenszeiten blieb der Krieg zentraler Bezugspunkt. Zu Beginn drangen jedoch nur wenige der geschichtspolitischen Debatten im Land nach außen, denn Vietnam war in der Nachkriegszeit stark isoliert und außenpolitisch lange wenig präsent. Die Regierung unter Führung der Kommunistischen Partei Vietnams (KPV) prägte im Inneren ein sehr undifferenziertes Bild des Krieges, der heroisch als nationale Befreiung dargestellt wurde. »Nach der Wiedervereinigung Vietnams 1976 wurde der erfolgreiche ‘Befreiungskampf’ als Gründungsmythos instrumentalisiert«, beschreibt dies Andreas Margara in seiner lesenswerten Studie »Der Amerikanische Krieg«. »Anstelle einer kritischen Auseinandersetzung mit der 30-jährigen Kriegsvergangenheit (…) berief sich die KPV weiter auf ihre revolutionären Tugenden«, so Margara weiter. Die mehr als drei Millionen getöteten vietnamesischen ZivilistInnen des Krieges wurden von ihr als »ehrwürdige Opfer« dargestellt. Die Geschichte der antikolonialen Widerstandsbewegung wurde zur zentralen machtpolitischen Legitimationsquelle für die KPV.

Diese Tradition wird innerhalb der Partei noch heute hochgehalten, jedoch treten mittlerweile andere Momente hinzu. Die KPV, die das Land nach wie vor allein regiert, steht mehr und mehr für wirtschaftlichen Erfolg, an dem auch ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung teilhaben kann. Vietnam verzeichnete in den letzten Jahren stabile Wachstumsraten von über sechs Prozent, bis 2020 will die sozialistische Republik Industrieland werden. Ein weiterer Grund für die Fokussierung auf die Wirtschaftspolitik liegt darin, dass ein Großteil der Bevölkerung erst nach dem Ende des Krieges geboren wurde. Erfahrungen der Kriege werden somit nur noch über Erzählungen der Eltern und Großeltern vermittelt – oder durch staatliche Schulbücher.

In den Lehrmaterialien wie auch in der gesamten offiziellen Erinnerungspolitik wird nach wie vor das Bild eines Krieges gezeichnet, das sich auf eine glorreiche revolutionäre Vergangenheit stützt. Neben sozialistischen und antikolonialen werden dort auch deutlich nationalistische Töne angeschlagen. Materiell sichtbar wird dies in Form von Soldatenfriedhöfen, Kriegerdenkmälern sowie Kriegs- und Siegesmuseen, die sich stilistisch am Sozialistischen Realismus orientieren. Vielfach wirken diese reliktartig und anachronistisch, so Margara. Brüche und Diskontinuitäten der Geschichte, insbesondere auch innerhalb der Partei, werden ausgeblendet. Homogenisierungen wie »der Staat«, »die Partei« und »das Volk« werden mehr und mehr als zentrale Bezugspunkte gesetzt. In seinem Buch »Die Partei und der Krieg« verwirft Martin Großheim jedoch das Bild einer monolithischem KPV und zeigt kenntnisreich die politischen und kulturellen Richtungskämpfe innerhalb der Partei auf.

 

Erinnerung gibt es nur im Plural

In Vietnam gibt es derzeit in Bezug auf den Krieg drei verschiedene Diskursstränge. Zunächst das bereits erwähnte staatliche, offizielle Narrativ der Partei: Unter der Führung der KPV war der Krieg ein heldenhafter Befreiungskrieg gegen die französischen und amerikanischen Aggressoren. Diese Lesart spiegelt sich auch in den offiziellen Feiertagen wieder. Bereits 1947 führte Ho Chi Minh den Gedenktag für Kriegsversehrte und Märtyrer ein, der seit 1995 auch Gedenktag der »Heldenmütter« ist – also der Frauen, die mindestens drei Söhne im Krieg verloren haben – und am 27. Juli begangen wird. Am 2. September wird der Unabhängigkeitstag gefeiert, in Erinnerung an die Unabhängigkeitserklärung von 1945. Der 30. April als »Tag der Befreiung des Südens« feiert das Kriegsende 1975.

