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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 371 | Über Verschwörungstheorien Katharina Karcher: Sisters in Arms

Katharina Karcher: Sisters in Arms

Militant feministisch

Die Historisierung neuer sozialer Bewegungen ist schon seit geraumer Zeit ein Megatrend in der Geschichtswissenschaft und verwandten Disziplinen. Die 68er sind bis in fast alle Verästelungen hinein erforscht, ebenso deren gewalttätige Derivate wie die RAF. Was bislang weitgehend fehlte, ist eine Bestandsaufnahme der militanten feministischen Kämpfe in Westdeutschland seit den 1970er Jahren. Sie blieben trotz des ansonsten inflationären Geredes über ‚den Terrorismus‘ weitgehend unsichtbar.

Dieses Defizit möchte die an der Universität Warwick forschende Sozialwissenschaftlerin Katharina Karcher mit ihrer Studie Sisters in Arms beheben. Sie dokumentiert eine beeindruckende Fülle militanter Aktionen, mit denen Feministinnen ihren Anliegen Nachdruck verliehen. Sie richteten sich mittels Sprühaktionen, Besetzungen und Entglasungen gegen das Abtreibungsverbot, gegen Vergewaltiger und ihre Verharmloser, gegen die Sexindustrie und den Frauenhandel. Gewalt gegen Personen wurde dabei weitgehend vermieden. Viele der militanten feministischen Gruppen hatten einen explizit internationalistischen Fokus. Schon lange bevor der Begriff der Intersektionalität aufkam, agitierten sie sowohl gegen Sexismus als auch gegen Rassismus und Klassenherrschaft.

Das bekannteste Beispiel für diese vielerlei Hinsicht grenzüberschreitende Herangehensweise ist die Kampagne gegen die ADLER-Textilkette. Im Mai 1986 wurde bekannt, unter welch ausbeuterischen Bedingungen der westdeutsche Konzern in Südkorea Kleidung herstellen ließ. Die Löhne der Näherinnen waren mies, die Arbeitsbedingungen miserabel und sexuelle Übergriffe an der Tagesordnung. Firmenchef Fürchtegott Adler prahlte offen: »Ohne die schwarzhaarigen, mandeläugigen Koreanerinnen wäre der steile Aufstieg des ADLER-Konzerns nicht möglich gewesen.«

Die nun einsetzende Solidaritätskampagne von Frauengruppen blieb zunächst folgenlos. Erst als die militante Gruppe Rote Zora in der Nacht des 15. August in neun ADLER-Filialen Feuer legte und Sachschäden in Höhe von 30 bis 35 Millionen DM verursachte, kam Bewegung in die Sache. Die Medien berichteten umfassend, zwar mit negativem Tenor über »frustrierte Feministinnen«, aber im Ergebnis zielführend. Denn der um seinen Ruf fürchtende ADLER-Konzern versprach, den Arbeiterinnen höhere Löhne zu zahlen und gewerkschaftliche Organisierung zu gestatten.

Wie Karcher berichtet, waren derlei Aktionen innerhalb der Frauenbewegung dennoch nicht unumstritten. Feministinnen wie Christa Wichterich und Christa Stolle befürchteten, dass kurzfristige militante »Feuerwerke« den langfristigen Erfolg gewaltfreier Proteste gefährdeten. Hinzu kam die staatliche Repression: Obwohl keine Beweise vorlagen, wurden Ingrid Strobl und Ulla Penselin der Mithilfe bei den Aktionen gegen ADLER beschuldigt. Die Solidarität mit ihnen kostete die Bewegung viel Zeit und Kraft.

Karcher bildet die Beweggründe für feministische Militanz und die Diskussionen darüber wissenschaftlich solide ab. Aufgrund der lesefreundlichen Knappheit ihrer Darstellung bleibt manches aber kursorisch, anderes fehlt. So zum Beispiel der Überfall auf die EMMA-Redaktion im Jahr 1994 durch eine Kölner Frauen Lesben Gruppe. Konkreter Anlass war nicht allein der Rassismus, der der EMMA immer wieder auch aus dem feministischen Spektrum nachgesagt wurde, sondern vor allem ein wohlwollender Artikel über den hochumstrittenen Philosophen Peter Singer. Dessen Positionen zu Sterbehilfe und Abtreibung mutmaßlich ‚behinderter‘ Föten wurden von großen Teilen der Linken vehement abgelehnt.

Über die mit dem Angriff auf EMMA verbundenen Kontroversen innerhalb der feministischen Szene hätte man gerne mehr erfahren, zumal Kritik an Alice Schwarzer seit der Kölner Silvesternacht erneut heiß diskutiert wird. Doch die Historisierung lebendiger sozialer Bewegungen ist eben niemals abgeschlossen. In ihrem kurzen Ausblick auf heutigen militanten Feminismus etwa durch »Pussy Riot« konstatiert Karcher das sinngemäß selber.

von Christian Stock

 

Katharina Karcher: Sisters in Arms. Militanter Feminismus in Westdeutschland seit 1968. Aus dem Englischen von Gerhild Ahnert und Annemarie Künzl Snodgrass. Assoziation A, Berlin/ Hamburg 2018. 232 Seiten, 19,80 Euro.

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