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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 371 | Über Verschwörungstheorien Die andere Realität - Die Esoterik reaktiviert das Verschwörungsdenken

Die andere Realität - Die Esoterik reaktiviert das Verschwörungsdenken

Bis ins Zeitalter der Aufklärung hinein installierten die Religionen das Verschwörungswissen fest in der Gesellschaft. Heute übernehmen esoterische Heilslehren diese Mission. Die scheinbar unpolitische, unverdächtige Esoterik wird auch in der gesellschaftlichen Mitte rezipiert.

von Peter Bierl

Es gibt reale Verschwörungen, wie etwa die der Loge P 2 in Italien. Es gibt Verschwörungsfiktionen, wie die Romane von Dan Brown oder Serien wie Akte X. Es gibt seriöse Theorien über Verschwörungen, die bewiesen oder widerlegt werden können. Und es gibt einen diffusen Verschwörungsglauben sowie Verschwörungstheorien: Das sind Legenden, die bestimmten Gruppen unlautere Machenschaften zuschreiben.

Manche raten davon ab, den Begriff Verschwörungstheorie zu verwenden, weil man Hirngespinste nicht mit dem Begriff Theorie adeln sollte. Man spreche besser von Verschwörungsideologie oder Verschwörungsmentalität. Der Einwand ist berechtigt, aber nicht unproblematisch, weil suggeriert werden könnte, dass nur bildungsferne Dumpfbacken das Copyright auf Fake News hätten. Dabei wurden etwa Rassentheorien an Universitäten gelehrt. Irrlehren, Manipulation und Desinformation werden von allen Seiten im politischen Geschäft eingesetzt. Im Folgenden wird der Begriff Verschwörungstheorie verwendet, weil er gebräuchlich ist.

 

Vom Glauben zum Verschwörungsglauben

Historisch spielen die Religionen eine große Rolle dabei, dass sich Verschwörungstheorien weit verbreiteten. Im Mittelalter kam die Vorstellung auf, Hexen würden im Bunde mit dem Teufel die christliche Ordnung angreifen. Juden und Jüdinnen würden Hostien stehlen und schänden sowie Brunnen vergiften, um die ChristInnen zu vernichten, deren Kinder entführen, foltern und schlachten, um mit dem Blut Brot zu backen oder schwarze Magie zu betreiben. Laut einer Umfrage in Polen glaubten noch 2011 neun Prozent der Befragten an jüdische Ritualmorde. Dieser Vorwurf wird noch immer in den Reihen der ungarischen Jobbik-Partei laut, er gehört zum Repertoire des islamischen Antisemitismus und schwingt mit, wenn es heißt, die israelische Armee töte gezielt palästinensische Kinder.

Hatten sich seit der Reformation KatholikInnen und ProtestantInnen, dann Freimaurer und Jesuiten sowie AufklärerInnen und Obrigkeit wechselseitig der Verschwörung bezichtigt und einige reale Verschwörungen ausgeheckt, so galten nach der Französischen Revolution wieder zuerst die Juden und Jüdinnen als Finsterlinge, die im Hintergrund wirken. Insbesondere der Geistliche Augustin Barruel (1741-1820) entwickelte die sogenannte Drahtzieher-Theorie, wonach die Freimaurer die Revolution ausgelöst hätten – gelenkt von einem jüdischen Komplott. Auf die Schriften Barruels berufen sich später Nazis wie Alfred Rosenberg.

Eine neue Variante von Verschwörungstheorien entwickelte sich Mitte des 20. Jahrhunderts. In den klassischen Fällen lautete der Vorwurf, eine Gruppe agiere gegen Staat und Gesellschaft. Neuerdings heißt es, der Staat selbst wende sich gegen die Gesellschaft – oder eine klandestine Gruppe nutze den Staatsapparat zu diesem Zweck. 1947 behauptete das US-amerikanische Senatskomitee House on Un-American Activities unter dem erzkatholischen Senator Joseph McCarthy, es existiere eine »große Verschwörung innerhalb der Regierung«. Spekulationen um die Ermordung von John F. Kennedy, um Ufos und Aliens, die Mondlandung, die Terroranschläge von 9/11 oder um Migration folgen diesem Muster: Stets soll die Regierung von Verschwörern beherrscht sein oder im Dienste geheimer Hintermänner gegen die Bevölkerung operieren.

 

Neue Spiritualität und Legenden …

Im 20. Jahrhundert lösten eine neue Spiritualität und esoterische Erzählungen die etablierten Religionen in verschiedener Hinsicht ab. Gerade die unpolitisch erscheinende Esoterik kann erneut Verschwörungserzählungen in die Mitte der Gesellschaft transportieren. Die neuere Esoterikszene wuchs seit den 1970er Jahren entlang vielfältiger Strömungen wie Astrologie oder New Age. Deren Übergänge in die faschistische Szene sind mitunter fließend, wie das Aufleben der Neuschwabenland-Mär zeigt, wonach die Nazis sich bei Kriegsende mit neuartigen Flugobjekten in die Antarktis zurückzogen. Desweiteren fand das Faible für konspiratives Wissen mit der populären Welle von Ufo-Erzählungen weitere Verbreitung, es lebte etwa in der TV-Serie »Akte X« auf.

In Deutschland erschienen Übersetzungen amerikanischer Autoren, etwa von Gary Allen (»Die Insider«, 1974) oder Des Griffin (»Wer regiert die Welt? Die Protokolle der Weltdiktatur«, 1986), in denen Bilderberger und Illuminaten als Verschwörer auftraten. Esoterik verspricht Aufbruch. So erscheinen »Die Insider« in deutscher Sprache im Verlag für außergewöhnliche Perspektiven (VAP). Der ehemalige britische Fußballprofi David Icke verkündet, in Wahrheit würden wir von außerirdischen Reptiloiden in Humangestalt beherrscht, die sich der »Juden« und »Illuminaten« bedienten (»Das größte Geheimnis«, 2004). Seine Werke erscheinen im Mosquito-Verlag, der sich einer Wahrheitssuche jenseits der Mainstream-Medien verpflichtet sieht.