Ein zweiter Strang ist die private und familiäre Erinnerung. Diese bezieht sich auf das individuelle Kriegsleid, das im offiziellen Narrativ der kollektiven Opferbereitschaft und des Siegeswillens des »vietnamesischen Volkes« kaum vorkommt. Ohne Zweifel war der Einsatz der Menschen während des gesamten Krieges unendlich hoch, doch wird dies nur selten von offizieller Seite gewürdigt. Einzelschicksale finden in Museen oder Gedenkstätten selten Raum und werden durch das Kollektiv des »Volkes« überdeckt. Die Erinnerungen von Frauen, die nicht als Soldatinnen im Einsatz waren, werden kaum beachtet. Diese fehlende Anerkennung des individuellen Leids durch die offizielle Politik macht auch das Erinnern im Rahmen der Familie schwierig.

Drittens gewinnen verschiedene Formen der Kriegserinnerung an Bedeutung, die verstärkt einen Wirtschaftsfaktor im Tourismus darstellen. Seit der Öffnung des Landes für den Tourismus Mitte der 1990er Jahre sind viele US-Veteranen mit ihren Familien zu sogenannten »healing journeys« nach Vietnam gereist, wo sie die Orte besuchten, in denen sie gedient hatten. Daraus hat sich inzwischen ein eigener institutionalisierter Zweig des Tourismus entwickelt. Gerade an Erinnerungsorten im Süden wird die Geschichte so oftmals in Kommerz verwandelt. Westliche TouristInnen können dort mit Maschinengewehren schießen und Panzer besteigen, um »realistische Kriegserfahrungen« nachzuspielen. In der einstigen entmilitarisierten Zone um den 17. Breitengrad werden geführte Touren angeboten. Der kreative und kommerzielle Umgang mit dem Krieg zeigt sich auch in der medialen Vermarktung des Krieges durch Kinofilme wie »Good Morning Vietnam« oder in Souvenirs wie Schlüsselanhängern aus alten Patronen.

Diese drei Momente werden überdeckt durch den latenten Konflikt zwischen Nord- und Südvietnam. Immer noch ist ein Geschichtsbild vorherrschend, das »gute«, für Nordvietnam und die NLF kämpfende von »schlechten«, für die südvietnamesische Republik kämpfende VietnamesInnen unterscheidet. Dieses Bild entstand während des Krieges und wirkt bis heute in Medien, Publikationen und in der Gesellschaft fort. So wird beispielsweise der »Tag der Befreiung des Südens« nach wie vor zwiespältig aufgenommen, da dieser Tag im Norden als Tag des Sieges gefeiert wird, im Süden dagegen auch Grund zur Trauer um die gefallenen SoldatInnen besteht. Diese Trauer spielt jedoch in der offiziellen Politik immer noch keine Rolle.

Zwar gibt es inzwischen vorsichtige Versuche der Versöhnung. So wird in den Medien verstärkt von der »Regierung« und der »Armee der ehemaligen Republik Südvietnam« gesprochen und nicht mehr wie jahrzehntelang despektierlich von der »Marionettenregierung«. Aber die praktische Umsetzung dieser Versöhnungspolitik beschränkt sich bisher auf die Visafreiheit von AuslandsvietnamesInnen. Ein weitergehender Schritt seitens der Behörden wäre es etwa, den Angehörigen der südvietnamesischen SoldatInnen zu erlauben, deren Gräber zu pflegen und die in Vietnam üblichen Trauerrituale durchzuführen. Bis heute gibt es jedoch zwei Klassen von Gefallenen.

 

Giftopfer in der Armutsfalle

Neben dieser mangelnden Wiederversöhnung nach innen gibt es weitere offene Wunden. Auch wenn Vietnam mit dem ehemaligen Kriegsgegner USA freundschaftliche Beziehungen pflegt, ist das Thema Agent Orange noch lange nicht geklärt. Über 40 Jahre nach dem Krieg sind die tragischen Folgen nach wie vor sichtbar. Hunderttausende Menschen sind krank, viele Nachkommen haben schwerste Missbildungen. Das Dioxin ist teilweise noch immer in der Nahrungskette vorhanden und schädigt das Erbgut über Generationen hinweg.

Es ist der 2004 gegründeten Vietnam Association for Victims of Agent Orange (VAVA) zu verdanken, den unzähligen Opfern ein Gesicht gegeben und ihnen eine Plattform geboten zu haben, um auf die Langzeitfolgen des Einsatzes von giftigen chemischen Substanzen aufmerksam zu machen. Wie viele Opfer von Agent Orange es gibt, weiß niemand genau. Die Schätzungen gehen weit auseinander. Die VAVA spricht von landesweit drei Millionen Menschen. Allein in der Region von Da Nang in Mittelvietnam, in der viele Kämpfe tobten, leiden laut der örtlichen Opfervereinigung noch immer rund 5.000 Menschen an den Spätfolgen von Agent Orange. Durch die gesundheitlichen Folgen ergeben sich für die Familien auch große finanzielle Belastungen. Teure Medizin und Behandlungen seien für viele Betroffene eine nahezu unlösbare Herausforderung. Laut VAVA leben etwa 40 Prozent aller Herbizidopfer unter der Armutsgrenze.

Unterstützung aus den USA erfahren sie kaum. Die Vereinigten Staaten berufen sich darauf, es sei nicht erwiesen, dass die Krankheiten auf Agent Orange zurückzuführen sind. Seit den 1970er Jahren gab es hunderte von Klagen aus Vietnam gegen die USA und die Herstellerfirmen von Agent Orange, allen voran Monsanto und Dow Chemical. Sie wurden allesamt mit der Begründung abgewiesen, ein direkter Zusammenhang von Agent Orange und Krankheiten sowie Missbildungen sei nicht nachweisbar.

Die USA haben bei der Aufarbeitung des Vietnamkriegs große Fortschritte gemacht, insbesondere hinsichtlich der Normalisierung der Beziehungen zum ehemaligen Kriegsgegner. Es gibt wachsenden Respekt zwischen den beiden Nationen sowie verstärkte Handelsbeziehungen. Dennoch sind die Wunden noch offensichtlich, es bleibt viel zu tun. Die USA weisen auf Menschenrechtsverletzungen in Vietnam hin, Vietnam fordert weiter Entschädigung für den Krieg.

In der jüngsten Zeit waren zumindest kleine Schritte aus den USA zu vernehmen. Nach Angaben des Think Tanks Aspen Insitute stellten die USA 136 Millionen Dollar für Vietnam bereit. Davon sind 105,5 Millionen Dollar für die Sanierung verseuchter Böden vorgesehen. Weitere 30,5 Millionen sollen in Gesundheitsprojekte fließen. 31 Millionen Dollar kämen von privaten StifterInnen aus den USA. Doch direkten Schadensersatz hat die US-Regierung bis heute nicht gezahlt.

In den USA haben die Hersteller Dow Chemical und Monsanto inzwischen etwa 215 Millionen Dollar an die Opfer von Agent Orange und ihre Verbände überwiesen. Das Geld bekamen jedoch lediglich Kriegsveteranen aus den USA, Australien und Neuseeland – vietnamesische KlägerInnen gingen leer aus. Die vietnamesischen Opfer bleiben somit weiterhin weitgehend ungehört und werden alleine gelassen. So gesehen ist der Vietnamkrieg ein Krieg ohne Ende.

 

Literatur

Martin Großheim (2009): Die Partei und der Krieg. Debatten und Dissens in Nordvietnam. Regiospectra, Berlin.

Andreas Margara (2012): Der Amerikanische Krieg. Erinnerungskultur in Vietnam. Regiospectra, Berlin.

Patricia M. Pelley (2002): Postcolonial Vietnam. New Histories of the National Past. Duke University Press, Durham.

 

 

Christopher Wimmer hat Soziologie, Politik und Geschichte studiert. Aktuell arbeitet er als Freier Journalist und promoviert in Berlin.

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