Einen originär deutschen Verschwörungsbeitrag lieferte Dieter Rüggeberg, ein rechter Okkultist mit Nähe zur Anthroposophie, der in seinem zweibändigen Werk »Geheimpolitik« (1990/1994) Hitler als okkulten Logenbruder im Dienst des Weltjudentums bezeichnet. Einen Bestseller schrieb Jan Udo Holey alias Jan van Helsing mit den »Geheimgesellschaften« (1993, 1995), dessen erster Band über 100.000 verkaufte Exemplare erreichte und in der Zeitschrift Esotera beworben wurde. Er erscheint im Amadeus Verlag und wird auch über den verschwörungstheorieaffinen Kopp Verlag vertrieben. Auszüge wurden in dem Esoterik-Blatt Die andere Realität publiziert.

Holey spintisierte von Schwarzmagiern, die die Priester des antiken Mesopotamien infiltriert hätten, um eine Weltregierung zu errichten, und über einen Mayer Amschel Rothschild, der sich 1743 in der Frankfurter Judengasse mit zwölf reichen Juden traf. Sie hätten geplant, mit Hilfe von drei Weltkriegen die Weltherrschaft zu errichten. Derzeit werde der dritte Weltkrieg vorbereitet, aber eine Koalition aus Irdischen und Aliens werde die Verschwörer am Ende besiegen. Holey schlachtete das ganze Arsenal des Verschwörungsdenkens aus: Bilderberger, Vatikan, Ku-Klux-Klan treten als Werkzeuge der Freimaurer und Juden auf. Bundeskanzler Helmut Kohl sei in Wahrheit ein Jude namens Henoch Kohn.

 

… gegen die angloamerikanische Dämonie

Eine wichtige Rolle spielen Verschwörungstheorien in der Anthroposophie, der größten und einflussreichsten Strömung der Esoterik in Deutschland. Sie lehrt die Existenz von Engeln, Volksgeistern und Götterboten. Politische Ereignisse werden durch das Wirken der Dämonen Ahriman und Luzifer erklärt, die für Materialismus und Intellektualismus stehen. Den Ersten Weltkrieg deuteten der Begründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner, und sein Anhang als Verschwörung von britischen Freimaurern, Jesuiten und jüdischen Bankern gegen Deutschlands Mission.

Die Galionsfigur der Ostermarschbewegung, Renate Riemeck, Anthroposophin und vormaliges NSDAP-Mitglied, wiederholte diese Sicht in einer Artikelserie, die unter dem Titel »Mitteleuropa – Bilanz eines Jahrhunderts« (1965) inzwischen vier Auflagen erlebt hat. Zum hundertsten Jahrestag des Kriegsausbruchs von 1914 schrieb Lorenzo Ravagli in der Zeitschrift Erziehungskunst, die der Bund der Freien Waldorfschulen herausgibt, Steiners Äußerungen zum Ersten Weltkrieg hätten sich allesamt bewahrheitet. Das gelte insbesondere für die »esoterischen, okkulten und spirituellen Tatsachen«.

Der anthroposophische Perseus-Verlag in der Schweiz hat sich auf dieses Thema spezialisiert. Dessen Chef Thomas Meyer deutet den Ersten Weltkrieg wie auch den Ukraine-Konflikt als Versuche der angloamerikanischen Mächte, die Mission Mitteleuropas zu torpedieren. Diese bestünde darin, den »aus der Tyrannei des Bolschewismus befreiten Ostvölkern« neue spirituelle Entwicklungen zu vermitteln. Meyers Zeitschrift »Der Europäer« bietet Verschwörungstheoretikern wie Gerhard Wisnewski oder Daniele Ganser ein Forum.

Eine neue Strömung ist die Anastasia-Bewegung, der eine Fantasy-Romanreihe (1996 – 2010) von Wladimir Megre zugrunde liegt. Das Weltbild dieser Bewegung ist reaktionär und patriarchal: Sie orientiert sich am kleinbäuerlichen Familienbetrieb im vormodernen Russland. Als Ziel wird die Erlösung vom »Zeitalter der Dunkelmächte« angegeben, hinter dem sich eine jüdische Weltherrschaft verberge. Der Weg dazu bestehe im Aufbau von sogenannten Familienlandsitzen. Jeweils eine Familie soll sich auf einem Hektar Land selbst ernähren. In Russland existieren angeblich 300 solcher Siedlungen, in Deutschland ein Dutzend. Es gibt eine gewisse Nähe zu den Reichsbürgern.

Die Anfälligkeit für Verschwörungstheorien in der Esoterikszene kommt nicht von ungefähr. Sie hängt mit dem Glauben zusammen, dass sich hinter der sichtbaren Welt eine unsichtbare verberge, von der aus Geister, Götter oder kosmische Energien sowie Schicksal und Karma unsere Geschicke bestimmen. Das Verschwörungsdenken ist so auch ein Kernbestandteil der Esoterik. Und wie schon zuvor mit der Religion verbreiten sich aus der Esoterik heraus Verschwörungstheorien bis in die Mitte der Gesellschaft hinein.

 

Peter Bierl ist Journalist und Buchautor. Zuletzt veröffentlichte er das »Einmaleins der Kapitalismuskritik« (Unrast 2018).

371 | Über Verschwörungstheorien
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